Lokführerstreik

Streik in Berlin macht Berufspendlern das Leben schwer

Auch am zweiten Tag des Lokführerstreiks ist das Angebot an S-Bahnen sowie Regional- und Fernzügen in Berlin und Brandenburg stark eingeschränkt. Wir informieren in unserem Liveticker.

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Die Lokführer streiken weiter, doch die Berliner S-Bahn will am Donnerstag wieder mehr Züge fahren lassen. Laut dem aktuellen Notfahrplan wird die S1 auf dem nördlichen Abschnitt bis Wedding verlängert. Dort können die Fahrgäste direkt in die U6 umsteigen, um weiter in die Innenstadt zu fahren. Auf den wichtigen Ost-West-Linien S5 und S7 fahren die Züge bis Charlottenburg statt nur bis Alexanderplatz. Im Einzelfall könnten Züge auch wieder bis Spandau durchfahren, so ein Bahn-Sprecher. Möglich seien Angebotsverbesserungen, weil bereits am Mittwoch mehr Triebfahrzeugführer als erwartet zur Arbeit erschienen, sagte ein Bahn-Sprecher.

Trotz der dieses Mal recht langen Vorwarnzeit und frühzeitiger Notfahrplanveröffentlichungen – einige überrascht der aktuelle Lokführerstreik am Mittwoch dann doch einige Menschen in Berlin. Etwa das Touristenehepaar aus Mannheim, das am Mittwochmorgen ratlos am S-Bahnhof Westkreuz stand. Ihr Ziel: das Naturkundemuseum in Mitte. Doch die Bahn, mit der sie in die Innenstadt fahren wollten, kommt nicht. „Wir haben uns wohl vertan. Wir dachten, das sei hier eine U-Bahn-Station“, sagt der Mitsechziger. Verständnis für den erneuten Streik haben sie nicht. Waren sie doch schon bei ihrem Berlin-Besuch im November vom Ausstand betroffen. Nun haben sich die beiden Mannheimer extra für die fünf Tage, die sie jetzt hier sind, eine BVG-Karte gekauft. „Die nützt uns ja jetzt nichts“, sagt der Pfälzer wütend. „Dann müssen wir wohl jetzt draufzahlen und mit dem Taxi zum Museum fahren“, sagt er.

Berliner gut vorbereitet

Das Touristenpaar war am Mittwoch allerdings eher die Ausnahme. Die allermeisten Berliner und auch viele Hauptstadtbesucher hatten sich auf den neuerlichen Ausstand der Lokführer gut eingestellt. Auch wenn es auf den Straßen und in den U-Bahnen deutlich voller war als an einem normalen Wochentag – das große Chaos blieb in Berlin, aber auch in ganz Deutschland aus. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) hatte am Montag bereits zum siebenten Mal im laufenden Tarifkonflikt ihre Mitglieder zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen. Noch bis Donnerstag, 21 Uhr, sollen nach dem Willen der GDL bundesweit keine Züge im Fern- und Regionalverkehr sowie bei der S-Bahn fahren.

Doch die Bahn reagiert inzwischen immer routinierter mit zwar ausgedünnten, aber recht zuverlässigen Ersatzfahrplänen auf die Arbeitsniederlegungen.

Gesteuert werden die Züge dann von den wenigen noch verbeamteten Lokführern, aber auch von nicht gewerkschaftlich organisierten Kollegen sowie Mitgliedern der Eisenbahnergewerkschaft EVG, die zeitgleich mit der GDL mit der Bahnspitze über einen neuen Tarifvertrag verhandelt. Doch auch immer mehr GDL-Mitglieder scheinen Zweifel zu haben, ob die ohnehin wenig einfallsreiche Brachial-Streiktaktik ihrer Gewerkschaftsführung am Ende überhaupt zum Erfolg führt. „In anderen Branchen gibt es längst ordentliche Lohnabschlüsse, wir haben bis auf eine Einmalzahlung bisher überhaupt nichts erreicht“, sagte ein von der GDL enttäuschter Triebfahrzeugführer, der seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Bei der Berliner S-Bahn hatte die bröckelnde Streikbereitschaft am Mittwoch sogar zur Folge, dass die Bahntochter spürbar mehr Züge einsetzen konnte als im Notfahrplan vorgesehen. So fuhren etwa die Züge auf den wichtigen Ost-West-Linien S5 und S7 fast den gesamten Tag über bis Charlottenburg statt nur bis Alexanderplatz. Die Linie S1 konnte über Gesundbrunnen hinaus bis Wedding verlängert werden. „Das ist zwar nur einen Station, wurde aber von unseren Kunden als sehr positiv bewertet“, sagte ein S-Bahn-Sprecher der Berliner Morgenpost. In Wedding können die Fahrgäste direkt in die U-Bahn-Linie 6 umsteigen, die ihnen eine schnelle Weiterfahrt in die Innenstadt ermöglicht. Die S1 soll daher von Oranienburg kommend auch am heutigen Donnerstag bis Wedding durchfahren. Grund für die Angebotsverbesserung war nach Angaben eines Bahn-Sprechers, dass in Berlin und Brandenburg mehr Lokführer zur Arbeit erschienen als zuvor angenommen. So konnte die S-Bahn zeitweise 35 statt der geplanten 30 Prozent des normalen Zugverkehrs anbieten. Ob das nach einem Schichtwechsel so bleibt, sei aber von der Streikbereitschaft in der nächsten Schicht abhängig.

Die S-Bahn fährt auf den in Notfahrplan verankerten Linien in der Regel einen 20-Minuten-Takt. Dieser konnte nach den Beobachtungen des Berliner Fahrgastverbandes auch fast immer eingehalten werden. „Auch die Information der Fahrgäste war in der Summe gesehen sehr gut“, lobte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Er begrüßte auch die im Tagesverlauf erfolgten Angebotsverbesserungen. Allerdings: Auf der wichtigen Ringbahn fuhren auch am Donnerstag keine Züge fahren. Der Zugverkehr auf den Linien S45, S47, S75, S8 und S85 bleibt bis Donnerstagabend, 21 Uhr, eingestellt. Viele Fahrgäste müssen deshalb in Berlin auf die U-Bahn ausweichen. Entsprechend voll waren am Mittwoch die Züge. Wer am Morgen etwa am Alexanderplatz in die U2 steigen wollte, musste oft erst eine oder zwei überfüllte Bahnen vorbeifahren lassen. „Sehr voll war es auch in der U5, U6 und der U8“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz der Berliner Morgenpost. Die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sind vom Streikaufruf der GDL nicht betroffen, ihre Busse und Bahnen beförderten am Mittwoch zeitweise 70 Prozent mehr Fahrgäste als sonst.

Busse mit 48 Minuten Verspätung

Der große Andrang und die damit verbundenen längeren Ein- und Aussteigezeiten sorgten für teils große Verspätungen, etwa auf den Buslinien M27, 150, 165 und 194 von bis zu 48 Minuten. Bei der Straßenbahn stockte der Verkehr vor allem auf den Linien M1, M10 und 50 , es kam zu Verspätungen von bis zu 15 Minuten. Nach 12 Uhr habe sich die Lage aber normalisiert. Am heutigen Streiktag will die BVG ihr Angebot im Prinzip nicht ändern. „Wir prüfen aber, ob wir in den Randbezirken Gelenkbusse mit mehr Plätzen einsetzen können“, sagte BVG-Sprecherin Reetz. Das sei aber wegen der häufig engen Straßen nicht überall möglich. Der Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge bringe dagegen meist nichts. „Wenn ein Bus im Staus steht, macht es keinen Sinn, noch einen anderen daneben zu stellen“, sagte Reetz.

Erhebliche Auswirkungen hatte der Lokführerstreik auf den Fernverkehr der Deutschen Bahn. Nur etwa ein Drittel der sonst üblichen 805 Züge sollten laut Ersatzfahrplan fahren. Teilweise blieben in den Zügen aber sogar Plätze frei, weil viele Reisende auf den Fernbus, auf Mitfahrgelegenheiten oder das eigene Auto umstiegen waren. Nach Angaben des GDL-Vorsitzenden Claus Weselsky haben sich am Mittwoch bundesweit rund 3000 Lokführer und Zugbegleiter am Streik beteiligt. Pro Streiktag erhalten sie nach einem GDL-Beschluss aus dem vorigen Dezember 75 Euro Streikgeld von der Gewerkschaft. Damit dürften aus der Streikkasse an jedem Tag des Arbeitskampfes rund 225.000 Euro an die Teilnehmer ausgezahlt werden.

GDL-Chef Claus Weselsky wies der Bahn abermals die Schuld für den erneuten Streik zu: „Wir haben durchaus zwischenzeitlich Fortschritte gemacht. Aber das, was der Bahnvorstand am Ende geboten hat, war die blanke Provokation“, sagte er in Fulda. Die Bahn habe eine einseitige Erklärung abgegeben. Es zähle aber nur ein Papier, auf dem Zwischenergebnisse fixiert seien, die beide Seiten tragen. Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber nannte den Streik überflüssig und schädlich. Vorwürfe der Lokführergewerkschaft, das Management der Bahn habe kein Ergebnis erzielen wollen, wies Weber erneut zurück. Die GDL hatte die Verhandlungen am Freitag erneut für gescheitert erklärt.

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sieht tiefere Ursachen für den Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und der GDL. „Es geht nicht um Geld oder Arbeitszeit“, sagte der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner. Mit seinem harten Kurs wolle Weselsky vielmehr Macht und Einfluss seiner Organisation sichern. Die EVG steht in Konkurrenz zur GDL, die deutlich kleiner ist. Die GDL sehe das auf den Weg gebrachte Tarifeinheitsgesetz als Bedrohung, meinte Kirchner. Um dagegen klagen zu können, brauche die GDL einen von der EVG abweichenden Tarifvertrag. Sie sei deshalb nicht an inhaltsgleichen Tarifvereinbarungen der beiden Gewerkschaften mit der Bahn interessiert. Zudem müsse Weselsky seine Leistungsbilanz aufpolieren. Die GDL habe nämlich in der Vergangenheit schlechtere Tarifabschlüsse erzielt als die EVG. Es sei absehbar, dass in Bahnen in einigen Jahren verstärkt führerlose Systeme eingesetzt würden. Weselsky versuche schon heute, in anderen Bereichen als unter den Lokführern Mitglieder zu gewinnen, so Kirchner.