Innovative Anlage

Dieser Mann will den Berlinern eine saubere Spree schenken

Bei starkem Regen geraten Fäkalien, Medikamente und Abwasser in die Spree. Der Ingenieur Ralf Steeg hat Tanks entwickelt, die den Fluss reinigen sollen. Jetzt muss nur noch der Senat mitspielen.

Foto: Reto Klar

Ralf Steeg ist ein ambitionierter Mann. Seit Jahren verfolgt der Berliner Diplomingenieur seinen Traum von der sauberen Spree. Denn wenn es in Berlin stark regnet – 30 bis 40 Mal im Jahr –, kann die Kanalisation die Wassermassen nicht mehr fassen. Gemeinsam mit dem Regenwasser werden Fäkalien, Medikamentenrückstände und Ableitungen aus Haushalten in die Spree geleitet. Fischsterben und trübes, verkeimtes Flusswasser sind die Folge. Ralf Steeg will den Berlinern eine saubere Spree zurückgeben.

Schon seit 2001 tüftelt der 53-Jährige an einem System, dass dem Fluss in der Stadt wieder zu Badewasserqualität verhelfen soll. Mit seiner Luri Watersystems GmbH hat er eine Antwort gefunden. Die Brühe, die sonst bei Starkregen aus den überlaufenden Berliner Mischwasserkanälen in die Spree fließen würde, wird in großen Tanks unter der Wasseroberfläche im Osthafen zwischengespeichert.

Nach den Regengüssen wird sie in die Kanäle zurückgepumpt und zu den Klärwerken befördert. Die Technische Universität Berlin, die das Projekt wissenschaftlich begleitet hat, bescheinigt „Spree 2011“ volle Funktionsfähigkeit. Im April sollten die Berliner Wasserbetriebe (BWB), die den Abwasserspeicher während der zweijährigen Testzeit betreiben, übernehmen. Doch die Übernahme ist fraglich. Am 25. März wird sich Steeg mit Vertretern der BWB und der Senatsumweltverwaltung treffen, um über einen Ankauf der Anlage zu sprechen.

Ralf Steeg ist bange vor dem Termin. Zwar hat die Stadt sich im Ausland mehr als einmal mit seiner Erfindung als Innovation aus Berlin geschmückt. Aber der Mann aus Lauchhammer, der als 17-Jähriger von der Bundesrepublik aus einer DDR-Jugendanstalt freigekauft wurde, ist auch bei Berliner Entscheidungsträgern schon oft angeeckt. Diplomatie sei nicht seine Stärke, räumt Steeg ein.

Nach zähen Auseinandersetzungen um Genehmigungen und Wegerechte hatte Steeg im September 2012 seine Pilotanlage an der Stralauer Allee in Friedrichshain in Betrieb genommen. „Ich bin nach allen Regeln der Kunst behindert worden“, sagt er heute. Doch das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat die vier Millionen Euro teure Anlage mit zwei Millionen Euro gefördert.

Internationales Problem

Die Pilotanlage ist ein Beitrag zur Lösung eines internationalen Problems. Nach einer Richtlinie der Europäischen Union müssen bis zum Jahr 2021 alle Flüsse und Bäche in Europa so sauber sein, dass man dort bedenkenlos baden kann. Die BWB haben deshalb für die Innenstadt ein Sanierungskonzept erarbeitet. Das Ziel: Die Schmutzwassermenge, die aus der Kanalisation in Flüsse und Kanäle läuft, soll bis 2020 um die Hälfte reduziert werden. Dafür werden Auffangbecken, Drosselklappen und Überlaufschwellen gebaut, die das Abwasser länger als bisher in den Kanalrohren halten. 90 Millionen Euro stellt Berlin dafür bereit,.

Nach Abschluss des Programms sollen jedoch immer noch 4,5 Millionen Kubikmeter Schmutzwasser im Jahr in Spree, Neuköllner Schifffahrtskanal oder Landwehrkanal geleitet werden. Bedarf für Reinhaltetechnik wäre also weiter vorhanden. „Wenn das Land Berlin sagt ‚Wir brauchen das‘, dann werden wir Spree 2011 übernehmen“, kündigt Stephan Natz an. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt gibt sich zugeknöpft. Ihr läge der Abschlussbericht der TU über das Projekt „Spree 2011“ noch gar nicht vor, sagt Sprecherin Petra Roland.

Dass im Hause von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) wenig Neigung besteht, die Versuchsanlage zu übernehmen, gilt als offenes Geheimnis. Insbesondere Umweltstaatssekretär Christian Gaebler (SPD) soll dem Ankauf skeptisch gegenüber stehen. Das Land Berlin und die Wasserbetriebe, so der Vorbehalt, müssten Steegs Auffangtechnik für 460 Kubikmeter Abwasser „relativ teuer“ einkaufen. Steeg gibt den Kaufpreis mit 1,6 Millionen Euro an. 40 Prozent der Kosten würden die BWB tragen, 60 Prozent müsste das Land Berlin bezahlen. Um den gesamten Osthafen sauber zu halten, wären nach Steegs Angaben drei, für die innerstädtische Spree 14 seiner Abwassertanks erforderlich.

Alle Fraktionen unterstützen Idee

Danny Freymark, umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, kann die Vorbehalte nicht nachvollziehen. „Steeg hat es geschafft, ein Thema öffentlich zu machen, das zu wenig Wahrnehmung gefunden hat“, sagt der CDU-Umwelt-Experte. Den meisten Leuten sei gar nicht klar gewesen, dass bis heute Schmutzwasser in die Berliner Flüsse und Kanäle geleitet wird, glaubt Freymark. Der CDU-Politiker ärgert sich, dass Senat und Wasserbetriebe dem Umweltingenieur wieder Steine in den Weg legen. „Er ist innovativ, hat Ideen und jetzt ist er erfolgreich. Da jagt man den Mann doch nicht aus der Stadt anstatt seine Anlage zu kaufen“, schimpft Freymark.

Alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus unterstützen inzwischen Ralf Steeg. Grüne und Piraten haben mit parlamentarischen Anfragen vergeblich versucht, der Senatsumweltverwaltung ein Bekenntnis zu „Spree 2011“ zu entlocken.

Auch der umweltpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Daniel Buchholz, spricht von einem „hochinnovativen Projekt, das sich bewährt hat“. Buchholz hat einen Kompromissvorschlag. Die Pilotphase könne vielleicht um ein oder zwei Jahre verlängert werden. Ralf Steeg hält davon nichts: Die wissenschaftlichen Ergebnisse lägen vor, eine weitere Testphase sei unnötig. „Wir sind darauf angewiesen, irgendwann einmal Geld einzunehmen“, sagt Luri-Geschäftsführer Steeg.

Foto: Galerie aedes