Kommentar

Missbrauch in Berlin - Wenn der Staat zum Täter wird

Berlins Behörden haben sich an Schutzbefohlenen versündigt – und breiten darüber immer noch den Mantel des Schweigens. Eine Aufklärung ist das Mindeste, kommentiert Joachim Fahrun.

Vor mehr als fünf Jahren war die Blockade beendet. Diese Zeitung machte 2010 als erste öffentlich, dass in den Siebziger- und Achtzigerjahren am Berliner Jesuitengymnasium mehrere Patres über Jahre gegenüber Schülern sexuell übergriffig waren – und ihre Oberen sahen weg.

Seitdem ist in der Debatte um sexuellen Missbrauch nichts mehr, wie es war. Den Durchbruch bedeutete, dass hier der Leiter einer angesehenen Institution erstmals den Schilderungen der Opfer Glauben schenkte und die Schuld der Schule und des Ordens einräumte, ohne dass die umfangreichen Vorwürfe von Gerichten justiziabel aufgearbeitet worden wären.

Eine Lawine brach los. Die Sünden der Vergangenheit gegenüber Schutzbefohlenen wurden vielerorts auf der Welt zum Thema, sei es in der reformpädagogischen Odenwald-Schule, in der US-amerikanischen katholischen Kirche, in irischen Kinderheimen oder zuletzt bei den Berliner Grünen. Überall gab es mehr oder weniger ernst gemeinte Versuche, Licht in das belastende Dunkel des eigenen Versagens zu bringen.

Auch der Staat hat sich lange Zeit schuldig gemacht

Nur an Berlins Senatsjugendverwaltung, einigen bezirklichen Jugendämtern und Teilen der pädagogischen Wissenschaft scheint die Debatte vorbeigegangen zu sein. Dabei hat sich auch der Staat lange Zeit schuldig gemacht. Und dass nicht nur durch Wegsehen, sondern auch durch aktives Handeln. Aus heutiger Sicht mutet es geradezu unglaublich an, was diese Zeitung jetzt im Schwulen Museum in Berlin entdeckte. Dass nämlich die Senatsverwaltung selbst Jugendliche an bekanntermaßen pädophile Männer in Pflege gab und dass Sexualwissenschaftler diese skandalöse Therapieform offen propagieren konnten. Ins Bild passt, dass die Senatsverwaltung noch bis Anfang der 90er-Jahre auch pädophile Projekte unterstützte.

Welche Geisteshaltung diese Praxis begünstigte, welche Kritik daran übergangen wurde und wer die Täter unterstützte, das alles muss dringend aufgeklärt werden, völlig unabhängig von einer nach den Jahren sicher nicht mehr möglichen strafrechtlichen Verfolgung. Denn dass es nur die drei in einem Gutachten genannten jungen Opfer von Missbrauch mit staatlicher Mithilfe geben soll, ist wenig wahrscheinlich.

Bis in die 90er-Jahre hinein schickten Berliner Bezirksämter Kinder und Jugendliche in Ferienlager mit Organisationen, die sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Schutzbefohlenen guthießen. Kritik daran diffamierten sie als spießig und verklemmt, verklärten den „Missbrauch mit dem Missbrauch“ zum größeren Problem als das Leid der Opfer. Eine historische Untersuchung über die Verstrickung von Sexualforschern, Behördenmitarbeitern, Pädagogen und Politikern ist das Mindeste, was Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) jetzt in die Wege leiten muss. Dabei werden sich auch Universitäten und Hochschulen ihrer ideologischen oder gar aktiven Mitverantwortung für die Verharmlosung von Missbrauch stellen müssen.

Der Mantel des Schweigens

Denn das pseudo-liberale und schein-tolerante Ambiente, was im Kreise der Grünen Straftätern Schutz bot, reichte offensichtlich weit über die Grenzen der jungen Partei und ihres Kreuzberger Biotops hinaus. Auch im liberalen Weltbild einer FDP-geführten Jugendbehörde war es offenbar kein Tabu, unter dem Mäntelchen pseudowissenschaftlicher Konzepte von Amts wegen die Gelüste von Pädophilen zu befriedigen.

Das Perfide an den nun ans Licht gekommenen Fällen ist aber, dass es sich bei den Opfern um Kinder und Jugendliche handelt, die ohnehin auf der Schattenseite des Lebens standen. Auch darum hatten sie womöglich bisher nicht die Kraft, sich zu äußern, wie das die Absolventen von Eliteschulen wie dem Canisius-Kolleg oder der Odenwald-Schule nach langem persönlichem Ringen eben doch getan haben. Staatliche Stellen haben in Berlin diejenigen verraten, die ihren Schutz am dringendsten gebraucht hätten – und breiten darüber immer noch den Mantel des Schweigens. Es ist unfassbar.