Universitätsklinik

Warnstreik - Rund 500 Charité-Mitarbeiter legen Arbeit nieder

Der Warnstreik an der Charité zieht weitere Kreise: Auch am Deutschen Herzzentrum wollen Mitarbeiter für bessere Arbeitsbedingungen protestieren. Der erste Streiktag verlief laut Klinik geordnet.

Kein blockiertes Werktor, kein Stillstand der Maschinen: Ein Warnstreik im Krankenhaus sieht anders aus als ein Ausstand in einer Fabrik. Kein Streikposten zeigt die rote Fahne am Haupteingang des Charité Campus Virchow in Wedding. Stattdessen haben Gewerkschafter den Betonpollern weiße Verdi-Leibchen übergestülpt.

In der Mittelgasse zwischen den Pavillons schieben Pfleger Patienten im Rollstuhl, Rettungswagen fahren heran, Ärzte eilen in blauen Kitteln und Birkenstock-Latschen geschäftig zu ihrer Station. In den Wartezonen der Ambulanzen sitzen die Hilfesuchenden. Sie werden auch abgefertigt, jedoch langsamer als normal.

Aber was ist schon normal in einem Krankenhaus heutzutage. „Sonst warte ich auch sehr lange“, sagt ein Herr in der Augenambulanz. Als die Streikenden hereinkommen und ihr Anliegen erklären, klatschen einige Patienten Beifall. „Wir streiken auch für Sie“, schallt es aus dem Megafon. „Die wollen, dass mehr Schwestern da sind, um sich um die Kranken zu kümmern“, erklärt eine Frau ihrem Sohn im Kita-Alter.

200 leere Betten im Virchow

Im Glasbau im Zentrum der Mittelallee eilt Stephan Gummert in der gelben Signalweste der Streikleitung hin und her. Der Krankenpfleger, dessen kardiologische Station am Montag komplett geschlossen blieb, ist „hochzufrieden“. Ein Verdi-Kollege verteilt Eintrittsformulare an Mitarbeiter. Sie werden gerne genommen. „Das spricht für die Nöte der Kollegen“, so die Streikleitung.

200 bestreikte Betten, meldet Gummert alleine für das Virchow Klinikum. Angesichts von mehr als 1200 Betten insgesamt mag das wenig klingen. Aber für einen Krankenhausstreik sei das ein Zeichen für rege Beteiligung, sagt der Verdi-Kollege. Besonders stolz ist er, dass auch 26 Intensivbetten leer bleiben müssen. „Das sind Hocherlösfälle, das tut dem Arbeitgeber richtig weh“, sagt Gummert. Er rechnet damit, dass die freien Betten die Charité über zwei Tage mindestens zwei Millionen Euro kosten. Berlins Universitätsklinik geht offiziell von rund der Hälfte aus.

Hinter den Fenstern winken Kolleginnen den Streikenden draußen zu. Die Solidarität geht deutlich über die Gruppe vor den Klinikgebäuden hinaus. Auch viele, die arbeiten, beteiligen sich, indem sie Aufgaben wie zum Beispiel das Legen von Infusionen oder venösen Zugängen an Ärzte „zurückdelegieren“. Früher waren das ärztliche Tätigkeiten, die inzwischen die Pflegekräfte zusätzlich übernommen haben.

Jeder Urlaub, jede Krankheit „haut voll rein“

In einer Ambulanz begrüßen die Diensthabenden die Abgesandten der Arbeitskämpfer. Sie habe noch keinen festen Vertrag, sagt eine junge Schwester, deshalb sei sie lieber nicht dabei. Eine ältere Pflegerin ist Leasing-Kraft und deshalb lieber zum Dienst gekommen. „Früher war die Personaldecke so, dass man ordentlich arbeiten konnte“, berichtet sie. Inzwischen haue jeder Urlaub, jede Krankheit „voll rein“.

Als sich am Mittag ein Demonstrationszug über den Campus in Bewegung setzt, sind rund 200 Kollegen dabei. Zu 80 Prozent sind es Frauen, die hier protestieren. Krankenschwestern, Pfleger, vereinzelt Assistenzärzte, aber auch Hebammen-Azubis, Labor-Mitarbeiterinnen und IT-Fachleute sind dabei. Es gehe um Verbesserungen in allen Bereichen, sagt der Streikleiter. Aber bei den Pflegekräften lasse sich die Gewerkschaftsforderung nach mehr Personal pro Patient einfacher gestalten. „Adäquate Personalmindestbesetzung in der Krankenversorgung“, heißt es etwas kompliziert auf dem Banner neben dem Eingang. Der Demo-Slogan geht leichter über die Lippen. „Mehr von uns …“, ruft Gummert in sein Megaphon, „… ist besser für alle“, fallen die anderen ein, erst zögerlich, später aus vollem Hals.

Als sich herumspricht, dass der Ärztliche Charité-Direktor Ulrich Frei den Pflegern in einem Interview vorgeworfen haben soll, die Patienten als Geiseln zu nehmen, werden die Streikenden noch ärgerlicher. „Die rechnen doch damit, dass die Leute hier ihren Job aus Nächstenliebe machen“, schimpft ein junger Pfleger: „Wir werden doch moralisch in Geiselhaft genommen.“

Rücksichtsvolle Demonstranten

Wie rücksichtsvoll die Demonstranten sich jedoch verhalten, zeigt sich vor der Gynäkologie. „Lasst den Rettungswagen durch“, rufen sich die Menschen zu, und die Feuerwehrmänner können ohne Verzögerung eine Hochschwangere in die Klinik schieben. Lautes Gepiepe aus den Trillerpfeifen bleibt aus, das sollen sich die Demonstranten für Station 13 schräg gegenüber aufsparen. Hier habe die Leitung es vielen Mitarbeitern untersagt, sich am Ausstand zu beteiligen.

Mit dabei ist in ihrem grünen OP-Anzug auch eine altgediente Anästhesie-Schwester mit ihren Kollegen. Ihren Namen möchte sie lieber nicht nennen, dieses Misstrauen teilt sie mit fast allen Streikenden. Seit 26 Jahren sei sie im Virchow-Klinikum beschäftigt. „Seit Anfang der 90er-Jahre ist es eine Talfahrt“, beschreibt sie die Arbeitsbedingungen. Zehn bis 15 Stellen seien im Virchow in ihrem Bereich nicht besetzt. Ohne Leasing-Kräfte, also Leiharbeiterinnen, würde schon lange gar nichts mehr gehen.

Obwohl sie gesuchte Spezialistinnen sind, fühlen sich die Frauen zunehmend ausgebeutet durch die Logik der Krankenhausfinanzierung. „Hauptsache, die Ärzte können möglichst viele Operationen machen“, sagt die Schwester. Was danach an Pflege und Zuwendung nötig sei und wie viel Arbeit das bedeute, werde dabei nicht immer berücksichtigt. Denn mit OPs verdient die Klinik Geld, das Punktesystem für die Abrechnung bei den Krankenkassen berücksichtigen nur noch einzelne Fälle, die aus ökonomischer Sicht eines Klinikbetreibers möglichst effizient bearbeitet werden müssen.

Der Charité-Leitung bleibt nur, möglichst kein Öl ins Feuer zu gießen und darauf zu verweisen, dass Geld für eigentlich vom Land zu leistende Investitionen aus der Krankenversorgung gezogen werden müsse, weil der Senat zu wenig zahle.

Der Streik sei „verantwortungsvoll“ abgelaufen, sagt der Charité-Sprecher Uwe Dolderer. Alle Notfälle seien versorgt worden, auf den Notaufnahmen sei es sogar etwas ruhiger zugegangen als sonst. Man will sich auch wieder mit den Gewerkschaftern treffen, um über einen neuen Tarifvertrag zu sprechen. Aber die eigentliche Forderung nach festen Personalschlüsseln von einer Pflegekraft für fünf Patienten auf normalen Stationen und eine für zwei Patienten auf Intensivstationen könne die Charité nicht erfüllen. Das würde 600 zusätzliche Stellen bedeuten und Mehrkosten von bis zu 36 Millionen Euro. Die Uni-Klinik, die 2014 sieben Millionen Plus erwirtschaftete, wäre defizitär. Nur 50 bis 60 zusätzliche Stellen für Intensivpflege hat die Charité angeboten. Verdi hat das abgelehnt.

Eine Frage des Geldes

Die Lage ist verfahren. Alle Beteiligten wissen, dass der Streik an der Charité vor allem ein Stellvertreter-Konflikt ist, der in der ruhmreichen Berliner Klinik wenige Kilometer vom Bundestag größere Resonanz erfährt als anderswo in Deutschland. Dabei geht es nicht nur um die Charité. „Ihr vertretet auch unsere Interessen“, ruft eine Ärztin aus dem DRK-Krankenhaus Westend den Streikenden zu.

Feste Personalschlüssel für die Pflege müsste der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen in Deutschland vorschreiben. Die Politik müsste organisieren, dass solche Standards auch finanziert würden. Entweder durch mehr Steuermittel oder durch mehr Geld von den Kassen, das die Versicherten aufbringen müssten. Darauf weist auch Wolfgang Albers hin, der gesundheitspolitische Sprecher der Linken im Abgeordnetenhaus, die sich mit den Streikenden solidarisch erklärte: „Letztlich ist das Problem einer angemessenen Personalausstattung auf den Stationen nur über eine bundesgesetzliche Regelung zu lösen, die Mindeststandards festlegt, damit das Personal-Dumping der Krankenhäuser untereinander endlich beendet wird.“