Meinung

Was das Kopftuchurteil bedeutet - Pro & Contra

Das Bundesverfassungsgericht hat das Kopftuch-Verbot gekippt. Während Jochim Stoltenberg Verständnis für den Richterspruch hat, hadert Susanne Leinemann hadert mit der Entscheidung. Pro und Contra

Pro: Juristisch konsequent

Jochim Stoltenberg hat Verständnis für den Richterspruch

Es kommt nicht gerade alle Tage vor, dass das höchste deutsche Gericht ein eigenes Urteil von vor ein paar Jahren kippt. Aber es ist rein juristisch betrachtet wohl eher schlüssig und damit konsequent – ob es einem passt oder nicht. Ein pauschales Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen widerspricht im Grundsatz der Religionsfreiheit und der Gleichbehandlung gegenüber Kolleginnen anderer Glaubensrichtungen, urteilte der Erste Senat mit sechs gegen zwei Stimmen. Ein Urteil, das dadurch bestärkt wird, dass im konkreten Fall Nordrhein-Westfalens Schulgesetz ausdrücklich christlich-abendländische Bildungs- und Kulturwerte oder Traditionen privilegiert.

Das Urteil zeigt aber auch Grenzen auf, um ein missbräuchliches Tragen des Kopftuches zu verhindern. Das ist gut so. Denn nicht auch noch Schulen dürfen zur Kampfstätte kultureller Unterschiede werden. Bei allem Verständnis für den Richterspruch bleibt ein Unbehagen zurück. Er hat Recht gesetzt. Aber sorgt die Entscheidung auch für Rechtsfrieden an den Schulen, in der Gesellschaft? Zweifel nagen.

Contra: Das falsche Signal

Susanne Leinemann hadert mit der Entscheidung

Der Druck auf türkische und arabische Mädchen in dieser Stadt ist enorm. Wohin man schaut, das Kopftuch ist auf dem Vormarsch. Junge islamische Mädchen, die weiterhin auf dem Schulhof ohne Kopftuch herumlaufen, müssen sich einiges anhören. Hure, Flittchen, vieles mehr. Woher man das weiß? Man muss nur den Lehrern aus bestimmten Schulen zuhören. Oder einfach mal den Bus M29 fahren.

Meine freie Entscheidung, argumentieren viele muslimische Mädchen. Und mein Respekt vor Allah. Das ist ihr gutes Recht – Religion ist ein tiefes Gefühl. Doch zunehmend wird das Kopftuch zu einem Instrument, um Mädchen in traditionell definierte Schranken zu weisen. Die Frauenrechte sind in islamischen Ländern auf dem Rückzug.

Nun sollen Lehrerinnen auch hier im Unterricht Kopftuch tragen dürfen? Frauen mit Migrationshintergrund und akademischem Abschluss, die oft eine letzte gelebte Alternative für Kopftuchmädchen sind. Pädagogen können großen Einfluss haben. Lehrerinnen mit Kopftuch setzen ein Zeichen. Aber nicht das Zeichen, das wir im Moment brauchen.