500.000 Euro im Jahr

DRK-Schwesternschaft will Gehalt ehemaliger Oberin prüfen

Die DRK-Schwesternschaft engagiert sich als gemeinnütziger Verband für Pflegebedürftige in Berlin. Nun wurde bekannt, dass sich die Ex-Chefin ihre Arbeit auch fürstlich bezahlt haben lassen soll.

Die ehemalige Oberin der gemeinnützigen Schwesternschaft des DRK in Berlin, Heidi Schäfer-Frischmann, soll über mehrere Jahre ein Jahresgehalt von mehr als 500.000 Euro bezogen haben. Das hat das Magazin „Klartext“ des RBB-Fernsehens am Mittwochabend berichtet.

Die heute 64-Jährige stand von 1996 bis Ende 2012 an der Spitze der Berliner DRK-Schwesternschaft. Ihr Gehalt und darin enthaltene zusätzliche Bonus-Zahlungen seien nur einem kleinen Personenkreis aus dem Vorstand bekannt gewesen, so „Klartext“. In den Jahren 2009 und 2010 habe die gelernte Krankenschwester Schäfer-Frischmann neben einem Jahressalär von 360.000 Euro noch Boni von jeweils 180.000 Euro erhalten. Ein internes Papier aus dem Jahr 2005 weise ein Gehalt in ähnlicher Größenordnung aus.

Die Berliner DRK-Schwesternschaft erklärte dazu am Donnerstag, die Vorwürfe würden jetzt geprüft. Externe Wirtschaftsprüfer sollten feststellen, inwieweit Gehaltszahlungen „angemessen“ gewesen sind, sagte Sprecherin Gudrun Wilke der Berliner Morgenpost.

Nachfolgerin erhält weniger

Doreen Fuhr, seit gut zwei Jahren Vorsitzende des Vereins der Schwesternschaft, erklärte in dem RBB-Beitrag, ihr seien die hohen Bezüge ihrer Vorgängerin nicht bekannt gewesen. Sie selbst verdiene nicht annähernd so viel.

Mit ihrem Gehalt lag Schäfer-Frischmann, die 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, deutlich über dem Verdienst von Vorständen weit größerer Unternehmen. Joachim Bovelet, der damalige Geschäftsführer von Vivantes, bezog 2010 rund 440.000 Euro, die Vorstände der Berliner Stadtreinigung und der Berliner Verkehrsbetriebe etwas mehr als 300.000 Euro.

Die Oberin der Berliner Schwesternschaft ist zuständig für rund 1100 Mitglieder des Vereins, meist Krankenschwestern. Sie leitet jedoch nicht die Kliniken oder Pflegeheime, in denen diese arbeiten. Diese Einrichtungen führen aber Personalmittel an den Verein ab, dieser bezahlt die Schwestern.

Um Aufklärung bemüht

Auch bei gemeinnützigen Organisationen sei eine angemessene und leistungsgerechte Bezahlung von Führungskräften angebracht, sagte Dieter Schütz, Pressesprecher des DRK-Generalsekretariats. „Sollten die Vorwürfe zutreffen, dann halten wir für eine ehemalige Führungskraft der Schwesternschaft Berlin jährliche Bezüge in dieser Höhe jedoch für völlig unangemessen“, so Schütz am Donnerstag. Die aktuelle Führung der Schwesternschaft sei aber sehr bestrebt, „den Sachverhalt aufzuklären und mit ihren Finanzmitteln verantwortlich umzugehen“. Der DRK-Landesverband Berlin ging ebenfalls auf Distanz und schloss sich der Einschätzung des Generalsekretariats „ohne Wenn und Aber“ an, wie Sprecher Rüdiger Kunz der Morgenpost sagte.

Die Struktur des Roten Kreuzes ist kompliziert. Präsidium und Generalsekretariat stehen über den 20 Mitgliedsverbänden. Diese sind die 19 DRK-Landesverbände und der Verband der Schwesternschaften. Die 33 Schwesternschaften, zu denen auch die Berliner gehört, unterstehen dem Verband. Die Schwesternschaft agiere völlig eigenständig, betonte DRK-Sprecher Schütz. Die DRK-Bundesspitze habe keine Aufsichtsfunktion. Die 20 Mitgliedsverbände und die rund 500 Kreisverbände des DRK seien rechtlich völlig selbstständige Organisationen, so Schütz. Sie seien deshalb nicht verpflichtet, dem Bundesverband die Bezüge ihrer leitenden Mitarbeiter zu nennen. „Wir werben aber bei unseren Mitgliedsverbänden dafür, mit ihren Finanzmitteln angemessen umzugehen.“

Auch der Verband der DRK-Schwesternschaften teilte der Berliner Morgenpost mit: „Sofern die Vorwürfe stimmen, hält der Verband Bezüge in dieser Höhe für unangebracht.“ Die rechtliche Selbstständigkeit der Schwesternschaften sorgt auch dafür, dass die Gehälter der Oberinnen nicht einheitlich festgelegt sind. „Dennoch gibt es eine Oberinnen-Ordnung, die für alle gilt und an der sich das Gehalt einer Oberin als Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft orientieren sollte“, sagte Sprecherin Alexandra Rieger. Der Vorstand einer Schwesternschaft werde von deren Mitgliedern gewählt. Es gebe jedoch darüber kein Gremium, das den Vorstand kontrolliert, etwa einen Aufsichtsrat.

„Keine Transparenz"

Diese Struktur schaffe keine Transparenz, monieren Kritiker. Der Rechtswissenschaftler Ulrich Battis etwa sagte im „Klartext“-Magazin, vieles spreche dafür, dass auch gemeinnützige Organisationen die Gehälter ihrer Vorstände offenlegen müssen – so wie Aktiengesellschaften und Berliner Landesunternehmen. Werner Hesse vom Paritätischen Wohlfahrtsverband erklärte, gute Gehälter für Führungskräfte bei Gemeinnützigen solle es nur geben, wenn die Basis auch gut verdiene. Krankenschwestern erhalten aber in der Regel nicht einmal 2000 Euro netto im Monat, obwohl sie Nacht-, Wochenend- und Feiertagsdienste leisten.

In den Grundsätzen der Schwesternschaft heißt es unter anderem: „Wir setzen vorhandene finanzielle Mittel zur optimalen Gestaltung der Vereinszwecke unter Beachtung der Gebote der Gemeinnützigkeit für alle notwendigen, insbesondere für investive Maßnahmen ein.“ Über Jahrzehnte prägte das Bild von der Barmherzigkeit und dem Dienst am Menschen, die Rot-Kreuz-Schwesternschaft. Sollten die Angaben zum Jahresgehalt von mehr als einer halben Million Euro für die ehemalige Oberin zutreffen, habe dieses Bild schweren Schaden genommen, sagen Beobachter. Sie ziehen Vergleiche zum berühmten „Treberhilfe“-Fall. Deren ehemaliger Chef Harald Ehlert sorgte für öffentliche Empörung, weil er nicht nur ein Jahresgehalt von mehr als 360.000 Euro bezog, sondern einen Maserati als Dienstwagen fuhr.

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