Jessica Paul

Grimms Märchen reloaded - Der böse Wolf ist jetzt Vegetarier

Manche Kinder gruseln sich bei Grimms Märchen vor dem bösen Wolf, den dunklen Wäldern oder der bösen Hexe. Für die hat Jessica Paul aus Spandau jetzt die Märchen neu geschrieben.

Foto: Amin Akhtar

Es war einmal ein vierjähriges Mädchen, das es liebte, wenn ihre Mutter ihr abends im Bett noch eine Geschichte vorlas. Ihre Mutter tat dies gerne. Doch an diesem einen Abend las sie ihrer Tochter "Hänsel und Gretel" vor. Martha, das kleine Mädchen, gruselte sich sehr: der dunkle Wald, das Verlaufen, die böse Hexe. Ihre Mutter merkte das schnell und begann, das Märchen noch während des Lesens ein wenig umzuändern, weniger beängstigend zu machen. Das gefiel der kleinen Martha. Und der Mutter auch. Die Mutter heißt Jessica Paul, kommt aus Spandau und hat sich echt was getraut. Für ihre Tochter und alle anderen Kinder: Sie hat die Märchen der Gebrüder Grimm neu geschrieben.

"Die alten Märchen haben für mich total Bestand – aber für alle, die eine Alternative möchten, gibt es die jetzt", sagt die Mutter von zwei Kindern. "Grimms Märchen neu erzählt – Märchen, die Kinder glücklich machen" heißt der Band, in dem sie sich an sechs der Klassiker herangetraut hat. So wird bei ihr aus dem bösen Wolf in "Der Wolf und die sieben Geißlein" ein vegetarischer Wolfsjunge, der einfach nur Freunde finden will, aus der bösen Hexe in "Hänsel und Gretel" wird eine einsame alte Frau, die durch den Kontakt zu den Kindern wieder den Zugang zu den Menschen findet, aus dem bösen Wolf, der das Rotkäppchen fressen will, wird ein zahmer Wolf, der seine Taten bereut und der Großmutter fortan im Haushalt hilft.

Aber warum? Sind nicht Generationen von Kindern mit den Originalen groß geworden, ohne Schaden zu nehmen? "Natürlich haben die Brüder Grimm im 19. Jahrhundert mit ihren Märchen einen Bestseller geschaffen, einen Klassiker, der unsere Kulturgeschichte bis heute prägt", sagt Jessica Paul im Gespräch auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Schöneberg. Sie sitzt auf einer Bank, nur fünf Meter entfernt von dem Grab der Brüder Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859). "Diese Zeitzeugen sind wichtig, gar keine Frage. Aber die Märchen entstanden in einer Zeit, die ganz und gar anders war als die heutige. Auch die Bilder, die damals vielleicht wie selbstverständlich verwendet wurden, wie etwa das Verbrennen einer Hexe im Ofen, waren anders."

Das Märchenhafte plus eine kindgerechte Variante

Ich schaffe einfach neue Bilder, dachte sich die studierte Betriebswirtin, die im Marketing arbeitet. Und sie fing gleich an. "Erstaunlich war, dass ich mir die Märchen gar nicht erarbeiten musste", sagt Jessica Paul. "Die Geschichten kamen einfach durch die Gespräche mit meiner Tochter zu mir." Wichtig war ihr, die "Zartheit" der Sprache zu erhalten, den Rahmen der Geschichten, die Tugenden, um die es geht, verstärkt herauszuarbeiten. "Ich wollte das Märchenhafte plus eine kindgerechte Variante", sagt Jessica Paul. "Diese Märchen haben ein so großes Potenzial für so viele Werte." Jede ihrer Geschichten vermittelt einen Wert, hat eine Unterzeile, die quasi herausarbeitet, um was es geht – um was es ihr als Mutter geht. So ist "Hänsel und Gretel" das "Märchen über Mut", "Dornröschen" das "Märchen über Vertrauen" (in sich selbst) und "Der Wolf und die sieben Geißlein" das "Märchen über die Freundschaft".

"Kleine Kinder sind wie ein Schwamm, die nehmen alles mit", sagt Jessica Paul, die für ihr Buch sechs Monate gebraucht hat. Sie hat es in ihrer Elternzeit von Söhnchen Theo (1 Jahr) geschrieben. "Es hat mir meine Elternzeit echt schön gemacht, Theo hatte eine sehr zufriedene Mama", sagt die 33-Jährige und lacht. So wurde aus einem Mamaprojekt schnell und ganz ungeplant ein Buchprojekt.

Furcht als Teil der kindlichen Entwicklung

Die Diskussionen, die immer wieder darüber geführt werden, ob man Kindern gruselige Märchen zumuten kann, kennt Jessica Paul natürlich. Meinungen gibt es viele, einige besagen, diese Märchen würden sogar helfen, Ängste abzubauen. Furcht also als Teil der kindlichen Entwicklung. Das weiß die junge Mutter natürlich alles. "Jeder, wie er mag. Ich biete einfach neue Lösungsstrategien für eine neue Welt."

Sie finde eben nicht, dass Märchen immer so funktionieren müssten: Erst ist alles schlecht, dann gut, so Jessica Paul. "Das habe ich mich selbst als Kind auch schon gefragt: Warum muss denn immer erst alles schlecht sein, damit es gut werden kann?" Sie selbst hat als Kind auch Grimms Märchen vorgelesen bekommen – an die negativen Bilder, die dabei in ihrem Kopf entstanden sind, erinnert sie sich noch.

Um die Botschaft der Märchen zu vermitteln, seien diese aber gar nicht nötig. "Der Wolf und die sieben Geißlein", "Aschenputtel", "Der Froschkönig", "Dornröschen", "Hänsel und Gretel" und "Rotkäppchen" findet man in ihrem Buch – Märchen, die jeder neu erzählen könnte, meint die Autorin. "Und das Tolle ist: Man ist dabei mit seinen Kindern in Kontakt, kann gemeinsam weiter fantasieren und sie für die schöne Sprache der Märchen sensibilisieren", sagt Jessica Paul. "Denn mal ehrlich: Manchmal liest man doch echt schlechte Kinderbücher vor." Mit Märchen passiere das nicht.

Der zweite Band ist schon in Arbeit

Töchterchen Martha jedenfalls wünscht sich noch mehr Märchen im Mamastil. "'Rapunzel' musst du unbedingt noch schreiben", habe sie erst neulich zu ihr gesagt. Und Jessica Paul ist auch noch nicht fertig, das merkt sie selbst. Der zweite Band ist in Arbeit. "'Schneewittchen' kommt darin vor, und vielleicht widme ich mich dann auch noch den eher unbekannten Märchen der Brüder Grimm", sagt sie. Und wer weiß: Es gibt ja auch noch andere Märchenerzähler.

Den berühmten ersten Grimm'schen Satz hat Jessica Paul übrigens in jedem Märchen erhalten. Den letzten Satz nicht. "Warum müssen die denn eventuell gestorben sein – oder eben vielleicht auch nicht? Ich wollte, dass diese Märchen dann auch mit einem durchweg positiven Bild enden und dies im Kopf hängen bleibt", sagt sie. Und deswegen ist das jetzt das Ende: "Und so lebten alle glücklich und zufrieden und genossen jeden Tag voller Freude." Alle Zitate aus: "Grimms Märchen neu erzählt", 1. Band, Jessica Paul, erschienen im Selbstverlag. Taschenbuch (52 Seiten), 7,95 Euro, E-Book, 4,99 Euro.

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