Martin Rütter

Wenn der Hundeflüsterer in Berlin zur Sprechstunde bittet

Sobald Haltern auch Ratgeberbücher nicht mehr helfen können, wenden sie sich an den Hundeflüsterer. Nun bat Martin Rütter zur Sprechstunde in die O2 World. Und die war restlos ausgebucht.

Foto: POP-EYE/Scherf / picture alliance / POP-EYE

Auf dem Weg zur O2 World zähle ich acht Hundehaufen (würde es nicht regnen, wären es wesentlich mehr gewesen). Vier sehen besonders besorgniserregend aus, sie sind zertreten. Wem das Zeug jetzt wohl an den Schuhen klebt? Gut, dass im Eingangsbereich der O2 World graue Läufer liegen. Hundefreunden ist Martin Rütter genauso bekannt, wie Günther Jauch oder Helene Fischer dem Rest der Republik. Rütter hat eine Fernsehsendung auf VOX in der er zeigt, wie einfach Hunde zu händeln sind, wenn man weiß, was bestimmte Signale bedeuten.

Der Tierexperte kann auch dann helfen, wenn es so richtig in die Tiefe der Hundeseele geht. Sobald Haltern auch Ratgeberbücher nicht mehr helfen können, wenden sie sich an den Hundeflüsterer. Dann muss es Rütter richten. Und weil Berlin die Stadt der Hunde ist und viele Tierfreunde auf Rettung vor den Launen ihres Haustiers hoffen, ist Rütters Show in der 02 World auch ausverkauft. Es gibt sogar einen Zusatztermin (im Februar 2017), damit wirklich alle Hundefreunde auf ihre Kosten kommen.

NachSITZen heißt die Show, der Schulflair des Wortspiels wird durch die Klassenzimmerdeko der Bühne aufgegriffen. Hier stehen Holzpulte mit 70er Jahre Charme, als es in Klassenzimmern noch Kreide gab und Schreibschrift auf Schiefertafeln geübt werden musste. An den Pulten sitzen überdimensionierte Riesenpuppen, die Rütters eigenen Hunden nachempfunden sind.

Einer der Hunde zeigt auf, ein anderer trägt eine Sonnenbrille, die Riesendinger wirken allerdings nicht putzig, sondern eher schaurig. Auf den Sitzen liegen Flyer aus: „Was ich Martin Rütter immer schon mal frage wollte“ steht drauf. Da kann man jetzt alles was man auf dem Herzen hat notieren und in speziell hierfür aufgestellte Boxen werfen. In der Pause werden die Fragen gesammelt und hinter der Bühne ausgewertet.

Sympath mit weicher Stimme

Zur Begrüßung schrillt eine Schulglocke, dann marschiert Rütter unter großem Jubel in die Halle ein. Es verwundert nicht, dass dieser Mann von Hunden, Haltern und Fernsehzuschauern gemocht wird. Martin Rütter ist ein Sympath. Er hat so eine weiche, angenehme Stimme und er schimpft nicht, weder mit den Herrchen noch mit den Hunden. Kritik gibt’s von ihm nur in Witzen verpackt, das kommt natürlich sehr gut an, weil man es dann nicht auf sich beziehen muss. Bereits zu Anfang stellt Rütter klar, dass er weiß, dass die meisten heute nicht zum lernen gekommen sind. Und das die Wirklichkeit des Hundetrainings viel härter ist, als sie in der Fernsehshow aussieht. Das, was da so schön zusammengeschnitten auf wenige Minuten komprimiert zu sehen ist, dauert in Wirklichkeit viele Monate. Darüber staunen die Freizeithundefreunde im Publikum während hartgesottene Halter wissend mit den Köpfen nicken.

Bio- Hundefutter und Modehunde

Lehrer Rütter erklärt Hundewissen von A bis Z. Es geht um B wie Bleib und F wie Frauchen. Aber auch heikles bringt der Kölner zur Sprache: Von O wie Onanieren (machen Hunde vor allem wenn ihnen langweilig ist und sie Aufmerksamkeit wollen) über R wie Rassismus (Rasselisten) bis hin zu V wie Vermenschlichung: Ein großes Problem der Hundehalter, das von Babysprache „Ja wo isser denn?“ bis zum Weihnachtspräsent für das Haustier reicht. Besonders gerne hört das Publikum zu, wenn Rütter über blödsinnige Extrem-Tierhalter-Bräuche lästert. Bio- Hundefutter (mit Orangenschalen und Thymian), Modehunde (gibt’s auch in der Sorte Allergiker-freundlich), Hundenamen (Phillip-Pascal), braucht es nicht.

Nach der Pause beantwortet Rütter Fragen. Spazieren gehen, wie ihm eine Zuschauerin vorschlägt, will er nicht. Dafür darf Anja aus dem Tierheim in Brandenburg am Ende der Show Spenden sammeln und Susanne bekommt erklärt warum ihr Hund immer so doll an der Leine zieht. Nach der absolvierten Nachsitz-Stunde steht, wenig überraschend, fest: Wer nicht üben will, darf keinen Erfolg erwarten und schlecht erzogene Hunde lassen meist auf wenig strukturierte Herr- oder Frauchen schließen. Ein Punkt an dem Rütter an seine Grenzen kommt. Auch beim größten Hundeproblem unserer Stadt kann der Hundeflüsterer nicht helfen. Nur durch gute Haltungs-Tipps verschwinden die Exkremente der lieben Wauzis nicht. Da müssen die Herrchen immer noch selbst ran.