Bürokratischer Aufwand

Berlins Club-Szene fordert mehr Flächen für „Free Open Airs“

Um in Berlin ein Open-Air-Konzert mit Musikanlage abzuhalten, müssen Veranstalter allein zehn Ämter kontaktieren. Ausgewiesene Freiflächen sollen das vereinfachen - und Lärmbeschwerden minimieren.

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Wer in Berlin ein „Free Open Air“ organisieren will, muss bürokratische Hürden überwinden. Um eine Musikanlage im öffentlichen Raum aufstellen zu können, muss ein Veranstalter 14 Unterlagen ausfüllen und mit zehn verschiedenen Ämtern Kontakt aufnehmen – das Bearbeiten von Anträgen dauert rund zwei Monate. Davon berichtete Lutz Leichsenring von der Clubcommission zum Auftakt der von der EU geförderten Dialogreihe „Geplantes Chaos“, die Veranstalter, Politik und Polizei ins Gespräch bringen will.

Als positives Gegenbeispiel nannte er am Mittwochabend im Sage Club die Stadt Halle an der Saale, wo „Spontanpartys“ 24 Stunden vor Beginn mithilfe eines einseitigen Formblatts angemeldet werden könnten. Anders als in Berlin stehen ausgewiesene Freiflächen für solche Events zur Verfügung. Das Modell hat für Ausgleich zwischen Veranstaltern und ruhesuchenden Anwohnern gesorgt: Nach seiner Einführung verzeichnete Halle einen drastischen Rückgang der Beschwerden um 80 Prozent.

Auch Berlin braucht nach Auffassung der Clubcommission und von Thomas Scheele vom Verein Kulturersatz, die gemeinsam die Reihe „Geplantes Chaos“ initiiert haben, mehr Flächen für Free Open Airs. Außerdem wünscht sich Leichsenring mehr Rechtssicherheit rund um das Thema – das würde sowohl der Polizei als auch den Organisatoren im Konfliktfall helfen. Die Zeit drängt, denn sobald die Partygänger ins Freie drängen, drohen Konflikte mit ruhebedürftigen Anwohnern schnell zu eskalieren: „Nach Auskunft der Polizei ist unzulässiger Lärm in besonders beliebten Kreativvierteln wie Friedrichshain-Kreuzberg oder Neukölln im Juli und August Anlass für bis zu 44 Prozent der Einsätze“, sagt Scheele.

Dialogreihe „Geplantes Chaos“ im Berliner Sage Club

Zum Auftakt von „Geplantes Chaos“ kamen rund 60 junge Veranstalter – häufig Studenten, die mit viel Einsatz und ohne kommerzielle Interessen Events unter freiem Himmel organisieren. Spürbar war das Interesse, einen Ausgleich zwischen Open-Air-Szenegängern und Anwohnern zu suchen. Deutlich wurde aber auch, dass es zum Thema Erholung auf Grünflächen unterschiedliche Auffassungen gibt: „Wo die einen Erholung durch Stille und Naturerlebnis suchen, da suchen sie sich andere beim gemeinsamen Tanzen zu verstärkter Musik in der Sonne“, sagt Scheele. Auch Leichsenring wirbt für mehr Verständnis für junge Menschen: „Wer sagt denn, dass Erholung immer etwas mit Ruhe zu tun haben muss?“

Die Veranstalter präsentierten im Sage umweltfreundliche Ideen für die Szene wie solarbetriebene Lautsprecherboxen oder eine Veranstalterplattform namens „eqiip.de“ zum Austausch von Technik und Wissen. So viel „Verantwortungsbewusstsein“ beeindruckte auch Katja Lucker, die Musikbeauftragte des Landes Berlin. Spannend dürfte es beim „Geplanten Chaos“ übrigens am 8. April werden, wenn die Polizei mit dabei sein wird.