Prozess in Berlin

Ein Betrug, an dem alle verdient haben

Als die Sanitätshäuser von Stefan P. in Berlin schlecht liefen, soll er ein System erfunden haben, bei dem alle profitierten. Versicherte, Ärzte - und er selbst. Vor Gericht gesteht er den Betrug.

Als Stefan P., ehemaliger Inhaber einer Kette von Sanitätshäusern, noch eine Filiale in Moabit betrieb, hat er selbst den Bundesinnenminister mit Einlagen für dessen Schuhe versorgt. Doch auch dieser prominente Kunde konnte nicht verhindern, dass die Geschäfte von P. insgesamt schlecht gingen. Der 53-Jährige musste sich etwas einfallen lassen – und das tat er dann auch, durchaus mit Erfolg - wenn auch zweifelhaftem. Und auf eine Art und Weise, für die der Gesetzgeber den Begriff Abrechnungsbetrug geschaffen hat. Seit Montag muss sich Stefan P. deshalb vor dem Landgericht verantworten.

Gleich zum Prozessauftakt legte der Angeklagte ein umfassendes Geständnis ab. Und schilderte dabei anschaulich, wie man es anstellt, das Gesundheitssystem zum Zweck der persönlichen Bereicherung zu nutzen. Zwei Jahre lang wandte P. in seinen sechs Geschäften in Berlin und Brandenburg seine betrügerischen Machenschaften an, insgesamt erleichterte er die Krankenkassen dabei um knapp 700.000 Euro. Für Einlagen und andere orthopädischen Hilfen.

Seine Masche: Mit Hilfe etlicher Zuträger besorgte er sich die Versicherungskarten zahlreicher Patienten, die die Karten gegen einen kleinen Obolus einige Tage zur Verfügung stellten. Bis zu 3000 Karten, so schätzte der Angeklagte in seinen Ausführungen vor Gericht, kamen dabei innerhalb von etwa zwei Jahren zusammen. Hilfreich war dabei offenbar die Tatsache, dass einige Komplizen von P. Angehörige von Großfamilien waren und so auf einen beeindruckenden Fundus von Verwandten zurückgreifen konnten.

Verdient haben alle

Die Versicherungskarten übergab er dann diversen Ärzten, die nach seinen eigenen Angaben „im Milieu“ dafür bekannt waren, dass sie problemlos Rezepte ausstellten, ohne großartig Fragen zustellen. Im Fall P. wurden die Rezepte ausgestellt, ohne dass die Ärzte die Patienten überhaupt jemals gesehen, geschweige denn untersucht hätten. Das nennt man auch „Luftrezepte“. Schließlich landeten die Rezepte bei P., der sie mit den Krankenkassen abrechnete, ohne die verschriebenen Hilfsmittel tatsächlich an die Patienten auszuhändigen.

Verdient an dieser Masche haben offenbar viele. P. selbst soll, so sieht es die Staatsanwaltschaft, mit diesen Einnahmen seinen aufwendigen Lebensstil finanziert haben. Seine Zuträger bekamen Provisionen, die Inhaber der Versicherungskarten ihren Obolus, und auch die Ärzte verdienten. Sie bekamen ebenfalls Provision und konnten die Rezeptausstellung nochmals selbst bei der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen.

Verdacht geschöpft hatten die Krankenkassen offenbar schon länger, im Herbst vergangenen Jahres wurde dann die Polizei eingeschaltet. Ein eigens für solche Betrugsdelikte zuständiges Kommissariat des Landeskriminalamtes nahm die Ermittlungen auf und P. landete in Untersuchungshaft. Der Prozess gegen ihn wird am Mittwoch fortgesetzt.