Max-Schmeling-Halle

Wenn bei Kraftklub in Berlin die Fetzen fliegen

Das am schnellsten ausverkaufte Konzert der Kraftklub-Tour ist ihr Berlin-Gig. Auch hier haben alle auf die Anti-Hymne „Ich will nicht nach Berlin“ gewartet. Und dann ließen es die Chemnitzer krachen.

Foto: Jazz Archiv/Michi Reimers / picture alliance / Jazzarchiv

Von wegen „Wir sind deine neue Lieblingsband“. Keinen einzigen in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle mussten Kraftklub erst noch um den Finger wickeln. Nach ihrem Senkrechtstart vor ein paar Jahren haben die Chemnitzer, die derzeit mit ihrem zweiten Longplayer „In Schwarz“ auf Tour sind, aber auf jeden Fall dafür gesorgt, Lieblingsband zu bleiben. Sie lieferten am Freitagabend eine Show, die schon jetzt zum Besten in Sachen unverbrauchter Rock’n’Roll gehört, was 2015 in Berlin gelaufen sein wird.

Dabei heißt einer ihrer witzigsten und dabei nicht unernsten Songs doch ausgerechnet „Ich will nicht nach Berlin“. Volle Pulle hauen sie ihn dem Publikum schon an dritter Stelle im Set um die Ohren. Und es hat darauf gewartet. Diese geniale Anti-Hymne auf Sojamilch-Latte, in der Provinz geborene Kreativschnösel und öde Hipster aller Art spricht vielen offensichtlich aus der Seele. Kein Wunder, dass die Gaststars der Berliner Hip Hop Crew K.I.Z. extra Szenenapplaus einsammeln, als sie den Refrain schlussendlich zu der Zeile „Verpisst euch aus Berlin“ umdichten.

Song für den Knaack Klub

Das am schnellsten ausverkaufte Konzert der gesamten Tour sei immerhin ihr Hauptstadt-Gig gewesen, räumt Sänger Felix Brummer ein. Den Ort, an dem sie ihr erstes Berlinkonzert spielten, gibt es dagegen schon gar nicht mehr. Den Titel „Meine Stadt ist zu laut“ widmet der Frontmann daher explizit dem ehemaligen Knaack Klub in Prenzlauer Berg, der wie so viele schon vor Jahren Luxuswohnungseigentümern und hellhörigen neuen Nachbarn weichen musste.

Von einem kleinen Podest aus dirigiert Brummer die willigen Massen wie ein Zeremoniemeister. Arme wippen, Handylampen werden eingeschaltet, Refrains skandiert. Seine fünfköpfige Band tritt mit einer Mischung aus punkigem Indierock und Sprechgesang in die Fußstapfen von Gruppen wie den Beastie Boys oder Beatsteaks; geradlinig, mit aggressiv-unverbrauchtem Könnertum. Die Uniform ist dabei von Anfang an gleich geblieben, farblich nun angepasst an den Titel ihrer neuen Platte: Skinheadmode wird mit urbanem Style versetzt, über Turnschuhen stecken schwarze Polohemden mit Bandlogo in schwarzen Jeans, farblich kontrastiert von schmalen roten Hosenträgern.

Leider geht so ein druckvolles Konzert viel zu schnell vorbei - vorerst. Nach einer kurzen Verschnaufpause steht die Band, mit Ausnahme des Drummers, bei der ersten Zugabe dann plötzlich mitten in der Halle. Zusammengedrängt am Mischpult zwischen jubelnden Fans drehen Kraftklub jetzt noch einmal richtig auf. „Deine Gang“ ist ein Höhepunkt, den es im Grunde nicht mehr gebraucht hätte, in der Rückschau aber flogen ab hier erst richtig die Fetzen. Egal wo die Band sich gerade aufhält - vor der Bühne pogen die Massen auch so im Kreis und selbstverständlich sind alle Arme oben, als sich die schnieken Jungs für den nächsten Song „Blau“ auf kürzestem Weg zurück auf die Bühne begeben, über die Hände ihrer Fans surfend.

Protziger Konfettiregen zu „Songs für Liam“

„Bang, bang, bang!“ skandieren Tausende auch schon zum nächsten Hit, aktuell einer der meistgehörten von Kraftklub: „Schüsse in die Luft“. Sänger Felix ballert mit einer übergroßen Papphand in die Luft, die Stimmung lässt sich jetzt nur noch mit einem protzigen Konfettiregen zu „Songs für Liam“ steigern, in dem die erste Zugabenrunde untergeht.

Schluss ist deswegen aber noch lange nicht. Schließlich wird das Berlinkonzert die Bilder für eine DVD liefern, weswegen noch einige im wahrsten Sinne effektvolle Lieder fehlen. Natürlich Kraftklubs Hymne auf ihre Geburts- und damals gerade noch Karl-Marx-Stadt, ein herrlich ironisches Bekenntnis zum Dasein als ‚original Ostler’, „Randale“ und last but not least „Scheissindiedisko“ - wer seinen Bierbecher noch nicht in Luft geschleudert hat, bekommt eine letzte gute Chance dazu.

Alle anderen dürfen es Sänger Felix gleichtun, der zum Abschluss den drahtigen Oberkörper entblößt, und ihre verschwitzten T-Shirts über dem Kopf wirbeln. Ein fabelhaftes Abschlussbild malen die Berliner da für Kraftklub und geben der Band einen guten Grund, vielleicht doch ab und an einmal nach Berlin zu wollen. Für noch so ein phänomenales Konzert vielleicht, das würde schon reichen.