Wohnungsnot

Bebauung von Friedhöfen in Berlin stößt auf Kritik

Auf dem Golgatha-Gnaden- und Johannes-Evangelist-Friedhof in Reinickendorf sollen Wohnungen entstehen - so wie auf vielen Friedhofsflächen der Stadt. Doch dagegen regt sich Widerstand.

Foto: Amin Akhtar

Ein leichter Wind streicht über die bunten Blumen, die grünen Blätter schwanken sachte und ein Vogelpärchen hüpft zwitschernd über den moosbedeckten Boden. Im Frühling ist der Golgatha-Gnaden- und Johannes-Evangelist-Friedhof mehr Paradies als Grabeshügel – eine Insel inmitten der Großstadt.

Doch auf einem gut zwei Hektar großen Teilgebiet des Friedhofes, der bisher nicht für Bestattungen genutzt wurde, sollen Wohnungen gebaut werden. Der Bezirk Reinickendorf hat den Entwurf für einen Bebauungsplan erstellt. Danach könnte das Areal an der Holländer Straße nahe der Bezirksgrenze zu Mitte zu etwa 30 Prozent überbaut werden. Die Zahl der Wohnungen steht noch nicht fest.

Der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten Berlin Brandenburg (BDLA) sieht das Vorhaben als Beispiel für eine problematische Entwicklung. Der Verband hat sich in einer Erklärung grundsätzlich gegen die Bebauung von Friedhofsflächen in der Stadt ausgesprochen. „Neben der Frage, wie man die Ruhe der Toten respektiert, stehen auch Fragen des Naturschutzes und der Erholung“, sagt Axel Klapka, Vorsitzender des BDLA Berlin Brandenburg.

>> Die Debatte um Friedhofsflächen - ein Pro und Kontra

Die Friedhöfe, ob nun tatsächlich mit Grabstätten belegt oder nur als Fläche für Beisetzungen vorgehalten, erfüllten eine wichtige Funktion. „Bürger brauchen sie zur Erholung“, sagt Klapka. Sie hätten eine üppige Vegetation und eine wichtige Rolle für das Stadtklima, argumentieren die Landschaftsarchitekten. So sei auch der Golgatha- und Johannes-Evangelist-Friedhof eine wichtige Kaltluftschneise für die umliegenden Wohngebiete. Wohnungsbau sei notwendig, Wohnungsbau auf Kosten wertvoller Grün- und Freiflächen aber „zu kurz gedacht“, so Klapka.

Die meisten Berliner bevorzugen eine Urnenbeisetzung

Allerdings ist die Wohnungsnot allein nicht der Grund für die Umnutzung von Friedhöfen. Weil die meisten Berliner einer Urnenbeisetzung den Vorzug vor einer Erdbestattung geben und zugleich die Lebenserwartung allgemein gestiegen ist, sind die Friedhofsflächen in der Stadt nicht mehr ausgelastet. Nach dem gültigen Berliner Friedhofsentwicklungsplan (FEP) von 2006 sollen von 1037 Hektar christlicher und städtischer Friedhofsfläche 747 Hektar erhalten bleiben.

Rund 40 Hektar sind seit Inkrafttreten des FEP nach Auskunft der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereits entwidmet worden. Von 179 Friedhöfen sollen langfristig nur 93 bestehen bleiben. Nach dem Berliner Friedhofsgesetz sollen aus aufgelösten Begräbnisstätten Parks und Grünflächen werden. Sofern es im öffentlichen Interesse liegt, ist aber auch eine Bebauung möglich. Voraussetzung: Auf der Baufläche dürfen 30 Jahre lang keine Beerdigungen stattgefunden haben.

So ist auf einem Teilstück des St. Simeon- und St. Lukas-Friedhofs in Neukölln vor eineinhalb Jahren ein Supermarkt errichtet worden. Aktuell wird auf dem St.-Simeon-Friedhof ein Bauprojekt für rund 60 Wohnungen vorbereitet. Pläne für Wohnungsbauten gibt es auch auf dem Georgen-Parochial-Friedhof und dem Kirchhof der Segensgemeinde Weißensee in Pankow. Auf einer vier Hektar großen Teilfläche des Neuköllner Emmaus-Friedhofs könnten mittelfristig sogar 400 neue Wohnungen entstehen.

Moralische Bedenken

Für Pfarrer Jürgen Quandt, Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofsverbands Stadtmitte, ist der Verkauf aufgelassener Friedhofsflächen „eine Notwendigkeit, um auf lange Sicht die Wirtschaftlichkeit der Friedhöfe zu sichern“. Denn die Unterhaltung ist teuer, und die Verkaufserlöse kommen der Pflege der Friedhöfe zugute. Der Verband ist größter innerstädtischer Friedhofsträger und auch für Golgatha-Gnaden in Reinickendorf zuständig. Die Kritik der Landschaftsarchitekten am Reinickendorfer Wohnbauprojekt ist für Pfarrer Quandt nicht nachvollziehbar. „Die Fläche ist nicht pietätsbefangen“, sagt er. „Es hat dort nie Beisetzungen gegeben, und es ist mehr oder weniger grüne Wiese.“

Die Reinickendorfer werten die Baupläne unterschiedlich. „Häuser mit Wohnungen auf einen ehemaligen Friedhof zu bauen, finde ich in Ordnung, aber Supermärkte oder Einkaufszentren dort zu errichten, ist absurd“, sagt Brigitte Baganz. Die 79-Jährige kommt seit 20 Jahren jede Woche auf den Golgatha-Gnaden-Friedhof, um das Grab ihres Mannes zu besuchen. Frank Becker vom Blumenladen am Friedhof sieht Wohnen auf Friedhöfen grundsätzlich kritisch: „Ich will nicht, dass meine Eltern unter einem Parkhaus liegen“, sagt der 51-Jährige. „Und auf alten Gräber möchte ich nicht wohnen.“

Dass die Bebauung von Gräberfeldern für viele Berliner eine moralische Frage ist, weiß auch Pfarrer Quandt. Mit den jeweiligen Investoren sei deshalb vereinbart worden, dass bei Erdarbeiten gefundene Gebeine gesichert werden müssen. „Wir haben die Bauträger verpflichtet, uns Gebeine zu übergeben, damit sie nachbestattet werden können“, erklärt der Pfarrer. Die sterblichen Überreste würden dann auf dem aktiven Friedhofsteil erneut bestattet.

Die meisten aufgegebenen Friedhofsteile würden ohnehin zu Grünflächen werden, ist Jürgen Quandt überzeugt. Der Bund der Landschaftsarchitekten Berlin Brandenburg fürchtet allerdings, dass die aktuellen Planungen nur der Einstieg für eine großflächige Bebauung von Friedhöfen sein könnten. „Mit den ersten Projekten wird Tür und Tor für eine weitere Bebauung geöffnet“, so Britta Deiwick, stellvertretende Vorsitzende des BDLA Berlin. Es gehe um eine „Salamitaktik“.