Gesundheitsreport

Immer mehr Berliner betreiben „Hirndoping“ am Arbeitsplatz

Berliner Arbeitnehmer fallen immer häufiger wegen psychischer Erkrankungen im Job aus. Fehltage von DAK-Versicherten, die etwa auf Depressionen und Angsterkrankungen zurückgingen, haben zugenommen.

Arbeitsverdichtung, Überstunden, Stress – immer mehr Berliner lassen sich krankschreiben. Der Krankenstand in der Hauptstadt lag mit 4,4 Prozent im vergangenen Jahr deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 3,9 Prozent. Das ist das Ergebnis des DAK-Gesundheitsreports 2015, für den die Arbeitsunfähigkeitsdaten von 105.000 Berliner DAK-Mitglieder ausgewertet wurden. Von 1000 erwerbstätigen Arbeitnehmern in Berlin sind danach im Schnitt pro Tag 44 krankgeschrieben gewesen im vergangenen Jahr, sagte Regionalchefin Astrid Fricke. Ein Beschäftiger habe durchschnittlich 16,1 Tage im Job gefehlt. Wobei die öffentliche Verwaltung mit einem Krankenstand von 6,1 Prozent in Berlin vorne lag (im Bund waren 4,5 Prozent im Schnitt der Verwaltungen krank), gefolgt von der Branche „Verkehr, Lagerei und Kurierdienste“ (5,3 Prozent). Die Beschäftigten im Bereich „Bildung, Kultur, Medien“ waren mit 3,0 Prozent unterdurchschnittlich oft krank. Die meisten Fehlzeiten gab es wegen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, der Psyche und des Atmungssystems.

Neuer Höchststand bei Krankschreibungen wegen der Psyche

Weiteres Ergebnis der Untersuchung: In Berlin gibt es einen neuen Höchststand bei den Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen. Die Fehltage aufgrund von Depressionen und Angsterkrankungen nahmen im vergangenen Jahr laut DAK-Studie um rund ein Fünftel zu. „Bezogen auf 100 Arbeitnehmer gab es 8,2 Krankheitsfälle mit einem Seelenleiden als Ursache, was bundesweit ein Spitzenwert war“, so die Regionalchefin weiter. In Bayern oder Baden-Württemberg seien es im Vergleich dazu nur 5,6 Fälle gewesen. Die Krankenkasse vermutet deshalb, dass psychische Erkrankungen in einer Großstadt kein Tabuthema sind und sich die Betroffenen bei ihrem Arzt leichter zu ihrem Leiden bekennen, der Arzt zudem auch sensibler für diese Erkrankung ist.

Nicht nur die Daten aller DAK-Mitglieder bundesweit (6,1 Millionen, davon 240.000 in Berlin) wurden analysiert und verglichen. In einer repräsentativen Studie hat das Iges Institut im Auftrag der Krankenkasse zudem mehr als 5000 Berufstätige bundesweit befragt. Dabei wurde für den Gesundheitsreport als diesjähriges Schwerpunktthema untersucht, ob sich Berufstätige im Job mit verschreibungspflichtigen Medikamenten dopen, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder Stress abzubauen, obwohl sie eigentlich nicht krank sind. Hirndoping, so das Ergebnis der Studie, betreiben in Berlin rund 32.000 Erwerbstätige regelmäßig und gezielt.

„Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal“, warnte Astrid Fricke, die Regionalchefin der DAK. Nebenwirkungen und Suchtgefahr seien nicht zu unterschätzen. Bei einer angenommen Dunkelziffer könnte dies sogar bis zu 9,7 Prozent der Berufstätigen betreffen, so die Studie weiter. „Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen in Berlin sind das bis zu 175.000 Menschen, die schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente genommen haben – obwohl sie gesund sind“, so Fricke.

Vor allem weniger Qualifizierte gefährdet

Nach den Ergebnissen der Studie sind Auslöser für den Griff zur Pille meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Männer greifen eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen nehmen häufiger stimmungsaufhellende Medikamente ein. Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Führungskräfte oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollen. Der DAK-Report zeigt, dass vor allem weniger qualifizierte Erwerbstätige gefährdet sind. Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko zu den Tabletten zu greifen. Je einfacher die Tätigkeit ist desto höher ist laut Projektleiterin Susanne Hildebrandt von der mit der Untersuchung beauftragten Iges Institut GmbH der Doping-Anteil. Risikofaktoren seien dabei beispielsweise, wenn kleine Fehler schwerwiegende Konsequenzen nach sich zögen oder jemand am Rande seiner Leistungsfähigkeit arbeite. Auch unsichere Arbeitsplätze trügen zum Hirn-Doping bei.

ADHS-Pillen beliebt

Häufig werden dazu laut Studie Betablocker und Antidepressiva eingesetzt, aber auch Wachmacher und ADHS-Pillen – Medikamente also, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten verschrieben werden. In Berlin stieg zum Beispiel die Zahl der DAK-Versicherten, die von ihrem Arzt eine Methylphenidat-Verordnung (Ritalin) erhalten haben, von 2011 bis 2013 um 89 Prozent an. Methylphenidat ist zur Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen zugelassen. Für 11,5 Prozent der DAK-Versicherten, die dieses Medikament bekamen, konnte die Kasse in den Behandlungsdaten aber keinen Hinweise auf ADHS finden. Auffällig sei auch das Medikament Fluoxetin: Die Verordnungsraten für das Antidepressivum stiegen um gut ein Viertel an, doch fast jedes fünfzehnte Rezept sei ohne nachvollziehbare Diagnose geblieben. Die Ergebnisse des Reports zeigten, dass es eine deutliche Grauzone bei den Verordnungen gibt. Mehr als die Hälfte (fast 54 Prozent) bekommen die Pillen mit einem Rezept vom Arzt verschrieben ohne dass für die Versicherung eine nachvollziehbare medizinische Notwendigkeit vorliegt. Mehr als 14 Prozent erhalten die Doping-Mittel von Kollegen, Freunden, Verwandten.

Für Fachleute wie den Schweizer Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Markus Gastpar, der seit acht Jahren in Berlin praktiziert, ist die Untersuchung „gut gemacht“, aber dennoch seien es relativ „weiche Daten“. „Statt von Doping würde ich von Selbstmedikation sprechen. Ein Großteil psychischer Probleme wird auch heute noch nicht adäquat behandelt“, so der Professor. Er geht davon aus, dass selbst wenn ein Hausarzt Antidepressiva verschreibt ohne gleichzeitig die Diagnose Depression zu stellen, die Einnahme des Mittels nicht per zwangsläufig schädlich oder falsch sein müsse. „Die Studie bringt Daten, die wir uns genau anschauen müssen“, so Gastpar.

Darüber aufzuklären, auch über die Folgen und möglichen Nebenwirkungen der Medikamenteneinnahme bei gesunden Menschen, sieht auch Arnold Sauter vom „Büro für Technikfolgen-Abschätzung“ beim Deutschen Bundestag als sehr wichtig an. „Hirndoping ist kein Massenphänomen, aber durchaus ernst zu nehmen. Meist geschieht es ja nicht freiwillig, sondern dient der Leistungssteigerung“, so Sauter. In diesem Zusammenhang sei es gerade auch angesichts der zunehmenden Digitalisierung der Arbeitswelt eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, gute Arbeitsplätze zu schaffen.