Kommentar

Streik bei der Bahn - Konfrontation ist keine Lösung

Die Lokführer streikenund wieder leiden die Menschen darunter, die die Züge täglich nutzen müssen. Reden wäre besser, ebenso öffentliche Zurückhaltung – auf beiden Seiten, meint Björn Hartmann.

In weiten Teilen des deutschen Bahnnetzes und bei der Berliner S-Bahn geht wieder einmal gar nichts. Die Lokführer streiken im laufenden Tarifkonflikt für mehrere Tage – und die Menschen, die die Züge täglich nutzen müssen, leiden darunter. Doch es geht in dem Konflikt nicht nur um mehr Geld, Jobsicherheit oder die Eitelkeiten von Managern.

Dass überhaupt gestreikt werden kann, hat mit der Bahnreform der 90er-Jahre zu tun. Der Bund privatisierte das Staatsunternehmen und versprach sich davon unter anderem mehr Effizienz. Die Zahl der Beamten bei der Bahn ist in der Folge stark gesunken. Lokführer sind heute Angestellte, sie haben also das Recht zu streiken. Und niemand muss sich wundern, dass die Lokführer es auch nutzen, um ihre Forderungen durchzusetzen.

Um Streitereien wie bei der Bahn mit der Lokführergewerkschaft GDL – und bei der Lufthansa mit der Pilotengewerkschaft Cockpit – künftig zu verhindern, arbeitet Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) an einem Gesetz zur Tarifeinheit. Es wird umso dringlicher, je heftiger der Tarifstreit bei der Bahn – mit entsprechendem Unmut in der Bevölkerung – wird. Eine merkwürdige Situation: Der Bund als Gesetzgeber ist gleichzeitig Eigentümer der Bahn. Und ihm ist in dieser Lage nicht unbedingt an einer schnellen Lösung des Konflikts gelegen. Die Gewerkschaft kämpft wiederum nicht nur um mehr Lohn und sichere Arbeitskräfte, sondern auch um die Frage, für wen sie noch verhandeln darf, wenn das Gesetz fertig ist.

Verschärft wird der Konflikt durch das schlechte Klima zwischen Gewerkschaftsspitze und Konzernführung. Aus dem letzten großen Tarifkonflikt vor acht Jahren, als mit Manfred Schell und Hartmut Mehdorn zwei Männer aufeinandertrafen, die nicht gerade zu den Anhängern leiser Töne gehörten, haben beide Seiten offenbar wenig gelernt. Vor allem Claus Weselsky, der jetzt an der Spitze der GDL steht, setzt wie sein Vorgänger vor allem auf Konfrontation und liefert dem Bund so mehr Grund, per Gesetz einzugreifen. Zwischentöne sucht man derzeit vergebens.

Niemand spricht der Gewerkschaft das Recht ab, die Interessen ihrer Mitglieder zu vertreten. Grundsätzlich aber gilt: Reden wäre besser, ebenso öffentliche Zurückhaltung – auf beiden Seiten. Dann gelingen auch Tarifabschlüsse wie andere, ebenso kämpferische, Gewerkschaften und Branchen immer wieder zeigen. Und der Bahnfahrer dankt.