Give Something Back to Berlin

Wie sich kreative Neuberliner für die Hauptstadt engagieren

Berlin etwas zurückgeben will „Give Something Back to Berlin“. Bei der Initiative engagieren sich Zugezogene aus der Kreativ- und Start-up-Szene für Sozialprojekte. Wie’s weitergeht, ist aber unklar.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das Büro liegt mitten im szenigen Weserstraßen-Kiez, früher hat hier ein Fleischer Schnitzel und Wurst verkauft. Heute erinnern nur noch ein paar Kacheln daran. In der Küche steht ein in Sonnenblumengelb gestrichener Tisch, an dem Annamaria Olsson mit einer großen Tasse Kaffee sitzt.

Sieht so Gentrifizierung aus? Die Schwedin lacht: Genau mit solchen Vorurteilen will die Gründerin von "Give Something Back to Berlin" (GSBTB) aufräumen. Über diese Initiative bringen internationale Neuberliner aus der Kreativ- und Start-up-Szene ihr Know-how in soziale Projekte ein. "Wir vernetzen Leute über das Internet. Das ist eine Win-Win-Situation für alle. So lernen uns die Nachbarn kennen, umgekehrt geben wir Berlin etwas zurück", erzählt Olsson mit ihrem melodisch-nordischen Akzent. Für ihr ehrenamtliches Engagement hat die Integrations-Plattform jetzt im Roten Rathaus einen von drei Blauen Bären – einen erstmals vergebenen Europapreis – erhalten.

Die Journalistin Annamaria Olsson kennt die Vorurteile über die Zuzügler aus aller Welt, die mit Hipster-Kleidung und Laptop nach Berlin ziehen, einen riesigen Latte-Macchiato-Durst haben und angeblich mitverantwortlich für steigende Mieten sind, aus eigener Erfahrung. 2008 kam sie nach Berlin, lebte sich schnell ein und hat einen persönlichen Reiseführer über die Hauptstadt geschrieben, der in ihrem Heimatland Schweden erschienen ist. Doch sie spürte, wie zwischen Alt- und Neuberlinern die Spannungen zunahmen. Als 2012 Slogans wie "Touris raus" und "Berlin doesn't love you" kursierten, wollte sie etwas Konkretes tun, um Menschen zusammen und ins Gespräch zu bringen.

Lauter Idealisten am Werk

Die Reaktion auf ihre Initiative hat auch Annamaria Olsson überrascht: Dass aus einem kleinen Aufruf, den sie zusammen mit ihrem Freund, dem Übersetzer und Labelbetreiber Anders Ivarsson, auf Facebook postete, eine größere Sache werden würde, hat sie vor drei Jahren nicht geahnt. Jedenfalls meldeten sich so viele Menschen aus ihrem kreativen Umfeld, dass die beiden schon ein paar Wochen später eine Online-Plattform aufbauen konnten, auf der engagierte Zugezogene passende ehrenamtliche Tätigkeiten und Projekte in ihrem Kiez finden können.

Annamaria Olsson redet schnell und mit Leidenschaft, holt Flyer von "Give Something Back to Berlin" aus dem Nachbarbüro, in dem Grafikdesigner arbeiten. Die Fotos darin erzählen eine Erfolgsgeschichte, zeigen Mitstreiter der Initiative, wie sie in Flüchtlingsheimen oder in einem Jugendzentrum Kochkurse geben. Andere packen in Altenheimen an, unterstützen Urban-Gardening-Projekte, helfen Kindern in einem Nachbarschaftszentrum bei den Hausaufgaben oder schieben Nachtschichten in einem Obdachlosenheim. Auch die Zahlen, die Olsson nennt, sind eindrucksvoll: Rund 500 Freiwillige aus 40 Ländern – gut ausgebildete junge Menschen zwischen 20 und 35 – haben bis heute rund 50 Organisationen in mehr als zehn Berliner Bezirken unterstützt.

Initiative hofft auf mehr Förderung

Louise, eine schwedische Designerin, hilft seit über einem Jahr als Mentorin in einem Neuköllner Freizeitklub für Mädchen aus. "Jeden Montag treffe ich meine wunderbare 14-jährige Partnerin Janine und betreue sie", berichtet sie. Die Integration funktioniert dabei in beide Richtungen: "Wir reden viel, und sie bringt mir auch eine Menge bei." Das wechselseitige Geben und Nehmen findet auch Richard N. Kühnel, der Vertreter der Europäischen Kommission in Deutschland, wichtig. Er lobt das "wunderbare soziale Engagement" der Neuberliner. "Das Projekt wirkt in zwei Richtungen. Die neuen internationalen Berlinerinnen und Berliner bekommen schnell einen Eindruck von den Menschen und den Verhältnissen hier in Berlin. Und die Berliner erfahren, wie viel Potenzial junge Ausländer aus aller Welt in die Stadt mitbringen", sagte Kühnel bei der Preisverleihung im Roten Rathaus.

Verschiedene Welten begegneten sich auch bei der Kiez-Rallye am vergangenen Wochenende. Rund 50 GSBTB-Mitarbeiter tourten durch Neukölln, um den Kiez und seine Probleme besser zu verstehen. Zusammen besichtigten sie die Hans-Fallada-Schule und das Böhmische Dorf, feierten gemeinsam mit der Roma-Community ein Grillfest an der Harzer Straße. "Das war ganz toll", schwärmt Annamaria Olsson.

"Give Something Back to Berlin" ist mittlerweile so groß geworden, dass es auf ehrenamtlicher Basis immer schwieriger zu organisieren ist. Bei der Gründerin laufen so viele Anfragen auf, dass die drei Freiwilligen im Büro an der Neuköllner Laubestraße kaum hinterher kommen. Mit unregelmäßig eintreffenden Spenden ist es schwer, die Arbeit am Laufen zu halten – nur dank des Idealismus aller Beteiligten ist das überhaupt möglich.

Ein riesiges Potenzial kann nach Darstellung der jungen Schwedin gar nicht genutzt werden, weil Zeit und Geld fehlen: "Wir müssen viele Menschen wieder wegschicken, weil wir keine Kapazitäten haben. Da geht der Stadt viel verloren. Hätten wir professionelle Strukturen, könnten wir noch mehr Projekte akquirieren", sagt Olsson.

Mittelfristig sieht sie GSBTB in Gefahr, wenn es keine öffentliche Förderung oder einen größeren Spendenzufluss gibt: Hunderte von Menschen und Projekten zu betreuen, das sei ehrenamtlich nicht zu stemmen. Durch die Verleihung des Blauen Bären, mit dem das Land und die Vertretung der Europäischen Kommission auch künftig Initiativen auszeichnen wollen, die zum Zusammenwachsen Europas beitragen, hofft die Gründerin nun auf einen weiteren Schub für "Give Something Back to Berlin" – und ganz konkret auf finanzielle Förderung.

Erst einmal steht aber für Annamaria Olsson die Freude über den Preis an erster Stelle. "Das ist eine große Ehre. Endlich fängt die Politik an zu verstehen, was wir hier machen", sagt die Neuberlinerin aus Uppsala.

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