Debatte

Sollen Berliner Friedhöfe bebaut werden? Ein Pro und Kontra

Immer mehr Friedhofsflächen der Hauptstadt werden für den Wohnungsbau genutzt. Angesichts der Wohnungsnot in Berlin eine sinnvolle Sache. Doch gleichzeitig droht ein großer kultureller Verlust.

Pro: Der Platz ist rar

Von Isabell Jürgens

Wer möchte, dass Friedhöfe als „letzte Ruhestätten der Toten“ respektiert werden, wie es der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten fordert, kann persönlich viel dazu beitragen – indem er seine verstorbenen Angehörigen nicht platzsparend in der Urne beisetzt, sondern eine möglichst großzügig bemessene Erdbestattung wählt. Denn nur so ist die Zukunft aller 179 Berliner Friedhöfe nebst ihrer längst nicht mehr benötigten Erweiterungsflächen dauerhaft zu sichern. Aber weil der Trend zur schlichten und immer häufiger auch anonymen Feuerbestattung geht, muss es erlaubt sein, über die Nutzung riesiger brachliegender Flächen, oft in bester Innenstadt-Lage, nachzudenken.

Ganz abgesehen davon, dass der Verkauf von ungenutzten Teilflächen ein probates Mittel ist, um die Pflege der tatsächlich genutzten Friedhofsbereiche zu ermöglichen, gibt es in der wachsenden Stadt Berlin nun mal einen erheblichen Bedarf an Wohnfläche. Wer in Berlin auf Wohnungssuche ist, weiß, wie dramatisch die Situation bereits heute ist. Und immer mehr Berliner stöhnen über sprunghafte Mieterhöhungen, denn die Vermieter lassen sich ihr knapp gewordenes Gut entsprechend bezahlen.

100.000 neue Wohnungen müssen nach Berechnungen der Stadtplanungsbehörde in den kommenden zehn Jahren entstehen, damit das Bevölkerungswachstum von jährlich rund 40.000 Menschen einigermaßen bewältigt werden kann. Gerade das Argument „Naturschutz“ ist in diesem Zusammenhang sehr fragwürdig: Wenn Neubau nur noch am Stadtrand entstehen kann, weil selbstverständlich auch alle anderen innerstädtischen Freiflächen unbebaut bleiben sollen, werden dort wertvolle großflächige Landschaftsräume zerstört, das Verkehrsaufkommen wird zunehmen und der Bau von zusätzlicher Infrastruktur wie Straßen, Schulen und Kitas auf der grünen Wiese wird die Stadtkasse weiter belasten.

Der sogenannten Pietät ist durch das Berliner Friedhofsgesetz ohnehin Rechnung getragen, denn Flächen dürfen erst dann entwidmet werden, wenn dort 30 Jahre keine Beerdigungen mehr stattgefunden haben.

Kontra: Friedhöfe sind Orte der Kultur

Von Regina Köhler

Mag sein, dass Berlin eine besonders grüne Stadt ist, dass wir – verglichen mit anderen Großstädten – bereits viele Parks und Grünflächen haben, jede Menge Straßenbäume und Hecken. Ein Argument dafür, ehemalige Friedhöfe als Grünfläche aufzugeben und zu bebauen, ist diese Tatsache trotzdem nicht. Denn ehemalige Friedhöfe sind nicht nur mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Orte, die der Erholung dienen können, sondern auch Orte der Kultur, die Anregung zum Nachdenken und Forschen bieten, wenn man sich denn darauf einlassen will.

Viele Friedhöfe, ob sie nun entwidmet sind oder bald entwidmet werden sollen, liegen mitten in einem Wohnquartier. Wer dort spazieren geht, dem bietet sich ein gänzlich anderer Blick auf das betreffende Viertel. Diese andere Perspektive könnte der Ausgangspunkt dafür sein, sich genauer mit diesem Viertel zu beschäftigen.

Oft sind auch alte Grabsteine noch vorhanden. Und selbst wenn es nur noch wenige sind, jeder einzelne hat etwas zu erzählen. Es sind die Geschichten jener Menschen, die einst im Viertel lebten und später dort begraben worden sind. Wenn wir gut zuhören und nachforschen, können wir viel erfahren: Darüber, wie es diesen Menschen ergangen ist, welche Herausforderungen sie bestehen mussten, welche Träume sie hatten, ob sie in Armut gelebt haben oder in materiellem Wohlstand, ob sie Kriege überstehen mussten, wie sie miteinander umgegangen sind.

Wenn wir Interesse daran haben, kann ein Spaziergang über einen ehemaligen Friedhof also ein Spaziergang in die Vergangenheit sein, verbunden mit der Anregung, uns ein genaues Bild vom Leben unserer Vorfahren zu machen und vielleicht sogar, von ihnen zu lernen.

Kann sein, dass viele keine Zeit oder kein Interesse daran haben, genau hinzuhören und sich auf die Geschichten einzulassen, die ihnen dort zugeflüstert werden. Bleibt immer noch die Option, diese Anlagen mit ihren alten Bäumen und Sträuchern, mit ihren Mauern und Zäunen wenigstens als verwunschene Orte wahrzunehmen, von denen es in einer Großstadt wie Berlin nicht genug geben kann.