Pro & Kontra

Neues Fach "Gewi" - Zeitgemäßer Unterricht oder Verwirrung?

In Berlin wird zurzeit heftig gestritten, wie moderner Geschichtsunterricht funktioniert. Besonders im Fokus steht dabei das Fach „Gesellschaftswissenschaft“. Zwei Lehrer - zwei konträre Meinungen.

Pro: An Themen orientieren

Sternstunden im Geschichtslehrerdasein sind für mich ungeplante Stunden, die ein aktuelles Ereignis zum Ausgangspunkt einer weit ausholenden Rückschau machen. Natürlich bricht nicht jede Woche irgendwo eine Revolution aus, aber die Grundsätze, die diese Form von Unterricht bestimmen, scheinen mir die richtigen zu sein: von der Gegenwart ausgehen und sich an Themen orientieren. Deshalb begrüße ich das im neuen Rahmenplan Geschichte vorgesehene Längsschnitt-Prinzip.

Zugegeben, es handelt sich bei dieser Lehrplanreform um eine Abkehr von traditionellen Prinzipien, und man könnte befürchten, dass Schüler ohne den gewohnten chronologischen Durchgang durch die Geschichte die Orientierung in der Zeit verlieren, weil die Erkenntnisse, die sie in Längsschnitten gewinnen, unverbunden bleiben. Aber wurde diese chronologische Übersicht denn mit dem bisherigen Verfahren erreicht? Und was heißt überhaupt Überblick über die Geschichte? Vom Standpunkt einer globalen Geschichte aus gesehen handelt es sich auch bei der historischen Erzählung unserer eingeführten Schulbücher überwiegend um einen Längsschnitt nationaler Politikgeschichte, der zahlreiche, die Gegenwart bestimmende Aspekte ausklammert.

Als Lehrer steht man vor der Aufgabe, in einer Stunde pro Woche einer Schülerschaft aus mehreren Herkunftskulturen pro Klasse ein Bewusstsein von der geschichtlichen Bedingtheit ihres Lebens zu vermitteln. Längsschnittthemen wie "Armut und Reichtum" oder "Krieg und Frieden" sind bedeutungsvoll für Gegenwart und Zukunft der Lernenden, lassen sich über die ganze Welt "aufspannen" und vermitteln nicht weniger Geschichtsbewusstsein als das bisherige Prinzip.

Monika Lange, Geschichtslehrerin an der Carl-Zeiss-Sekundarschule

Kontra: Verwirrung und Beliebigkeit

Die Lehrplankommission hat einen Entwurf vorgelegt, der vor allem inhaltlich straffen sowie mit der Entscheidung für Längsschnitte inhaltlich fokussieren und den Lebensweltbezug der Schüler garantieren sollte. Vom Paradigmenwechsel war gar die Rede. Denn es sei kein Naturgesetz, die Geschichte chronologisch von der Altsteinzeit bis zum 11. September zu unterrichten. Der Entwurf löst diesen Anspruch nicht ein.

Statt Orientierung schafft er Verwirrung und Beliebigkeit. Auf dieser neuen Zeitreise geht historisches Grundwissen verloren, das für eine angemessene Bewertung von Ereignissen und Prozessen notwendig ist. Außerdem ist der Paradigmenwechsel nicht konsequent: In Klasse 5-6 verschwinden im neuen Fach Gewi die historischen Inhalte hinter Themen wie Ernährung und Wasser. In Klasse 7-8 soll künftig nach Längsschnitten und in Klasse 9-10 wieder – also doch altbewährt – chronologisch unterrichtet werden. Eine überzeugende Begründung für dieses Verfahrensdiktat wird nicht geliefert.

Dramatischer ist die inhaltliche Beliebigkeit. Die Schwerpunkte sind auf allen Ebenen willkürlich, weil es der Lehrkraft überlassen bleibt, welche Inhalte sie auswählt und/oder ergänzt. Im Extremfall unterrichtet jeder Lehrer dann seine eigene Geschichte. Auch die Entschlackung ist nicht gewährleistet: In Klasse 9-10 ist – im Gegensatz zum alten Plan – noch das Thema Industrialisierung hinzugekommen. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die DDR und der Mauerfall wieder unter den Lehrertisch fallen.

Der Entwurf muss grundlegend überarbeitet werden. Einer meiner Vorschläge lautet: Jedem Schuljahr wird eine Epoche zugeordnet. Das wäre ein annehmbarer Kompromiss – für die Lehrplan-Macher und die Kritiker.

Robert Rauh, Geschichtslehrer am Barnim-Gymnasium

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