Missbrauch

Pädophilie-Skandal - Berliner Senat verspricht Aufklärung

Mindestens drei junge Obdachlose wurden in den 70er-Jahren mit Wissen der Senatsjugendverwaltung in die Obhut verurteilter Sexualstraftäter gegeben. Die CDU fordert die Untersuchung der Geschehnisse.

Politiker der Koalitionsfraktionen von SPD und CDU haben eine umfassende Aufklärung der Vorkommnisse um Jugendliche gefordert, die zu Pädophilen geschickt wurden. Die Berliner Morgenpost hatte am Sonntag über Verstrickungen Berliner Landesbehörden in pädophile Netzwerke berichtet. Mindestens drei junge Obdachlose wurden demnach in den 70er-Jahren mit Wissen der Senatsjugendverwaltung als Pflegekinder in die Obhut zu verurteilten und bekannten Sexualstraftätern gegeben.

„Hier liegen Hinweise auf dem Tisch, die eine ganze Menge Fragen aufwerfen“, sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Sonntag. Sie kündigte eine Aufklärung der Fälle an. „Zum einen ist es nun wichtig, eine angemessene Form zu finden, in der wir zu einer Beantwortung dieser Fragen beitragen können.

Zum anderen muss es darum gehen, dass Menschen, die als Kinder oder Jugendliche Opfer sexueller Gewalt geworden sind, mit ihrem Leid nicht alleine dastehen und Unterstützung erhalten.“

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Auch die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus fordert Konsequenzen. „Es ist unfassbar, dass staatliche Stellen Missbrauch mindestens begünstigt haben“, sagte der jugendpolitische Sprecher der Fraktion, Roman Simon, am Sonntag. „Es ist dringend notwendig, mit einer Untersuchung Licht ins Dunkel zu bringen.“ Der Senat müsse schnell Ansprechpartner benennen, an die sich Betroffene wenden können. „Wir können das Leid nicht ungeschehen machen, darum ist es umso notwendiger zu versuchen, die Folgeschäden durch einen Hilfsfonds wenigstens abzumildern“, sagte Simon.

Berlin in der Verantwortung

Die Jugendverwaltung sagte eine entsprechende Unterstützung zu. „Umso wichtiger ist es, dass das zwischen Bund und Ländern vereinbarte ergänzende Hilfesystem für Opfer sexueller Gewalt möglichst bald an den Start gehen kann“, sagte Scheeres. „Wir haben uns als Land Berlin sehr aktiv in den Prozess der Aufarbeitung im Zusammenhang mit dem Runden Tisch ,sexueller Missbrauch‘ der Bundesregierung eingebracht und sind bereit, unserem Teil der Verantwortung für entstandenes Leid im Rahmen des neuen Hilfesystems gerecht zu werden.“ Das Land Berlin werde dabei auch die Verantwortung für solche Missbrauchsfälle wahrnehmen, die durch Mitarbeiter des Landes zu verantworten seien.

In einem 1988 im Auftrag des Senates erstellten Gutachten zur Eignung Homosexueller als Pflegeeltern berichtet der Sexualwissenschaftler Helmut Kentler davon, wie er die Senatsverwaltung davon überzeugte, Pflegestellen bei pädophilen Männern einzurichten. „Es gelang mir, die zuständige Senatsbeamtin dafür zu gewinnen“, heißt es in dem 156 Seiten umfassenden Gutachten des damaligen Hochschullehrers der Universität Hannover. „So kam es, dass bei den drei Hausmeistern regelrechte Pflegestellen eingerichtet wurden, und ich fand rasch drei Jungen, die bereit waren, hier einzuziehen. Sie waren zwischen 15 und 17 Jahre alt.“

Dass es dabei zu sexuellen Übergriffen der Männer auf die Pflegekinder kam, war offenbar sogar das Ziel des Experiments. „Mir war klar, dass die drei Männer vor allem darum so viel für ‚ihre Jungen‘ taten, weil sie mit ihnen ein sexuelles Verhältnis hatten.“ Auf den Fall hatte die Tageszeitung „taz“ schon einmal vor zwei Jahren hingewiesen, seitdem ist allerdings nichts in der Bildungsverwaltung geschehen.

Institutionelle Verstrickung der Jugendverwaltung

Dass es sich dabei in der Jugendverwaltung nicht um einen Einzelfall handelt, zeigt der Fall einer Projektförderung. Noch 1991 hat die Verwaltung die „Adressenliste zur schwulen, lesbischen und pädophilen Emanzipation“ unterstützt. Dabei handelte es sich um eine Liste aller Vereine und Gruppen, die sich bundesweit für die Belange von Schwulen, Lesben und auch Pädophilen einsetzten. Das schwule Informations- und Beratungszentrum Mann-O-Meter stellte die Liste zusammen, „mit freundlicher Unterstützung durch das Referat für gleichgeschlechtliche Lebensweisen der Berliner Senatsverwaltung für Jugend, Frauen und Familie“, wie es in der Ausgabe von 1991 heißt.

Wie lange die Förderung dauerte und ob es auch finanzielle Unterstützung dafür gab, konnte in der Jugendverwaltung bislang nicht geklärt werden. Die institutionelle Verstrickung der Jugendverwaltung ist im Zuge der Auseinandersetzung um pädophile Netzwerke innerhalb der Alternativen Liste/Grünen an die Öffentlichkeit geraten. Eine Kommission der Partei hatte die Vorwürfe untersucht. Demnach waren Teile der Partei seit der Gründung im Jahr 1978 bis Mitte der 90er-Jahre von pädophilen Parteimitgliedern unterwandert.

Mindestens zwei langjährige Mitglieder des Landesverbandes waren einschlägig vorbestrafte Sexualstraftäter, die ihre Forderung nach der Freigabe von Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern in der Partei vertraten – und lange damit Gehör im Landesverband fanden. Auf 90 Seiten hat die zwölfköpfige Kommission das Ergebnis ihrer Arbeit zusammengefasst. Durch die vermeintliche Freizügigkeit in den Gründungsjahren der Partei sei ein gesellschaftliches Umfeld geschaffen worden, in dem sich Täter als Opfer hätten darstellen können, heißt es in dem Bericht. Die Grünen hätten jahrelang institutionell versagt.

Grüne arbeiten Vergangenheit auf

Den Betroffenen sicherte die Partei eine finanzielle Entschädigung zu und bat sie um Entschuldigung. Die Grünen hatten sich 2013 auf Bundesebene mit den eigenen Verstrickungen auseinandergesetzt. Der ehemalige Büroleiter eines Bundestagsabgeordneten war wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Auch der langjährige Spitzengrüne Daniel Cohn-Bendit war wegen verharmlosender Äußerungen zu sexuellen Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen in die Kritik geraten. Daraufhin beauftragte die Partei eine wissenschaftliche Untersuchung. Dem Landesverband reichte diese Aufarbeitung nicht aus, er beauftragte eine zwölfköpfige Kommission, die die im Raum stehenden Vorwürfe überprüfen sollte.

Die Partei hofft, dass sich aufgrund der Berichterstattung mögliche Betroffene melden, um endgültig klären zu können, ob innerhalb der Parteistrukturen nicht nur für sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen geworben wurde, sondern auch tatsächlich Taten begangen wurden.