Jubiläum

Berlins Staats- und Domchor feiert seinen 550. Geburtstag

Der Staats- und Domchor Berlin feiert seinen 550. Geburtstag und gilt als älteste musikalische Einrichtung der Stadt. Heute singen hier mehr als 300 Jungen und Männer.

Gleich zwei Stufen auf einmal nehmen die Jungen, als sie in den zweiten Stock des Instituts für Kirchenmusik laufen. So als könnten sie es kaum erwarten, zur Chorprobe zu kommen. Im Halbrund setzen sie sich um den Flügel, und da betritt auch schon Kai-Uwe Jirka den Raum. Mit dem Sitzen ist nun Schluss. Erst einmal gibt es Dehn- und Lockerungsübungen: ein „Pferderennen“ zwischen rechter und linker Hand und sogar auf den Po dürfen sich die Jungen hauen – natürlich nur auf den eigenen.

Es ist Freitagnachmittag und obendrein der letzte Schultag vor den Ferien, da muss Chorleiter Jirka auch schon mal um die Aufmerksamkeit der Jungen ringen, aber das scheint ihm leicht zu gelingen. Wenn er auf den Tasten einen Ton anstimmt, sind die hellen Sopranstimmen gleich präsent. Vielleicht liegt es an der guten Laune und Energie, die er verbreitet, und sicher auch an seiner großen Erfahrung.

Elf verschiedene Chorgruppen

Seit 13 Jahren leitet Kai-Uwe Jirka als Professor für Chorleitung den Staats- und Domchor Berlin, der als die älteste musikalische Einrichtung der Stadt gilt. Friedrich II. von Hohenzollern stellte 1465 für die Musik in der „Dhumkerke“ (Domkirche) fünf „Singeknaben“ ein. Bedeutung erlangte der Hof- und Domchor vor allem im 19. Jahrhundert, als er unter anderem von Felix Mendelssohn Bartholdy geleitet wurde.

Nach 1918, mit dem Ende der Monarchie, war die Existenz des Chores zunächst gefährdet, doch wurde er 1923 zum Staats- und Domchor erklärt und der Staatlichen Hochschule für Musik, der heutigen Universität der Künste, angegliedert. Am 7. April feiert der Chor, in dem ausschließlich Knaben- und Männerstimmen singen, seine Gründung vor 550 Jahren.

Als Jirka 2002 den Chor übernahm, hatte er etwa 150 Mitglieder, heute sind es mehr als doppelt so viele. 250 Knaben- und etwa 75 Männerstimmen werden in elf verschiedenen Chorgruppen ausgebildet, angefangen von den DoMinis ab fünf Jahren bis hin zum Konzertchor. Dieser besteht aus 60 Sängern – 40 Knaben- und 20 Männerstimmen, die auch regelmäßig mit den Berliner Philharmonikern und dem Deutschen Symphonie-Orchester auftreten, die auf Konzertreisen gehen und die musikalische Gestaltung der Gottesdienste im Berliner Dom mittragen. Zuletzt sangen sie beim Trauergottesdienst für Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Singen macht gute Laune

Mit dabei waren auch Daniel und Jonas, beide Sopran. Jonas ist seit fünf, Daniel seit acht Jahren im Chor. „Meine Mutter fand es damals nervig, dass ich zu Hause immer so viel gesungen habe“, erzählt der 13-jährige Gymnasiast aus Reinickendorf. So landete Daniel beim Staats- und Domchor und es muss schon viel passieren, damit er mal eine Probe ausfallen lässt. Davon hat er immerhin drei in der Woche, schließlich singt er schon im Konzertchor. Anstrengend findet er das nicht, „nein, das Singen macht mir einfach viel Spaß“, sagt er. Und der zwölfjährige Jonas ergänzt: „Ich bekomme beim Singen immer gute Laune.“ Der Chor steht für beide an erster Stelle und wenn ein Konzert ansteht, lassen sie auch schon mal eine Geburtstagseinladung sausen, um zur Probe zu kommen. Weltfremd wirken die Jungen trotzdem nicht. „Ich finde immer noch Zeit, mich mit meinen Freunden zu treffen und Fußball zu spielen“, sagt Jonas.

Dass die Jungen nicht abheben, ist dem Chorleiter auch ein Anliegen. „Viele Menschen denken: Das sind so Halbheilige, aber nein: das sind ganz normale Jungen, die einen speziellen Hang zum Singen haben“, so Jirkas Überzeugung. Das merkt er besonders, wenn er mit dem Chor auf Probenfahrt geht. „Das Bedürfnis nach Bewegung ist enorm groß. Oft läuft es dann den ganzen Tag so: eine Stunde Singen, eine Stunde Fußball, immer im Wechsel.“

Chor hat sehr hohes musikalisches Niveau

Mit dem Staats- und Domchor strebt Kai-Uwe Jirka ein musikalisch sehr hohes Niveau an, aber er wehrt sich gegen den Begriff des Elitären. „Nein, wir sind ein viel bunterer Haufen, so, wie Berlin eben ist.“ Der Chor ist überkonfessionell, in ihm singen Christen, Atheisten, Juden und Muslime. Und die soziale Herkunft spiele auch keine Rolle, erklärt Jirka. Er habe mal die Chorbücher aus den 30er-Jahren studiert, da seien die Jungen aus allen Bezirken und aus den verschiedensten Familien gekommen – Kinder von Handwerkern genauso wie von Akademikern. Und schließlich sei die Ausbildung ja auch nicht wie anderswo an ein Internatsgymnasium gebunden.

Jonas und Daniel sehen das allerdings ein bisschen anders: „Die meisten hier sind schon auf dem Gymnasium, und wer Probleme in der Schule hat, schafft das gar nicht mit den vielen Proben.“ Die Fluktuation ist daher auch hoch, jeder zweite Junge im Chor hört irgendwann wieder auf. Der Grund dafür sind aber nicht immer die Anforderungen der Schule, wissen die beiden Jungen, viele verlieren auch einfach die Lust. „Man muss das schon selber wollen und darf hier nicht von den Eltern hergeschickt werden“, sagt Daniel und ergänzt weise, „das wird dann nichts“.

Auch Jungen im Stimmbruch bleiben dabei

Wer aber die nötige Leidenschaft mitbringt, der bleibt oft über Jahre. So wie Simon Raschke. Der 30-jährige Lehrer hat mit sechs Jahren beim Staats- und Domchor angefangen und singt heute als Tenor beim Männerchor. Nur während des Stimmbruchs hat er ein paar Jahre Pause eingelegt. Um die Jungen in dieser Entwicklungsphase nicht zu verlieren, hat Jirka inzwischen allerdings auch eine eigene Gruppe für Jungen im Stimmwechsel eingerichtet: die „Voces in Spe“. Raschke kam aber auch von allein als Tenor wieder zurück und nahm dafür viele Jahre sogar einen Anfahrtsweg von Marzahn nach Charlottenburg zur Probe in Kauf. „Das Niveau ist einfach sehr gut und der Zusammenhalt ist groß.“ Wenn ein Schüler mal Probleme in Mathe hat, dann gibt er ihm auch schon mal Nachhilfe, man achte einander und aufeinander.

Diese „persönliche Atmosphäre“ ist es auch, die Alfred Schubert neben der Qualität so sehr schätzt am Chor. Er ist mit 84 Jahren der älteste Sänger im Konzertchor und als Tenor seit 1959 dabei, doch Berührungsängste mit den Jungen erlebt er nicht: „Für die bin ich einfach der Freddy“, er werde mit Respekt behandelt, sei aber eigentlich ein Kollege für sie – „eben nur ein bisschen älter“.

Während der Mauerjahre wurde in der Gedächtniskirche gesungen

Und weil er schon seit mehr als 50 Jahren zum Chor gehört, ist er auch so etwas wie sein Geschichtslexikon. Schließlich war er schon dabei, als der Chor nach dem Bau der Mauer plötzlich von seinen bisherigen Aufführungsstätten im Osten der Stadt abgeschnitten war und stattdessen eine neue Heimat in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche fand. Und er war auch dabei, als der Chor 1990 nach dem Mauerfall erstmals wieder im Berliner Dom auftreten konnte.

Und noch etwas weiß Alfred Schubert: „Den 500. Geburtstag hat der Chor gar nicht gefeiert, der wurde einfach vergessen.“ Jirka nickt: „Ja, das stimmt wohl, damals hat sich noch keiner so richtig mit der Geschichte des Chores befasst“ und darum sei dieses Datum wohl untergegangen. Der 550. Geburtstag ist zwar nun nicht ganz so rund, aber gefeiert wird der trotzdem: Jetzt im April und dann noch mal im September, wenn in Berlin die „Erste Internationale Knabenchorbegegnung“ stattfinden wird.