Bootsbau an der Spree

Wo sich Til Schweiger ein Boot für den Müggelsee bauen lässt

Nils Clausen baut an der Spree aus alten Booten luxuriöse Yachten - und ist damit ziemlich erfolgreich. Das Startkapital für seine Edelwerft in Oberschöneweide kommt aus bekannten Filmproduktionen.

Foto: Krauthoefer

Wenn es draußen warm wird, lässt Nils Clausen morgens gern den schwarzen Jeep vor der Haustür stehen, setzt sich ins Boot und fährt 25 Minuten flussabwärts zur Arbeit. „Luxus? Nein. Aber diese Stadt hat ein Wasserwegenetz, das nur wenige Berliner nutzen“, sagt der 48-Jährige. In seiner kleinen Werft am Ufer der Spree (www.bootsmanufaktur.com) macht er aus löchrigen Kähnen mondäne Salonyachten und verkauft oder verleiht sie an Schauspieler und Großunternehmer. Von Zürich- bis Starnberger See künden seine eleganten Gefährte von einem Handwerk, das kaum jemand mit Berlin verbindet.

Clausen hat in Oberschöneweide ein Areal von 5000 Quadratmetern gemietet. Dort und in den angrenzenden Hallen anderer Betriebe wurden seit 1917 Autos zusammengeschraubt, zudem arbeiteten hier die Pioniere der deutschen Fernsehtechnik. Jetzt ist keine fünf Schritte von der Spree entfernt Rost das regionale Merkmal Nummer eins. Rost in den Stahlträgern der Betonfassaden, Rost an den Industrieschornsteinen, Rost an den Schiffsschrauben aufgebockter Boote. Die perfekte Kulisse für Krimis und Verfolgungsjagden.

Mit Film kennt sich Bootsbauer Clausen aus. Die Wände seines hohen Büros im Backstein-Look verstellen Regale voll Flüstertüten aus Messing, Schiffsglocken jeder Größe, Bootssteuerräder aus dunklem Holz und Metall. Für die 100-Millionen-Dollar-Produktion „Cloud Atlas“ mit Tom Hanks verlieh er viele Requisiten. Beim Berlinale-Eröffnungsfilm „Enemy at the Gates“ über die Schlacht von Stalingrad befehligte er eine Militärflotte von 16 Schiffen.

Das dabei verdiente Geld steckte Clausen 2008 in die Gründung seiner Werft „Bootsmanufaktur“. Dort sitzt er nun, im Seemannspullover, in Jeans und staubigen Schuhen, und sagt zwischen zwei Zügen an der Selbstgedrehten: „Ein Boot braucht man so dringend wie ein Loch im Kopf.“ Also doch: Luxus.

Von Berlin an den Starnberger See

Clausen zählt einige Kunden auf. Da ist etwa der Großunternehmer aus Süddeutschland. Er möchte gern wochenends daheim mit der Familie über den Starnberger See schippern. Doch Verbrennungsmotoren sind dort nicht mehr zugelassen. „Jetzt bekommt er einen zehn Meter langen Schiffsrumpf von 1926, hinein kommt ein Elektromotor für 100.000 Euro. Die Original-Kajüte aus Hondurasmahagoni haben wir aufgearbeitet. Dazu gibt es eine moderne Pantry zum Kochen.“ Mit dem Laster wird das Boot nach Bayern geschafft. Gesamtkosten: rund 200.000 Euro.

Oder Filmemacher und Schauspieler Til Schweiger: „Der wollte etwas Klassisches. Ein Boot, mit dem er über den Müggelsee fahren kann und ein bisschen abspannt.“

Hingucker sind auch die Konstruktionen, die der studierte Architekt Clausen für Festivals baut. Sein Arbeitsmaterial sind Frachtcontainer, wie sie vor seiner Halle stehen. Geliefert aus Hamburg, versehen mit chinesischen Schriftzeichen. Für die Berliner Modemesse Bread & Butter stapelte er sechs davon zu einem Büroturm samt einer Lounge, die jeden Bond-Film schmücken würde. „Die Containeraufträge sind gut für die Sommermonate – das ist üblicherweise die Zeit, in der Werften pleite gehen“, sagt Clausen. Ein weiteres Standbein ist seine Beteiligung an einem Verleih für edle Boote. Bis zu 30.000 Menschen bringt er damit jährlich aufs Wasser, zum Beispiel Hochzeitsgesellschaften.

Die Sehnsucht nach dem Wasser

Clausen kommt vom Wasser und ist in Berlin dahin zurück gekehrt. Geboren in der Schiffsbau-Stadt Kiel, wuchs er in Holland auf. „Vater hatte immer Boote“, sagt Clausen. Als Wehrdienstflüchtling kam er 1987 nach Berlin und baute nach dem Studienabschluss mit eigener Agentur Baumodelle für das wiedervereinte Berlin. „Es gab hier viel zu tun.“ Für Architekt Norman Foster etwa baute er zu Anschauungszwecken einen begehbaren Reichstag. „Da konnte man den Kopf in die Kuppel stecken“, sagt Clausen.

Bald packte ihn erneut die Sehnsucht nach dem Wasser. Als Christo 1995 den Reichstag verhüllte, legte Clausen mit eigenem Fünf-PS-Boot am Spreeufer an und besah sich das Kunstwerk wie Tausende andere beim abendlichen Picknick.

Wer von Clausen wissen will, warum in einer geschäftigen Metropole wie Berlin der Bootsverkauf so gut läuft, dem sagt er, dass gerade der Großstadttrubel die Menschen auf die Schiffsplanken treibe. „Hier ist auf dem Wasser ein Tempo von acht bis zwölf Stundenkilometern gestattet. In so einer Geschwindigkeit sieht man Bauten und Natur mit ganz anderen Augen.“