Unternehmertafel

Berliner Unternehmer setzen auf die Industrie 4.0

Die Unternehmertafel von Berliner Morgenpost und IBB sieht die starke IT-Branche als Motor für das produzierende Gewerbe. Chefs der Berliner Wirtschaft kamen im Waldorf Astoria zusammen.

Foto: Amin Akhtar

Zuletzt waren es nicht nur gute Nachrichten, die aus der Berliner Industrie nach draußen drangen. Der Dosenhersteller Rexam schließt sein Werk in Lichterfelde. Siemens baut im Moabiter Gasturbinenwerk Stellen ab und auch bei Osram in Spandau schrumpft die Belegschaft. Dennoch zeigten sich die Gäste bei der Unternehmertafel der Berliner Morgenpost zusammen mit dem neuen Kooperationspartner Investitionsbank Berlin (IBB) stattfand, vorsichtig optimistisch.

Vor allem die starke Software-Branche in der Hauptstadt könnte in Kooperation mit dem verarbeitenden Gewerbe Impulse setzen für eine modernisierte Industrie 4.0 in Berlin, so der Tenor der Runde in der Bibliothek des Waldorf Astoria Hotels am Zoo.

„Ich bin froh, dass wir wieder selbstverständlich reden über Berlin als Industriestandort, das war nicht immer so“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Zwar stehe die Industrie nach dem Aderlass der Nachwendezeiten noch „auf einer schwachen Basis. Sie sei aber ein Standbein der Berliner Wirtschaft, das sich „positiv entwickelt“. So sei es ein starkes Signal, wenn BMW in sein Spandauer Motorradwerk 100 Millionen Euro investieren wolle. „Wir haben die Flächen, die Finanzierungsmöglichkeiten und das universitäre Umfeld“, sagte Müller.

Kooperation mit Start-ups

Der Chef eines anderen Berliner Industrieunternehmens, das ebenfalls 80 Millionen Euro in die Zukunft seines Standortes in Adlershof investiert, saß mit am Tisch. Reinhard Uppenkamp von Berlin Chemie nannte ein Beispiel, wie die Stärken der Software-Industrie die eher traditionelle Pharmabranche voranbringen kann. Der Manager berichtete von der Kooperation seines Unternehmens mit Alacris, einer kleinen Prognosefirma aus Zehlendorf, die in diesem Jahr den Deutschen Innovationspreis gewonnen hat. Die neuen Partner können virtuell die Wirkungen eines Medikaments abbilden. „Ein Riesenfortschritt“, sagte Uppenkamp. Klinische Studien kämen mit erheblich weniger Teilnehmern aus, würden schneller und präziser. Die teure Entwicklungszeit für neue Medikamente könne erheblich verkürzt werden.

Der Unternehmer und Aufsichtsratschef der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, Andreas Eckert sieht in Berlin eine „günstige Ausgangslage“ für die Digitalisierung. Die gebe es nicht wegen „epochaler Entscheidungen der Politik“, sondern einfach, weil es in Berlin „viel Jugend“ gebe, sagte der Chef des Medizintechnik-Unternehmens Eckert & Ziegler mit Sitz im Biotechnologiepark Buch. Die Firmen müssten sagen, sie kämen nach Berlin um „hier die jungen Leute zu fischen“, so Eckert.

Die Wissenschaft will der Unternehmer jedoch mehr in die Pflicht nehmen. Die wirtschaftlichen Effekte der starken Forschungstätigkeit etwa in den Lebenswissenschaften seien stark ausbaufähig. Aus der Arbeit von 6000 Wissenschaftlern in diesem Bereich müssten mehr Patente und Verfahren herauskommen, um Ideen in Projekte umzusetzen.

Eine wirkliche Innovation

Eine Forscherin, die genau den Schritt aus der Wissenschaft in ein eigenes Unternehmen gewagt hat, ist Sonja Jost. Die Gründerin des Chemie-Start-ups DexLeChem hat an der Technischen Universität ein Verfahren entwickelt, um bei der Herstellung chemischer Stoffe Erdöl durch Wasser zu ersetzen, was den Produktionsprozess billiger und ökologischer macht. In der Frühphase hatte sie große Probleme ein Labor zu finden, berichtete Jost. „In den üblichen Gründungszentren gibt es solche Räume noch nicht.“ Berlin sollte mehr tun für solche Unternehmen, die zwar Start-ups seien, aber nicht direkt der Software- und Internetszene zuzurechnen seien.

Dabei hat Sonja Jost eine wirkliche Innovation entwickelt, die die Produktionsprozesse umkrempeln könnte. „Es galt als unmöglich, was sie vorhatte“, lobte TU-Präsident Christian Thomsen. Der Professor bestätigte die Schwierigkeiten, aus dem Wissen der Universitäten Produkte zu machen. Sich ein Patent zu sichern koste 100.000 Euro. Ein Budget dafür habe die TU nicht. Man stehe vor der Frage, ob man dieses Feld kontinuierlich finanzieren und ausbauen könne.

Zunächst will Thomsen mehr Aufwand betreiben, um die Berliner Firmen mit den nötigen IT-Spezialisten zu versorgen, die den Sprung zur Industrie 4.0. ermöglichen. Es gebe in der Stadt keine Ausbildung für Data Science, also die Frage, wie aus den ungeheuren Datenmengen der vernetzten Apparate sinnvolle Informationen heraus zu destillieren sind. „Darauf zu setzen ist eine echte Chance für Berlin“, sagte Thomsen.

Der oberste Berliner Siemens-Repräsentant Udo Niehage kennt aus seinem Konzern die Dynamik, die die Digitalisierung ausgelöst hat. „Die Digitalisierung ist eine solche Herausforderung, die ganz neue Wertschöpfungsketten entstehen lässt“, sagte der Siemens-Manager und Präsident der Vereinigung der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Diese Entwicklung biete Chancen, enthalte aber auch Risiken. „Die schwächsten Glieder der Wertschöpfungskette werden gnadenlos rausgedrängt“, sagte Niehage. Die Frage sei, wie große Organisationen wie Siemens fit werden können für die neue Zeit.

Der Konzern ist immer noch der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt, Berlin größter Siemens-Produktionsstandort. Der anstehende Personalabbau im Gasturbinenwerk habe jedoch weniger mit der Digitalisierung, sondern mit dem Marktgeschehen zu tun. „Bei den Gasturbinen gab es wegen des Fracking in den USA vor einigen Jahren einen riesigen Boom“, erklärte Niehage. Jetzt normalisiere sich das. „Wir werden zügig und adäquat darauf reagieren, kündigte der Manager an. Aber das Herzstück der Turbinentechnik bleibe in Berlin.

Industrie gebiert Industrie

Wie wichtig Siemens für zahlreiche regionale Zulieferer ist, machte Nils Hölbüng deutlich, Geschäftsführer des Anlagenbauers Heinz Krumme Anlagenbau. Das alteingesessene Familienunternehmen produziert mit mehr als 100 Mitarbeitern Bauteile vor allem für Siemens. Es sei ein Nachteil, dass es in der Region nicht so viele Industriekunden gebe, sagte Hölbung, „Industrie gebiert Industrie“, stellte dazu der Berlin-Partner-Aufsichtsratschef Eckert lapidar fest. Hölbüng berichtete aber auch, wie die Digitalisierung in den letzten anderthalb Jahren auch bei einem mittelständischen Zerspanungstechniker Einzug gehalten hat. „In der Fertigung spielt das eine große Rolle“, sagte der junge Geschäftsführer. Inzwischen würden alle Prozesse digital abgebildet. Für sein Unternehmen gebe es immer weniger Aufträge für große Serien, stattdessen würden die Kundenwünsche immer spezieller, die Kunden erwarteten auch schneller Arbeit und kürzere Durchlaufzeiten.

Der Vorstandsvorsitzende der Investitionsbank Berlin, Jürgen Allerkamp, sprach ebenfalls von den großen Chancen einer Industrie, die durch den Einsatz von neuen Prozessen ihre Produkte fast zum Nulltarif individualisieren und auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kunden zuschneiden könne. Die wirtschaftspolitische Priorität ist für den Banker klar: „Das Wichtigste ist die Industrie“, sagte Allerkamp. Der Jurist, der zum 1. Januar die Führung von Berlins Förderbank übernommen hat, vertrat die These, dass sich mit der Digitalisierung der Produktion die Gewichte von der großen, kapitalintensiven Produktion hin zu kleineren Einheiten verschieben werde.

Der Regierende Bürgermeister hielt sich in der Diskussion eher zurück, er wollte erfahren, was denn die Unternehmen wirklich brauchen von der Stadt. „Was können wir hier konkret machen?“, fragte Müller und die Runde blieb ihm Antworten nicht schuldig.

Neue Finanzierungsinstrumente

Andreas Eckert sagte, die Politik solle dafür sorgen, dass die Stadt funktioniere, Verwaltung, Verkehr, Infrastruktur. Zudem sollte es flexiblere Aufenthaltserlaubnisse für qualifizierte Ausländer geben. TU-Präsident Thomsen regte eine Ausbildungsoffensive mit Juniorprofessoren in IT-Fächern und einen „Berliner Kreis der Digitalisierung“ an. Sonja Jost mahnte, man dürfe Berlin nicht nur als IT-Hauptstadt verstehen, weil sonst die anderen naturwissenschaftlichen Gründer aus dem Fokus gerieten. Siemens-Manager Niehage sagte, es gehe darum, die bestehenden Wertschöpfungsketten zu erhalten. Berlin-Chemie-Chef Uppenkamp würde gerne ein Programm haben, bei dem die Investitionsbank die Kooperation zwischen etablierter Industrie und jungen Start Ups fördert.

Und auch der IBB-Chef Allerkamp stellte sich die Frage, wie man mit den Firmen umgehen könne, die zwar innovativ seien und ordentliches Geschäft machten, aber eben keine wahnsinnigen Blütenträume weckten und mit tollen Geschichten Risikokapitalgeber anlockten. „Die übersehen wir noch zu oft“, sagte Allerkamp. Es gebe im Instrumentenkasten der IBB eine Lücke für langsamer wachsende und für größere Unternehmen, stellte der neue Chef fest und kündigte an, in den nächsten Monaten neue Förderinstrumente anbieten zu wollen.

Über die Bürokratie in Berlin wollten die Unternehmer nicht klagen. Man fühle sich meist gut bedient, die Wirtschaftsförderer von Berlin Partner seien gut vernetzt und hilfreich. Aber natürlich gibt es immer Ausreißer. Unternehmenschef Hölbüng berichtete, dass es anderthalb Jahre gedauert habe, bis seine Firma ein Internetkabel unter der Straße zu einer neuen Werkhalle ziehen durfte.

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