Rexam

Dosenhersteller schließt Berliner Werk trotz schwarzer Zahlen

165 Beschäftigte des britischen Dosenherstellers Rexam dürften Ende des Jahres ihren Job verlieren - weil das Berliner Werk geschlossen werden soll. Doch die Gewerkschaft ruft zum Kampf auf.

Er wirkt etwas geknickt, wie er da so sitzt im Konferenzraum der IG Metall Berlin, und etwas ratlos. Detlef Lange, Betriebsratschef im Berliner Werk des Getränkedosenherstellers Rexam, erklärt, was gerade los ist in seinem Betrieb.

Es geht um Manager im fernen London, ein Phantomwerk in Polen, einen wachsenden Markt und die 165 Beschäftigten in Berlin, die trotz schwarzer Zahlen Ende des Jahres wohl keinen Job mehr haben werden.

Der 19. Februar war einer dieser Tage, die ein Betriebsratschef eher selten erleben möchte: Rexam, der europäische Marktführer bei Getränkedosen, verkündet, den Standort Berlin zum 1. Januar 2016 zu schließen. Nicht effizient genug, zu hohe Fixkosten, womit ein Unternehmen halt eine Schließung üblicherweise begründet. Das Besondere in diesem Fall: Das Werk ist voll ausgelastet und schreibt schwarze Zahlen, die Maschinen sind auf technischem Stand. Warum, fragt sich Lange, wollen die hier zumachen? Und: Wie wehren wir uns?

Das Werk besteht seit 1984, seit 1999 gehört es zu Rexam. 2006 wurde die Produktion auf Aluminiumdosen umgestellt. Die Berliner stellen 0,33- und 0,5-Liter-Dosen für rund 30 Kunden her, Hauptabnehmer ist die Oettinger-Brauerei. Maximale Leistung sind 1,5 Milliarden Dosen pro Jahr. Zu besten Zeiten gab es 350 Mitarbeiter, das ist allerdings schon mehr als 20 Jahre her. Inzwischen sind es 165.

Rätselraten um Schließung des Berliner Werks

Das Berliner Werk ist eines von 55 im Rexam-Konzern. Er ist nach eigenen Angaben Nummer 1 in Europa und Nummer 2 in Nordamerika. Die Briten setzten im vergangenen Jahr 3,8 Milliarden Pfund (5,23 Milliarden Euro) um, 0,1 Milliarden Pfund weniger als 2013, der Gewinn stieg gleichzeitig von 95 auf 357 Millionen Pfund.

Warum also das Aus? Thomas Wagner, betriebswirtschaftlicher Berater des Betriebsrates, vermutet, dass Rexam Marktanteile verliert. Der Konzernumsatz schrumpfe, der Weltmarkt sei in den vergangenen Jahren im Schnitt um fünf Prozent gewachsen, "da gibt es womöglich unausgelastete Kapazitäten in anderen Werken".

Zum Beispiel in Gelesenkirchen. Hier können sie auch noch kleinere Dosengrößen fertigen, was derzeit aber offenbar nicht so gut läuft. Hier wolle Rexam allerdings investieren, sagt Berlins Betriebsratschef Lange. Und in Recklinghausen, dem dritten Rexam-Standort in Deutschland ist die Lage ähnlich wie in Berlin. Geschlossen werden soll er allerdings nicht.

Was den Betriebsrat besonders irritiert, ist, dass das Management in London den Berliner Standort mit einem Werk in Polen vergleicht – das es im Konzern nicht gibt und nach jetzigem Stand auch nicht gebaut werden soll. Eine rein rechnerische Größe also. Nun kann ein Konzern seine internen Vergleichswerte festlegen, wie er will, etwas merkwürdig wirkt es aber schon.

Das Werk ist voll funktionstüchtig, technisch auf der Höhe"

Wie verhindert man die Schließung? Mit überzeugenderen Argumenten. Und so entwarf der Betriebsrat gemeinsam mit seinem Berater einen eigenen Zukunftsplan. Der sieht allerdings erst einmal auch nicht vor, dass das Werk bestehen bleibt. Das klingt zunächst einmal überraschend, ist aber den Bedingungen am Standort geschuldet. "Das Werk ist voll funktionstüchtig, technisch auf der Höhe", sagt Wagner. "Die Belegschaft ist recht alt." Im Schnitt sind es 50 Jahre. Dann ist da die besondere Produktionsstruktur in Berlin. Neben der klassischen Massenproduktion – einheitliches Design auf allen Dosen – stellen sie in Berlin auch noch Sonderserien her mit verschiedenen Bedruckungen, was häufige Maschinenwechsel nötig macht. Das ist teuerer.

Betriebsrat und Berater entwickelten daraus ein Auslaufszenario: In den kommenden zehn Jahren sollte Rexam alle Sonderformen nach Berlin holen, soweit das von den Transportkosten sinnvoll ist. Gleichzeitig sollen die Mitarbeiter nach und nach in Rente gehen. Vorteil: Die anderen europäischen Werke produzierten kostengünstiger, weil sie nur noch Massenproduktion hätten. Und in Berlin gäbe es keine Schließungskosten, keinen Sozialplan.

Inzwischen habe auch das Management das Szenario bewertet und festgestellt, dass man damit mehr Geld verdienen könnte als bisher, sagt Berater Wagner. Der Betriebsrat hatte aber in den Gesprächen nicht das Gefühl, dass die Konzernführung in London das Berliner Konzept auch umsetzen will. Auch ein Verkauf des Werkes an einen Konkurrenten ist bisher nicht vorgesehen. London, scheint es, setzt auf Schließen.

Die Belegschaft will kämpfen

Deshalb stellt sich die Belegschaft auf ein anderes Szenario ein: Kampf. Die Strategen in Betriebsrat und bei der IG Metall wissen, dass sie nur einen Hebel haben: Kosten. Und da stehen die Chancen nicht ganz schlecht. Denn das Berliner Werk ist bis zum Schließungszeitpunkt am 31. Dezember im Dreischichtbetrieb voll ausgelastet. Sogar Prämien seien ausgelobt, sagt Betriebsratschef Lange.

Das bedeutet: Wenn Berlin wegen Streiks keine Dosen liefert, wird es teuer für Rexam. Dazu kommt der Sozialtarifvertrag, den Betriebsrat und Gewerkschaft mit dem Unternehmen aushandeln wollen, um die Betriebsschließung abzufedern. Dann sind da noch die Schließungskosten, etwa die Demontage der Anlagen und der Werteverfall der Immobilie. Rüdiger Lötzer, zuständiger Gewerkschaftssekretär der IG Metall, rechnet mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag, der auf Rexam zukommen wird.

Und dass die Mitarbeiter mitziehen beim Streik, scheint sicher. 90 Prozent seien inzwischen gewerkschaftlich organisiert, sagt Lötzer. Die nächsten Gespräche zwischen Betriebsrat und Management sind für Mitte kommender Woche angesetzt.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Denn der US-Hersteller Ball will Rexam für 4,43 Milliarden Pfund (6,1 Milliarden Euro) schlucken, was er am 19. Februar verkündete – wahrscheinlich nur zufällig der Tag, an dem das Aus für das Rexam-Werk Berlin bekannt wurde. Es entstünde der größte Hersteller weltweit mit einem Marktanteil von 69 Prozent in Europa und mehr als 40 Prozent weltweit. Zumindest die Amerikaner sind sich sicher, dass es keine kartellrechtlichen Bedenken geben wird.

Es könnte allerdings sein, dass sich der neue Riese von einzelnen Standorten trennen muss - wenn das Geschäft denn überhaupt genehmigt wird. Und das Management in London hat nach der Übernahme möglicherweise eher weniger zu sagen. Was das für den Standort Berlin bedeutet, ist bisher nicht abzusehen.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.