Berlin - Paris

Der Beginn der Versöhnung

Warum der 8. Mai nicht nur das Datum vom Ende des Zweiten Weltkriegs ist

In diesem Jahr werde ich die Hälfte meines Lebens in Deutschland, genauer gesagt in Berlin, verbracht haben. Zu Beginn meines inzwischen Vierteljahrhunderts in Berlin erlebte ich viele Überraschungen. Inzwischen kann ich die zahlreichen Unterschiede zwischen Galliern und Germanen nicht nur feststellen, sondern auch verstehen. Warum gelten alle Französinnen für Deutsche als Rabenmütter? Wieso ist Teamarbeit hierzulande an den Schulen selbstverständlich, während bei uns der Frontalunterricht stets gern gepflegt wird? Und wieso gehört der Nationalstolz zu den Genen der Franzosen, während eine ähnliche Einstellung in Deutschland als braunes Ungetüm gilt?

Letzteres ist hier eng mit dem Erbe des Dritten Reiches verbunden. Und der 70. Jahrestag des Kriegsendes dieser Tage liefert dafür ein deutliches Beispiel. Auf den Champs-Élysées wird die französische Armee mit einer imposanten Parade erneut defilieren; in Deutschland wird ein nachdenklicher Staatsakt im Bundestag stattfinden. Schon als Kind war der 8. Mai für mich ein wichtiger Tag. Wir gingen mit der Schule zum Denkmal neben der Kirche, wo die Namen der Gefallenen aus den Kriegen zu lesen waren. Am Nachmittag wanderten wir einige Kilometer weiter in einen tiefen Wald, wo an die von den deutschen Besatzern ermordeten Partisanen erinnert wurde.

Meine Mutter erzählt immer wieder von den Bombardements der Wehrmacht am 18. Juni 1940, als sie siebenjährig in einem Keller den Angriff der Deutschen überlebte, an dem Tag, an dem von London aus ein gewisser General de Gaulle im Radio die Franzosen dazu aufrief, den Kampf fortzusetzen und sich nicht zu ergeben. Kurz danach unterschrieb Maréchal Pétain aber einen Waffenstillstand, der den Weg zur Kollaboration mit dem deutschen Besatzer ebnete.

>> Zeitzeugen erzählen vom Kriegsende <<

Auf dem Land in meinem kleinen Ort in Burgund ging das Leben weiter. Mein Großvater machte das Tor seines Hauses so dicht wie möglich, um seine Familie vor neugierigen Blicken der deutschen Soldaten zu schützen. Ein Onkel half bei den Aktionen des Widerstandes, wenn Flugzeuge Waffen und andere Gegenstände nachts abwarfen. Ein Großonkel wurde Kriegsgefangener und arbeitete auf einem Bauernhof in Süddeutschland. Jahre nach dem Krieg bestand noch ein rührender Kontakt mit gegenseitigen Besuchen..

Um Deutsche und Franzosen später einander näherzubringen, wurden viele Initiativen ins Leben gerufen. So sollte auch die Gefahr eines neuen Konfliktes gebannt werden. Städtepartnerschaften wurden abgeschlossen. Es gibt noch Fotos von mir als Baby in den Armen unserer deutschen Partnerfamilie. Zwei Jahrzehnte später hätte sich die Runde am Tisch möglicherweise gegenseitig erschossen. Es wurde jenseits und diesseits der Grenze mit Händen und Füßen „gesprochen“, Fußball gespielt, gegessen und getrunken, auch wenn der süße Weißwein aus der Pfalz die französischen burgundischen Gaumen nicht überzeugen wollte. Aber die Gastfreundschaft war unschlagbar.

>> Berlin - 1945 und heute <<

70 Jahre nach dem 8. Mai sind all die rührenden Anekdoten eine Bereicherung. Umso unverständlicher und schmerzhaft empfinde ich es, wenn ich beobachte, wie andere Nationen ihre angespannte Vergangenheit nicht überwinden konnten. Nach den Gräueltaten auf dem Balkan in den 90ern organisierte das deutsch-französische Jugendwerk Begegnungen, bei denen Franzosen und Deutsche ihren Altersgenossen vor Ort zeigen und erklären konnten, wie es anders, wie es besser geht. Der 8. Mai ist also nicht nur das Datum vom Ende des Zweiten Weltkriegs, auch der Beginn einer deutsch-französischen Versöhnung.