Manufaktur

Wie die Askania-Uhren zurück nach Berlin kamen

Dieses Wochenende werden die Uhren umgestellt. Da muss der Zeiger eine Stunde nach vorn wandern. Auch bei den Uhren der Berliner Traditionsmarke Askania. Ein Besuch in der Manufaktur in Mitte.

Foto: (2) / Jörg Krauthöfer

Als der Schweizer Pilot der Swissair die Taifun kaufte, ahnte Leonhard R. Müller, dass es etwas werden könnte mit seiner Uhrenmanufaktur. Dass ein Flugzeugführer aus dem Uhren-Mekka ausgerechnet bei ihm eine mechanische Pilotenuhr erwarb, war „wie Weihnachten und Ostern zusammen“, sagt der Unternehmer und lacht. Der kühne Plan, die Berliner Traditionsmarke Askania wiederzubeleben und zu einer feinen Adresse für hochwertige, handgebaute Uhren zu machen, schien aufzugehen.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Müller seine Askania AG ins Handelsregister eintragen ließ. Zuvor hatte er die Reaktionen möglicher Kunden mit einem kleinen Stand auf der Internationalen Luftfahrtausstellung 2004 getestet. Denn in der Luftfahrtbranche hat der Name einen exquisiten Klang. Askania baute vor dem Krieg nicht nur hochwertige Pilotenuhren, sondern auch Kompasse und andere Instrumente für Flugzeuge. 20.000 Menschen waren seinerzeit für Askania tätig, produzierten Filmkameras, Vermessungsinstrumente und andere optische Geräte.

Uhren ab 1000 Euro aufwärts

Diesen Teil der Tradition hält ein kleines Unternehmen in Rathenow am Leben. Der Uhren-Mann Müller, dessen markantes Erkennungszeichen eine leuchtend rote Brille ist, widmet sich den Zeitmessern. Denn darauf legt Müller wert. Eine Uhr sei kein Schmuckstück, sagt er. Mit das Wichtigste sei die gute Ablesbarkeit. Und mechanisch muss sie sein.

Für Quarzuhren aus Massenproduktion hat Müller nichts übrig. Die einzige, die Askania im Sortiment hat, wird auch nicht so gerne genommen. Obwohl sie halb so teuer ist wie die mechanischen, die für die normale Kollektion zwischen 1000 und 4000 Euro kosten, für Spezialeditionen auch schon mal 18.000 Euro.

Als ein Glücksfall hat sich der Umzug von der ursprünglichen Adresse in Friedenau in die Hackeschen Höfe erwiesen. Eigentlich wollte Müller gar kein Einzelhändler werden, aber die Verwalter der Immobilie haben ihn mit einem guten Angebot in den mit Stuck bekrönten Raum im Erdgeschoss des ersten Hofes gelockt. Gleich am ersten Tag verkaufte er drei Uhren. Touristen entschlössen sich schneller zum Kauf als die Berliner, die im Shop an der Uhlandstraße den Großteil der Kundschaft ausmachten. „Es gibt keinen Platz außer San Marco in Venedig, wo so viel los ist“, beschreibt Verkaufsleiter Timo Gloxin die Vorzüge des Standortes in Mitte.

Mit einer Pilotenuhr fing es an

Weil über dem Laden eine Fabriketage frei wurde, hat Müller jetzt auch seine Uhrmacher direkt bei sich. „Eine Uhrenmanufaktur ist wie eine kleine Goldschmiedewerkstatt“, erklärt Müller, der aus der Goldschmiedestadt Pforzheim stammt und sein Berufsleben in der Uhrenbranche in der Schweiz verbrachte. Als sein alter Arbeitgeber auf Quarzuhren umstellte, quittierte er den Dienst. In einem Buch über Militäruhren erfuhr er von Askanias Vorkriegsprodukten. Es gelang ihm, einem österreichischen Sammler für 1500 Schweizer Franken eine alte Taifun-Pilotenuhr abzuringen. Er erwarb die Rechte am Namen Askania von Siemens, setzte sich mit dem Rathenower Optik-Unternehmen ins Benehmen und fing mit zwei Mitarbeitern in Berlin an.

Die neue Werkstatt bietet jetzt Platz für fünf Arbeitstische. An einem sitzt Marcel Evenius und setzt mit ruhiger Hand winzige Schräubchen ins Gehäuse. „Manchmal halte ich die Luft an, wenn es haarig wird“, sagt der Uhrmacher. Für den 35-Jährigen ist aber nicht der Bau das Spannendste, sondern die Reparaturen, wenn er im komplizierten Innenleben des Chronometers den winzigen Fehler sucht und abstellt.

Berliner Metallbauer liefert die Rotoren

Für den Chef sind Reparaturen natürlich weniger schön. Aber sie kommen vor, auch weil Askania fünf Jahre Garantie gibt. Wenn er nichts zu reparieren hat, kann ein Uhrmacher je nach Modell zehn bis 20 Uhren am Tag zusammensetzen. Die Einzelteile würde Müller gerne stärker aus Berlin beziehen. Aber noch reichen seine Stückzahlen nicht. Nur ein kleiner Metallbauer aus Berlin liefert auch einige Hundert Rotoren, die Evenius und seine Kollegen einsetzen. Mit fünf Uhrmachern könnte Müller die Jahresproduktion auf 10.000 hochfahren. Bei den Preisen für jedes Stück würde das einen Jahresumsatz in zweistelliger Millionenhöhe bedeuten.

Bisher verkaufte Askania im vergangenen Jahr 3000 Uhren, seit der Gründung hatte die Firma überhaupt erst 10.000 Kunden. „Wir sind kurz davor, dass der Knoten platzt“, sagt der Chef. Inzwischen seien die Fachhändler überzeugt, dass Askania mehr ist als eine Eintagsfliege, die wieder verschwindet. Seit vergangenem Jahr beackert eine Vertriebsfrau die Uhrengeschäfte zwischen Flensburg und Garmisch. Das kostet, bringt aber Erfolg, sagt Müller. Langfristig soll es in jeder Region soll es einen Händler geben, der Askania führt und der auch etwas über die Geschichte der Marke zu erzählen weiß. Wobei der Slogan „Hauptstadtuhr“ in Hamburg oder bei Schwaben zu meiden sei, wie Müller berichtet. Berlin ist eben nicht überall so ein Selbstläufer wie bei den Touristen am Hackeschen Markt.

Uhrenkauf ist Frauensache

Müller hat aber eine gewisse Nostalgie bei seinen Kunden beobachtet. Da war der Charité-Arzt, der nach Nizza ging und sich vor der Abreise eine Askania kaufte, „um ein Stück Berlin am Handgelenk zu tragen“. Oder der australische Botschafter, der vor seiner Rückversetzung nach „down under“ das Modell „Ku´damm“ erwarb. Müller und sein Team setzen auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Und auf den guten Willen von Frauen. Denn 80 Prozent der Uhrenkäufe, sagt der Verkaufsleiter, werden von Frauen entschieden. Ohne dass die bessere Hälfte Ja sagt, erwerben auch reiche Leute nicht so einfach eine Uhr für 4000 Euro.

Weil Askania neben der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) die einzige anerkannte Luxusmarke „Made in Berlin“ ist, haben Müllers mechanische Uhren auch den Status als beliebtes Gastgeschenk erreicht. Der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verehrte dem Star-Wars-Macher George Lucas spontan eine Askania, auch Arnold Schwarzenegger und die Bürgermeister von Moskau und Los Angeles bekamen statt einer KPM-Preziose eine mechanische Uhr.

Aus Müllers Idee für eine Berlinale-Uhr Weil er Berlinale-Chef Dieter Kosslik aus seiner Jugend kennt, hatte er mal die Idee für eine Berlinale-Uhr. Daraus wurde der Askania-Award, der 2008 zuerst an den Filmproduzenten Atze Brauner ging und der sich für viele so anhört, als gebe es den Preis schon ewig. Für Müller ist diese Art von Marketing wichtig, weil seine kleine Firma kein Geld hat für große Werbekampagnen. „Wir sind ja hier keine Millionäre“, sagt Müller, „ich würde bei einer Schweizer Firma das Doppelte verdienen.“ Aber dann müsste er womöglich Quarzuhren mit Batterie verkaufen.