Siemens

Berliner Spezialisten programmieren Software zur Klimawende

Siemens-Programmierer wollen mit der Software „CyPT“ berechnen, wie Metropolen ihre beschränkten Ressourcen besser für den Umweltschutz einsetzen können. Vorgestellt wurde das Programm nun in Berlin.

Wenn Städte wachsen wie Berlin, bedeutet das in der Regel mehr Energieverbrauch, mehr Verkehr, mehr Lärm, mehr Luftverschmutzung. Wie lässt sich da die Lebensqualität verbessern, überhaupt das Klima in der Stadt? Und noch viel wichtiger: Wie soll eine Stadt ihr meist sehr eingeschränktes Budget ausgeben, um das zu erreichen? Der Technologiekonzern Siemens will die Lösung gefunden haben, zumindest den Weg zur Lösung. Beteiligt daran sind Computerspezialisten aus Berlin.

CyPT heißt die Software, die federführend von einer Siemens-Einheit namens Siemens One in London vorangetrieben und jetzt in Berlin vorgestellt wurde.

Siemens One residiert in einem „The Crystal“ genannten spektakulären Bau aus Glas am Royal Victoria Dock und kümmert sich darum, Städten weltweit nach dem Baukastenprinzip Komplettlösungen für moderne Stadtviertel, ausufernde Wasserverschmutzung, Verkehrskollaps und Blackout zu verkaufen. Hinter der Abkürzung CyPT verbirgt sich das City Performance Tool, die englische Abkürzung lautet SSi Wai Pi Ti.

Mit dem Programm lässt sich feststellen, wie sich derzeit 73 verschiedene Maßnahmen (von Außendämmung der Häuser über E-Autos bis zu neuen U-Bahnlinien) auf den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), Stickoxiden und Feinstaub auswirken und wie viele Arbeitsplätze sie schaffen – aufgeteilt nach Arbeitern, Technikern und Führungspersonal. Die Ergebnisse werden für 2020, 2025 und 2050 hochgerechnet.

Drei von fünf Technologien die hinter dem Programm stehen, bietet Siemens selbst an, die anderen Lösungen haben wir nicht einmal im Portfolio, sagt Klaus Heidinger, IT-Chef der Londoner Abteilung. Sie seien aber für die Stadt interessant. Außerdem werde keine Stadt die Software nutzen, wenn sie nur auf Siemens-Produkten fuße. „Für uns ist wichtig zu sehen, wo andere Lösungen besser sind als die konzerneigenen.“

Umfangreiche Datensammlung

Nun gibt es viele Städte, die die Lebensqualität verbessern wollen. Kopenhagen etwa will bis 2025 klimaneutral sein. Aus den Erfahrungen könnten andere Städte wie Berlin doch schöpfen. Heidinger hält das für wenig praktisch: Großstädte unterschieden sich nach Lage, Kultur, Vorlieben der Einwohner. Zudem hätten viele Städte in der Vergangenheit bereits verschiedene Technologien eingeführt. Eine Investition in eine Seilbahn macht in London keinen Sinn, weil sie dort nur touristisch wahrgenommen werde. In Medellin dagegen sei die Seilbahn ein Top-Verkehrsmittel.

Wie funktioniert das Programm? Zunächst müssen die Städte Daten wie Einwohner, Emissionen, Gebäudebestand bereitstellen. 300 verschiedene Werte werden erfasst, um das Ergebnis genauer zu bekommen, sind bis zu 1000 nötig. Gefragt wird etwa nach Anzahl Fläche von Wohn- und Büroraum, welche Verkehrsmittel die Einwohner wie häufig benutzen, wie viel in der Stadt gegangen wird, Energiequellen, erzeugte Strommenge, Energieverbrauch.

In der Regel dauere es drei bis sechs Monate, die Daten zu sammeln, sagt Heidinger. Erfasst werden auch die Ziele einer Stadt für CO2-, Stickoxid- und Feinstaub-Emission. Dann rechnet das Programm und gibt eine Prognose dafür, wie sich die Werte entwickeln, wenn die Stadt nichts macht und in welchem Verhältnis das zu ihren Zielen steht. Dann kann die Stadt Technologien wählen und sehen, was passiert. Etwa wenn sie nur noch E-Autos im Zentrum zulässt.

Das Programm kann auch zeigen, ob es die Luftqualität eher verbessert, einen Euro in LED-Straßenbeleuchtung oder in öffentlichen Nahverkehr zu stecken. Oder ob es sinnvoller ist, wenn 2025 rund 70 Prozent aller Taxen elektrisch fahren oder jedes Jahr drei Prozent der Häuser gedämmt werden. Eine Art Stein der Weisen ist CyPT allerdings nicht. Was das Programm nicht könne, sagt Heidinger, sei Staus zu verhindern oder ideale Lösungen anzubieten. Aber es könne Hinweise geben, welchen Weg eine Stadt einschlagen könne.

Nebeneffekt des Programms und aus Sicht von Pedro Miranda, als Vizepräsident verantwortlich für Siemens One, fast das Beste für die Städte ist: Transparenz. Schließlich müssten alle Ämter in einer Stadt zusammenarbeiten, um die Daten für das Programm bereitzustellen. Das beseitige Lagerdenken, sagt er. Und es bedürfe auch einigen Muts, das durchzusetzen.

Die Mastermind-Truppe hinter CyPT, wie Heidinger das nennt, sitzt in Berlin. Die Forschungsabteilung von Siemens habe vor allem die 73 Maßnahmen erfasst und in ein Standardprogramm zu Lebenszyklen, die Basis von CyPT, eingebunden. Die Entwicklungskosten der Software waren mit 1,5 Millionen Euro relativ günstig.

16 interessierte Städte

Vier Jahre dauerte die Entwicklung. Der Konzern hat dabei mit sechs Pilotstädten zusammengearbeitet: London, München, Wien, Nanjing in China und den zwei US-Städten Riverside nahe Los Angeles und New Bedford nahe Boston. Die London School of Economics und die Technische Universität Berlin haben das Programm unabhängig bewertet, in den USA war noch das MIT mit eingebunden. Zielgruppe des Programms sind vor allem Bürgermeister und oberste Verwaltungsbeamte, jene also, denen Siemens auch gern Produkte aus dem eigenen Hause verkaufen möchte: Verkehrssteuerung zum Beispiel. In Europa soll CyPT erst einmal weitgehend kostenlos sein. „Wir wollen uns als Partner der Städte platzieren“, sagt Heidinger. Und natürlich später etwas verkaufen.

China hingegen sei vollständig anders, sagt Miranda. „Die sagen uns: ,Geld spielt keine Rolle.‘“ Die Probleme mit Luftverschmutzung seien dort so groß, dass schnell etwas geschehen müsse. „Wir denken darüber nach, Beratung und ein Lösungspaket anzubieten.“

In Deutschland spricht Siemens derzeit mit Berlin, Nürnberg und Stuttgart. Insgesamt gebe es bereits 16 interessierte Städte, etwa Seoul und Turin, sagt Heidinger. Kopenhagen nutzt das Programm, um zu sehen, ob die Maßnahmen, die es bereits angeschoben hat, um sein ehrgeiziges Sparziel zu erreichen, auch so wirken, wie gedacht.

„Das ist auch ein Test, der uns zeigen soll, ob wir alle Daten haben“, sagt Morten Højer, Berater der Stadtverwaltung in Klimafragen. Und Kopenhagen könne bei dem Plan, 2025 als erste Stadt der Welt klimaneutral zu sein, nicht auf Kosten der Steuerzahler und Einwohner, den globalen Klimawandel ändern. Da sei mehr dahinter. Letztlich gehe es um mehr Arbeitsplätze und Lebensqualität.