Katholische Kirche

Heiner Koch wird neuer Berliner Erzbischof

Papst Franziskus hat Heiner Koch zum neuen Erzbischof von Berlin ernannt. Koch war erst in Köln, dann in Dresden. Dort wird man ihm nachtrauern.

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Gebangt und gehofft hatte man im Bistum Dresden-Meißen: Bischof Heiner Koch möge nicht neuer Oberhirte von Berlin werden. Bereits 2011 war er für den Erzbischofsstuhl gehandelt worden. Nun, vier Jahre später, darf er dort tatsächlich Platz nehmen: Am Montag ernannte Papst Franziskus Heiner Koch zum neuen Erzbischof von Berlin. Er folgt auf Kardinal Rainer Maria Woelki, der im vergangenen September nach Köln wechselte.

Die Personalie überraschte dennoch. Schließlich steht Koch erst seit gut zwei Jahren an der Spitze des sächsischen Bistums und genießt dort große Beliebtheit. Schnell und engagiert hatte sich der gebürtige Düsseldorfer in die ostdeutsche Diaspora-Situation „eingearbeitet“. Eigens lernte er Sorbisch für die slawische Minderheit in seinem Bistum. Fachliche Kompetenz und menschliche Unkompliziertheit machen den Ruf des 60-Jährigen aus, der stets bescheiden, aber humorvoll auftritt.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) gratulierte Koch: „Ich gratuliere dem neuen Erzbischof zu seiner Ernennung und begrüße ihn herzlich in unserer Stadt. Ich hoffe, daß er, wie seinerzeit Erzbischof Woelki, schnell bei uns heimisch wird. Zwischen Berlin und Köln scheint sich in Sachen Bischofsbesetzung eine Städtepartnerschaft der besonderen Art zu entwickeln, auch wenn Bischof Koch einen Umweg über das Bistum Dresden- Meißen genommen hat.“

Innensenator Frank Henkel (CDU) schloss sich an: „Dies ist ein guter Tag nicht nur für Berlins Katholiken, sondern auch für unsere Stadt.“ Henkel weiter: „Mit Erzbischof Koch kommt ein Mann des Glaubens und des Dialogs an die Spitze des Erzbistums, der reiche Erfahrung in Sachen Seelsorge mitbringt und stadterfahren ist.“

Kölsch, Fußball und rheinischer Frohsinn

Koch und seinen Vorgänger Woelki verbindet einiges: Sie waren gemeinsam Weihbischöfe im Erzbistum Köln, bevor sie nacheinander in den Osten kamen. Beide mögen Kölsch, Fußball und rheinischen Frohsinn. Beide können gut mit Medienvertretern umgehen und auch härtere katholische Kost diplomatisch „verkaufen“. Für beide war die Diaspora zunächst Neuland.

Woelki gratulierte: „Ich freue mich mit den Katholiken in Berlin. Sie erhalten in Heiner Koch einen Bischof, der die anstehenden pastoralen Herausforderungen tatkräftig und kreativ angehen wird“, sagte Woelki am Montag in Köln.

Rasch fand Koch einen Zugang zu den Ostdeutschen, weit über sein Bistum hinaus. Bei seinem Antritt in Dresden im März 2013 erklärte er: „Ich komme nicht und sage, was zu tun ist.“ Sein „Führungsverständnis“ ziele vielmehr auf „Mitnehmen und Integrieren“ ab. Entsprechend ging er die auch aufgrund sinkender Priesterzahlen notwendige Bistumsreform moderat an: Sie läuft unter dem Motto „Pastoraler Erkundungsprozess“. Koch besuchte seine Gemeinden immer zuerst als „Zuhörender“, der ein Gespür für die regionalen Befindlichkeiten bekommen will, auch mit Blick auf die DDR-Vergangenheit. Um „Fettnäpfchen“ zu vermeiden, ließ er sich eigens beraten, welche Reizworte er als „Wessi“ besser vermeiden sollte.

Strammes Arbeitspensum und Mitverantwortung

Doch der als Workaholic bekannte Koch nimmt auch andere in die Pflicht: Er legt ein strammes Arbeitspensum vor, mahnt Gemeinden und Mitarbeiter, aktiv mitzugestalten. Eine solche Form der Mitverantwortung kann auch anstrengend sein – das war nicht jeder im Bistum gewöhnt. Als sehr gut gilt Kochs Verhältnis zu seinem evangelischen Amtskollegen Jochen Bohl. Ökumene war für beide nie eine Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners.

Als „Familienbischof“ der Deutschen Bischofskonferenz ist Koch in vielen gesellschaftlichen Debatten ein gefragter Ansprechpartner. Bei den großen Themen lässt er Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzendem der Bischofskonferenz dennoch häufig den Vortritt. Mit Blick auf die anstehende Familiensynode im Herbst im Vatikan muss Koch einerseits die kirchliche Position in Deutschland vermitteln, andererseits in Rom der Weltkirche den Standpunkt der Kirche in Deutschland verdeutlichen. Es ist ein Projekt, in das er viel Herzblut steckt, und bei dem er zugleich weiß: „Der Erwartungsdruck ist ungeheuer groß.“

Direktheit vieler Nichtgläubigeer mach nachdenklich

Mit großer Neugier und Offenheit betreibt Koch den Dialog mit Konfessionslosen. Die Direktheit vieler Nichtgläubiger verblüffte ihn ebenso, wie sie ihn nachdenklich machte. Etwa als er ein Ehepaar samt Kindern taufte und die Großmutter anschließend am Kaffeetisch neben ihm in Tränen ausbrach: „Was habe ich nur falsch gemacht, dass sich meine Familie jetzt taufen lässt?“

Als Koch den 100. Katholikentag für 2016 nach Leipzig einlud, machte er schnell deutlich, dass dies kein „normaler“ Katholikentag werde. Der Dialog mit Nichtgläubigen müsse im Zentrum stehen – als ostdeutsches Charakteristikum, das aber auch zunehmend für den Westen Bedeutung hat. Koch weiß, wie man solche christlichen Großveranstaltungen organisiert: 2005 war er „Generalsekretär“ des Kölner Weltjugendtags mit Papst Benedikt XVI. Als Erzbischof von Berlin und „katholisches Gesicht der Hauptstadt“ dürften Koch all diese Erfahrungen nützlich sein.