Religion

Müllers Schulterschluss mit Berliner Muslimen und Juden

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller sprach in Berlins größtem Gotteshaus, der Sehitlik-Moschee, mit Vertretern der Berliner Muslime und der Berliner Juden. Er wünschte sich eine „aktive Rolle“.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Für die Fotografen war es nicht einfach, am Freitag in der Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Beim Besuch des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller und des SPD-Fraktionschefs Raed Saleh waren zahlreiche Gesprächspartner aus der Gemeinde dabei. Und die wollten gar nicht von der Seite der beiden Sozialdemokraten weichen. Auch Müller wollte sie nicht wegschicken. „Uns gibt es nur gemeinsam“, rief der Bürgermeister den Journalisten zu.

Die Politiker demonstrierten den Schulterschluss mit Vertretern der Berliner Muslime und auch der Berliner Juden, die sie zuvor in der Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer getroffen hatten. „Wir brauchen Sie als Ansprechpartner“, sagte Müller den Gemeindevertretern um den Vorsitzenden Ender Cetin unter dem prächtigen Kronleuchter im Gebetssaal in Berlins größtem muslimischem Gotteshaus.

Die große Sehitlik-Moschee, in der kurz vor dem Politikerbesuch noch Hunderte Gläubige ihr Freitagsgebet hielten, müsse eine aktive Rolle übernehmen, sagte Müller. Sie könne Positionen der muslimischen Organisationen zusammenführen, um Dinge zu verabreden, die man auch unterschreiben könne. Denn die Sozialdemokraten wollen das Verhältnis des Landes zum Islam auf eine neue Grundlage stellen. Der Senat plant einen Lehrstuhl für Islamische Theologie an einer Berliner Universität und lotet die Möglichkeiten aus, mit den Muslimen einen Staatsvertrag zu schließen. Der würde ihnen den gleichen Status wie den christlichen Kirchen und der jüdischen Gemeinde sichern.

Auf dem Weg zum Staatsvertrag

Die Gastgeber reagierten sehr positiv. „Wenn sich uns die Möglichkeit bietet mitzuwirken, kann das auch Vorurteile abbauen“, sagte der Gemeindevorsitzende. Ein Staatsvertrag dürfe allerdings nicht nur ein „symbolischer Akt“ sein. Auch der stellvertretende Landesvorsitzende der islamischen Religionsgemeinschaft Ditib, Süleyman Küçük, begrüßte einen Staatsvertrag: „Wir werden diesen schwierigen Weg wagen“, sagte der Imam. Ditib, die in Berlin 19 Moscheevereine betreibt, ist in Deutschland zwar ein eingetragener Verein, untersteht aber dem türkischen Religionsministerium. Doch auch der Ditib-Vertreter ist dafür, dass in Berlin künftig Imame an einer deutschen Universität ausgebildet werden.

Ehe es dazu kommen kann, müssen viele Gespräche geführt werden. Denn anders als Christen oder Juden haben die Muslime keinen Dachverband, sondern sind in 60 zum Teil auch theologisch sehr weit auseinanderliegenden Gruppen organisiert. Mit ihnen Inhalte für die Ausbildung islamischer Theologen oder für den Staatsvertrages zu verabreden, dürfte dauern. Müller dämpfte denn auch Erwartungen. In dieser Legislaturperiode, die noch bis Ende 2016 dauert, werde es wohl keinen Staatsvertrag geben. In anderen Bundesländern habe man vier bis fünf Jahre diskutiert. Der Gemeindevorsitzende nahm diese Ankündigung gelassen: „Bei den Kirchen hat es auch Jahrhunderte gedauert“, sagte Cetin.

Der SPD-Fraktionschef Raed Saleh, der als Muslim und Einwandererkind die Debatte in den vergangenen Wochen vorangetrieben hat, will sogar weitergehen. Ihm schwebt auch eine an der Kirchensteuer orientierte Abgabe vor, mit der die Muslime selber etwa die Kosten für ihre Imame decken. „Geld aus dem Ausland bedeutet auch immer Einfluss aus dem Ausland“, sagte Saleh.

Risiko Kopftuch und Kippa

Alle waren sich an diesem Mittag aber darin einig, dass das Verhältnis der Mehrheitsgesellschaft zu den Muslimen normalisiert werden muss. Dass diese Meinung auch im toleranten Berlin keineswegs Konsens ist, zeigten Berichte der Imamin Emine Erol, die von Pöbeleien und Übergriffen auf Muslimas mit Kopftuch berichtete. Das hätten sie bei ihrem vorherigen Besuch auch schon zu hören bekommen, seufzte Müller.

Denn auch in der Synagoge am Fraenkelufer hatte Gideon Joffe erzählt, er könne es als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde keineswegs empfehlen, überall in der Stadt seine Kippa offen zu zeigen. Er berichtete auch von Lehrern, die nicht zu reagieren wüssten, wenn auf den Schulhöfen der Ausdruck „Jude“ als Schimpfwort falle.

Die jungen Juden, die seit einiger Zeit der lange fast verwaisten Kreuzberger Synagoge Gemeindeleben einhauchen und auch mit muslimischen Organisationen aus dem Kiez kooperieren, wollten in die Klage nicht einstimmen. Sie widersprachen aber auch nicht. Lieber schilderten sie, wie am Fraenkelufer Zuwanderer aus Israel oder den USA zusammenkämen. „Viele Juden wohnen in der Umgebung“, sagte Nina Peretz, eine regelmäßige Beterin und Vorsitzende des Freundesvereins. Sie müssten jetzt Kinderstühle anschaffen, weil immer mehr Familien in die Synagoge kämen.

Raed Saleh reagierte euphorisch: „Was für ein schönes Kompliment für Berlin, dass die Menschen wieder zu uns kommen, trotz unserer Geschichte“, sagte der in Palästina geborene SPD-Fraktionsvorsitzende. In seiner Vision könnte Berlin zum Anziehungspunkt für Juden werden, die sich anderswo unwohl oder unsicher fühlten oder einfach in der Stadt der 100 Akzente leben wollten. So wie William Glucroft. Wegen eines Mädchens zog er 2009 aus den USA nach Berlin. „Das Mädchen ist weg und ich bin immer noch da“, sagte der junge Jude.

Für Müller ist das die Herausforderung: „Dass wir in Berlin friedlich zusammenleben und voneinander lernen, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber sie muss jeden Tag neu erkämpft werden.“