Schüler & Medien

„Mobbing hört selten von alleine auf“

| Lesedauer: 7 Minuten

Foto: Ingo Wagner / dpa

Etwa jeder dritte Schüler ist schon von Mitschülern gemobbt worden, so Studien. Mal sind es Beleidigungen, mal wird das Opfer attackiert. Über Smartphone erfahren oft auch andere davon. Was tun?

Gegen Mobbing anzukämpfen, ist sehr schwierig. Aber wie kommt es überhaupt zu Mobbing? Wie kann man es verhindern? Dazu hat Jugendreporterin Natalie Marshall Saskia Weber interviewt, die als Psychotherapeutin für Integrative Verhaltenstherapie für Erwachsene, Kinder und Jugendliche in Berlin arbeitet.

Natalie Marshall: Ab wann kann man Ihrer Meinung nach von Mobbing sprechen?

Saskia Weber: Es gibt immer zwei Perspektiven: Die Perspektive der Person, die sich gemobbt fühlt, und die Perspektive der „Täter“. Beide Seiten werden dies natürlich unterschiedlich definieren. Jemand kann sich gemobbt fühlen in seiner subjektiven Wahrnehmung und es auch so empfinden, aber es kann auch nicht so gemeint gewesen sein. Auf jeden Fall ist Mobbing gegeben, wenn eine Person von einer Gruppe zur Zielscheibe von psychischer und körperlicher Gewalt gemacht wird.

Was war für Sie der schlimmste Fall von Mobbing, mit dem Sie als Psychologin jemals zu tun hatten?

Das war ein Mann, der Panikstörungen aufgrund von Mobbing hatte. Das hat sich über einen Zeitraum von sieben Jahren hinzogen. Er selber kam aus einer Familie, in der er viel Gewalt erfahren hat. Dadurch konnte er seine Grenzen nicht gut schützen. Irgendwann ist er bei der Arbeit ohnmächtig geworden und musste wegen dieser Panikattacken ins Krankenhaus eingeliefert werden. Es hat bei ihm eine sehr lange Zeit gedauert, bis er wieder gesund wurde.

Gibt es eine Art von Opfer-Mechanismus, der immer ähnlich abläuft? Oder ist jeder Fall anders und individuell?

Das hat immer etwas mit der Beziehung zum Umfeld und mit dem Einzelnen zu tun. Wenn man nicht dem Durchschnitt entspricht und aus der Gruppe heraussticht, kann man schneller zum Opfer werden. Zum Beispiel ganz besonders starke Personen oder auch besonders schwache Personen. Menschen, die kein gutes Selbstwertgefühl haben und Schwierigkeiten haben, ihre Grenzen zu wahren, die sich nicht gut behaupten und sich schlecht verteidigen können, geraten auch viel schneller in eine Opferrolle hinein.

Ist es Ihrer Meinung nach möglich, an solch einer Situation zu arbeiten? Oder muss man ganz aus der Situation flüchten? Was empfehlen Sie Jugendlichen?

Wenn eine Mobbing-Situation beginnt, kann man sich Hilfe holen, und es ist möglich, aus der Situation herauszukommen. Wenn sich aber eine Mobbing-Situation schon manifestiert hat und festgefügt ist, dann ist es ganz schwer, dem Mobbing-Prozess ein Ende zu bereiten. Dann hat man keine Chance mehr und muss komplett aus der Situation raus gehen und irgendwo anders einen Neustart versuchen.

Was raten Sie Ihren Patienten ganz konkret, was sollten sie tun, um die Opferrolle los zu werden?

Ich rate meinen Patienten, ihre Position behaupten und sich zu verteidigen, ohne die Aggressivität des anderen anzustacheln. Sie sollten ihre Grenzen aufzeigen und diese auch deutlich machen. Etwa so: „Das möchte ich nicht! So geht das mit mir nicht!“ Es ist auch wichtig, sich in einer solchen Situation Verbündete zu suchen. Menschen, die einem dann in so einer Situation beistehen können und dadurch symbolisch Stärke beweisen. Mobbing passiert immer „unter der Decke“ und hat immer etwas Geheimes. Darum ist es auch so wichtig, das Thema anzusprechen und öffentlich zu machen, was passiert ist.

Was kann man als außenstehende Person machen, ohne selber als Opfer zu enden? Und wann sollte man eingreifen?

Die Erfahrung zeigt, dass Mobbing selten von alleine aufhört. Natürlich nimmt man ein Risiko auf sich, wenn man jemanden beisteht, der von Gewalt betroffen ist, denn es gibt keine Antwort auf Aggression, die ganz risikolos wäre. Auch das Wegschauen und Untertauchen ist immer mit einem Risiko behaftet. Und wenn es „nur“ die Schmälerung der eigenen Selbstachtung ist. Man kann versuchen, das Risiko im Umgang mit einer offenen Aggression zu minimieren, indem man Verbündete sucht oder dem Täter die Chance gibt, das Gesicht zu wahren.

Und wann sollte man Lehrer einschalten?

Manchmal ist es notwendig, sich Hilfe bei einer Autoritätsperson – wie zum Beispiel einem Lehrer – zu holen. Dabei geht es nicht um Stigmatisierung der Betroffenen als Opfer und Täter, sondern um eine Beendigung der Gewalt und um Schutz. Denn erst wenn das Mobbing als Mobbing erkannt wird, haben auch die Täter eine Chance, Verantwortung zu übernehmen, sodass bestenfalls eine Wiedergutmachung/Aussöhnung stattfinden kann und eine erneute Begegnung auf Augenhöhe.

Viele Schulen arbeiten so, dass die Namen der Mobber nicht genannt werden, um diese zu schützen und eine zweite Chance zu geben. Was halten Sie davon?

Es ist wichtig, offen über das Thema zu sprechen, aber den Täter nicht in eine Ecke zu drängen und als den „Bösen“ zu stigmatisieren und das Mobbingopfer als armen Menschen darzustellen. Das verschärft nur den Konflikt. Es ist viel wichtiger, dass diejenigen, die auf der Täterseite sind, verstehen, wie sich das Opfer fühlt und was da los ist und umgekehrt, dass das Opfer versteht, wieso die Täter so aggressiv reagieren. So kann man ihnen die Möglichkeit schaffen, diesen Konflikt offen zu legen, zu benennen. Man muss eindeutige Grenzen setzen.

Haben Sie auch viel mit Opfern von Cyber-Mobbing zu tun? Auf welchen sozialen Medien kommt es am häufigsten vor?

Das liegt, glaube ich, nicht an den sozialen Medien selbst. Man muss halt lernen, damit umzugehen. Es gibt Menschen, die sind gut informiert und können so etwas gut, und dann gibt es andere, die sich nicht so gut damit auskennen und nicht wissen, wie sie sich im Internet schützen können, Menschen, die zum Beispiel bei Facebook nicht wissen, ob sie öffentlich sind oder nicht, werden natürlich viel leichter zum Opfer von Cyber-Mobbing.

Ist es denn überhaupt möglich, Mobbing ganz zu verhindern?

Man kann Mobbing nicht direkt verhindern, denn das ist ein menschliches Phänomen, das immer wieder auftreten kann. Man muss sich einfach bewusst sein, dass es das gibt und am besten präventiv damit arbeiten. Am besten ist es, immer ein sicheres Gefühl für die eigenen Grenzen zu haben.

Was würden Sie den Eltern raten?

Die Eltern können dafür sorgen, dass ihre Kinder ein gutes Selbstwertgefühl haben, sie können ihnen Rückhalt geben. Sie müssen lernen, sich zu wehren. Eine Schule kann dafür sorgen, dass bei ihnen Fairplay-Regeln gelten und dass ein gutes Schulklima herrscht, dass Empathie groß geschrieben wird. Wertschätzung und Kooperation sind natürlich wichtig. Es wird immer wieder Mobbing geben – aber viele können sich darum bemühen, dass man einen guten Umgang mit Aggressionen findet.

Natalie Marshall, Jahrgang 9, Nelson-Mandela-Schule, Wilmersdorf