Abu Dhabi

Wie ein Berliner Christos Wüsten-Skulptur konstruiert

| Lesedauer: 7 Minuten
Sabine Gundlach

Foto: schlaich bergermann und partner / Schlaich Bergermann und Partner

In Abu Dhabi entsteht das größte Kunstwerk der Welt: die Skulptur „Mastaba“, 150 Meter hoch und 240 mal 300 Meter in der Fläche. Das Ingenieurbüro Mike Schlaich hat die Konstruktionspläne entworfen.

Er konstruiert Großbauwerke in aller Welt: von sensationellen Stadien, wie das für die Fußball-EM in Warschau, bis zu riesigen Brücken, wie die knapp 1,2 Kilometer lange Ting-Kau-Brücke in Hongkong.

Er lehrt und er entwickelt neue Baustoffe. Jetzt legt der Ingenieur und Professor der Technischen Universität (TU) Mike Schlaich mit seinem Berliner Team auch noch die Konzeptionsstudie für die Konstruktion und Montage des weltweit größten Kunstwerks vor, das der Verhüllungskünstler Christo in der Wüste des Emirates Abu Dhabi plant.

„Das ist eine echte Herausforderung, ein reizvolles Projekt für einen Ingenieur“, schwärmt Mike Schlaich begeistert von Christos Vorhaben.

„Mastaba“ aus 440.000 Ölfässern

Die Dimensionen sind gewaltig: Die „Mastaba“ genannte Großskulptur soll mitten in der Wüste aus etwa 440.000 Ölfässern errichtet werden. Auf einer Fläche von 240 mal 300 Metern soll der Solitär 150 Meter in die Höhe ragen.

Zwei Jahre lang tüftelten Mike Schlaich und sein Team vom Büro Schlaich, Bergermann und Partner an der Studie, die auf ersten Vorarbeiten der japanischen Hosai-Universität in Tokio basiert. Im Juni kommen Christo und sein Projektleiter Wolfgang Volz erneut nach Berlin. Dann geht es an die Vorbereitung der Umsetzung des Projektes. „Mit der nun vorliegenden detaillierten Studie zu Konstruktion und Montage kann Christo die Realisierung seines Projektes in die Wege leiten“, sagt Mike Schlaich.

Hauptaufgabe der Berliner Ingenieure war es, ein Tragwerk zu entwickeln, das Christos genaue Vorstellung vom Aussehen des riesigen Kunstwerkes überhaupt ermöglicht. Eine solche Masse an Ölfässern könne man nicht einfach aufeinanderstapeln, betont Schlaich, und er erläutert: „Dafür bräuchten Sie dann schon Millionen Fässer, die das Gewicht nicht halten könnten und sich erdrücken würden, das ist so gar nicht machbar.“ Stattdessen entwickelte das Berliner Ingenieurteam für den Bau der größten Skulptur der Welt ein bewegliches Stahlgerüst-Fachwerk. Darauf kommt eine Gitter-Haut, die letztlich ein riesiges Rost hält. Auf dem Rost sind die Ölfässer befestigt. „Die Skulptur ist innen hohl und wird quasi durch eine Art abgeschnittener Eiffelturm getragen.“

Dabei avanciert auch die Montage des Kunstwerks zur hohen Schule der Ingenieurskunst: Die vorgefertigten Seitenflächen und die Oberseite der Skulptur aus Ölfässern werden aus der horizontalen Lage mit Hilfe von zehn Hydrauliktürmen wie mit überdimensionalen Wagenhebern in etwa zehn Tagen in ihren Endzustand von unten nach oben hochgefahren. Für die Vorarbeiten des Baus der Tragwerke, des Fundaments oder der Segmente mit den Ölfässern veranschlagt Projektleiter Volz allerdings mehr Zeit: bis zu drei Jahre.

Erfindungsreichtum war nicht nur für die Konstruktion und Montage der Skulptur gefragt. „Wir mussten uns auch etwas einfallen lassen, wie man die Ölfässer bei Bedarf möglichst unkompliziert austauschen kann“, sagt Mike Schlaich. So sind die einzeln in Rot, Gelb oder Blau gehaltenen Fässer in der Wüstenlandschaft Abu Dhabis schließlich nicht nur sengender Sonne, sondern zuweilen auch heftigen Sandstürmen ausgesetzt. Klimatische Einflüsse, die die Farben über die Jahre verändern. „Das Tragwerk verfügt über Elemente, die ausgeklappt werden können und zum Austausch der Fässer begehbar sind“, erläutert Ingenieur Schlaich die Konstruktion. Die Spezialfarben für den Anstrich der Fässer werden eigens für das Christo-Projekt entwickelt. „Der Farbton soll mindestens 15 Jahre halten“, so Schlaich.

300 Millionen Euro für das Projekt

Erste Ideen für sein „Mastaba“-Projekt aus Ölfässern entwickelte Künstler Christo bereits in den 70er-Jahren mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne Claude. Wie Wolfgang Volz, Fotograf der Christo-Projekte und seit 1972 Wegbegleiter des weltbekannten Künstlers, der Berliner Morgenpost am Montag bestätigte, sind für die „Mastaba“-Skulptur bislang etwa 300 Millionen Euro veranschlagt. Dass Christo und sein Team auch für dieses Mega-Projekt das Geld wieder zusammenbekommen, steht für Volz außer Frage. „Die Skulptur in Abu Dhabi wird sicher ein ganz besonderes Kunstwerk, weil es die einzige Arbeit von Christo und Jeanne Claude ist, die bestehen bleibt und von außerordentlicher Größe ist“, betont Projektleiter Volz. In Deutschland wurden Christo und Jeanne Claude populär, als sie 1995 den Berliner Reichstag verhüllten.

Goldmedaille der Ingenieure

Über Volz kam auch der Kontakt mit Christo zustande. „Wir hatten schon mehrmals Anfragen, Christo arbeitet ja immer in großen Dimensionen und braucht dafür natürlich auch Ingenieure, vor zwei Jahren erhielten wir den Auftrag“, sagt Schlaich. Und schwärmt von Christos Gabe, die anderen mitzureißen. „Er war bereits mehrmals bei uns in Berlin. Christo kann unglaublich gut motivieren. Seine Begeisterung hat sich auf uns übertragen“, sagt Schlaich.

Der 55-jährige Wahlberliner kommt aus Weinstetten in der Nähe von Stuttgart. Dort gründete sein Vater Jörg mit Ralf Bergermann 1980 das weltweit in Fachkreisen bekannte Ingenieurbüro Schlaich, Bergermann und Partner. In Berlin waren die Ingenieure bereits an etlichen Bauten wie dem Hauptbahnhof, der neuen Überdachung des Olympiastadions oder dem Glasdach der DZ Bank beteiligt. Die Gründungsväter sind derweil zurückgetreten, vier Partner haben übernommen. Einer von ihnen ist Mike Schlaich. Er leitet das Berliner Büro der Planer, die darüber hinaus auch Büros in Stuttgart, New York, Sao Paulo, Singapur und Paris führen.

Seit 2004 als Professor an der TU

Im Berliner Sitz in Wedding entwickelte das Team von Mike Schlaich auch ein Projekt, das in Indien realisiert wird: die Yamuna Brücke. Mit 675 Metern Länge und 25.000 Quadratmetern Gesamtfläche erreicht das achtspurige Bauwerk über den Fluss Yamuna zwar keine Rekordmaße, hat aber dennoch das Zeug zum rekordverdächtigen Hingucker. Die Brücke in Neu Delhi wird der neue Leuchtturm der indischen Metropole. Clou des Entwurfs für das indische Wahrzeichen made in Berlin ist die etwa 30 Meter hohe, gläserne und nachts strahlende Spitze des Brückenpfeilers. Mit einem Fahrstuhl oder über Treppen können Besucher zum Aussichtshaus in mehr als 160 Metern Höhe gelangen. Neben seinem Faible für Brückenbau engagiert sich der Ingenieur auch für den Nachwuchs.

Seit 2004 unterrichtet er als Professor an der TU Berlin im Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren. Lehre und Forschung seien ihm ein ganz wichtiges Anliegen, betont der Ingenieur, dessen Interesse auch der Entwicklung neuer Werkstoffe gilt. Beispielsweise die von ultraleichtem Beton, sogenanntem Infraleichtbeton. Für seine Leistungen erhält TU-Professor Mike Schlaich jetzt auch die höchste Auszeichnung seiner Branche. Vergangene Woche wurde bekannt, dass er von der Vereinigung der Ingenieure mit Sitz in London am 3. September in Singapur mit der Goldmedaille ausgezeichnet wird. „Das macht mich schon stolz“, gesteht der sonst eher bescheiden auftretende Ingenieur.

Foto: Krauthoefer