Gemeinschaftsgarten

Urban Gardening in Berlin - Der Garten ist für alle da

Die Berlinerin Elisabeth Meyer-Renschhausen lässt Brachen erblühen. Jetzt hat sie ein Buch über das Urban Gardening geschrieben - mit den besten Tipps zum Anlegen und Bearbeiten von Kistenbeeten.

Foto: Reto Klar

Die ersten Knospen sind an den Zweigen zu sehen, an manchen Stellen lugt schon etwas Grün hervor. Elisabeth Meyer-Renschhausen kann es kaum erwarten, wieder zu Schaufel und Spaten zu greifen und in ihren Kistenbeeten zu graben, zu säen, zu ernten.

Gärtnern in der Kiste? Für die Soziologin ganz normal. Schließlich pflanzt sie nicht im eigenen, sondern im Gemeinschaftsgarten, und dort ist es üblich, nicht im Boden, sondern über der Erdoberfläche zu ackern. Weil die Gärten oft nur auf Zeit angelegt sind oder weil nicht klar ist, ob der Boden belastet ist.

Meyer-Renschhausen kennt sich aus mit dem Thema, immerhin ist die Soziologin eine Gemeinschaftsgärtnerin der ersten Stunde: Sie hat in Berlin die Arbeitsgruppe Kleinstlandwirtschaft gegründet und lehrt an der Freien Universität als Privatdozentin zu dem Thema. Über die Entstehung und die Bedeutung dieser Gartenkultur in Berlin hat sie jetzt ein Buch geschrieben. Darin gibt sie auch Tipps zum Anlegen und Bearbeiten von Kistenbeeten, die sich nicht nur für Gemeinschaftsgärten, sondern auch für Balkone eignen.

Vorbilder für Community Gardens in New York

Heute sind Nachbarschaftsgärten und interkulturelle Gärten in Berlin nicht mehr wegzudenken. Doch die Anfänge waren schleppend. Dabei gab es schon Vorbilder. In US-Großstädten wie New York bildeten sich seit den 70er-Jahren Initiativen für Community Gardens. Engagierte Anwohner besetzten damals Brachen und bepflanzten sie. Heute gibt es allein in New York etwa 800 solcher Orte und sogar einen Studiengang für Koordinatoren von Gemeinschaftsgärten. In Deutschland eröffnete der erste Gemeinschaftsgarten 1996 in Göttingen.

Mit diesen Vorbildern vor Augen machte sich Elisabeth Meyer-Renschhausen für die Idee in Berlin stark. Seit Ende der 80er-Jahre und dann wieder Ende der 90er-Jahre die Anlage eines Parks auf den Bahnbrachen am Gleisdreieck beschlossen war, setzte sie sich dort für einen interkulturellen Garten ein. Aber erst sieben Jahre später konnte es losgehen. Zu groß war die Skepsis von Politikern und Behörden. Gemeinschaftsgärten würden nicht rund um die Uhr für jedermann offen stehen und seien daher eine Privatisierung von öffentlichem Grund, hieß es immer wieder. „Wir brauchten einen sehr langen Atem, bis es endlich grünes Licht gab“, erinnert sich Elisabeth Meyer-Renschhausen. Als es aber so weit war, gab es viel Andrang. Bald mussten Listen geführt werden, weil so viele Menschen mitgärtnern wollten.

Ein Weg, um in der Stadt Wurzeln zu schlagen

Ein Jahr später kamen dann bosnische Flüchtlingsfrauen hinzu. Für sie war die Arbeit im Garten vor allem ein Weg, um die traumatischen Kriegs- und Fluchterlebnisse zu verarbeiten und in der fremden Stadt Wurzeln zu schlagen. Und auch für die Soziologin war diese Begegnung eine Bereicherung. „Die Frauen hatten viel mehr Erfahrung als wir und kannten ganz andere Gemüsesorten.“ So gab es beim Ackern immer ein Gesprächsthema, die Hemmschwelle zum gemeinsamen Umgang war niedrig, und als Nebeneffekt lernten die Flüchtlingsfrauen dabei auch Deutsch. Noch heute betreiben die Bosnierinnen den interkulturellen Garten Rosenduft im Gleisdreieck-Park, den Nachfolger des ersten Gartens.

Heute gibt es etwa 100 Projekte zu Gemeinschaftsgärten in allen Bezirken. Prominente Nachfolger sind die Prinzessinnengärten am Moritzplatz und das Allmende-Kontor auf dem Tempelhofer Feld, das Meyer-Renschhausen mit zwölf Mitstreitern 2011 gründete. Dabei ist es nicht in erster Linie die Leidenschaft fürs Grüne, die die Soziologin antreibt. „Klar, je länger man in der Stadt lebt, desto stärker entbehrt man das Grün.“ Aber mehr noch entwickelte sich ihr Engagement aus der soziologischen Feldforschung heraus, die sie nach der Wende in den neuen Bundesländern betrieben hat.

Plädoyer für mehr Grün in Wohnsiedlungen

Dabei untersuchte sie, wie es den Menschen in Gegenden geht, wo Arbeitslosigkeit und Abwanderung groß sind. „Dabei habe ich festgestellt, dass es ihnen mit Garten besser geht als ohne.“ Schon zu DDR-Zeiten durften Mitarbeiter der LPGs, der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, ein eigenes Stück Land beackern. In der DDR sollte ihnen das ein Gefühl von Freiheit und Selbstbestimmung geben, nach der Wende war es wohl vor allem die Beschäftigung, die ihnen guttat. „Wenn sie arbeitslos geworden waren, mussten sie nicht untätig herumsitzen.“ Diese Erkenntnis nahm Elisabeth Meyer-Renschhausen mit nach Berlin, „wo es doch auch viele Menschen gibt, die durch Arbeitslosigkeit oder andere Gründe auf untätig gestellt waren“ und die in den Gemeinschaftsgärten eine neue Perspektive finden könnten.

Schon 1874 plädierte übrigens die lange in Berlin lebende Sozialreformerin und Stadtplanerin Adelheid Gräfin Poninska angesichts der durch die Industrialisierung rasant wachsenden Großstädte für mehr Grün in Wohnsiedlungen. Ihre Stadtplanung mit großzügigen Innenhöfen und Gärten für alle stand im Gegensatz zur damals üblichen engen Bebauung mit Mietskasernen. Die Gräfin, die unter dem Pseudonym Arminius schrieb, weil sie Angst hatte, als Frau nicht ernst genommen zu werden, gilt mit als Ideengeberin für die allerdings erst nach 1900 vielerorts realisierten Gartenstädte.

Der Typus Gemeinschaftsgärtner

Gärten für alle ist auch die Idee des Allmende-Kontors, das ehrenamtlich auf dem Tempelhofer Feld betrieben wird. 500 Mitgärtner beackern hier auf etwa 300 Hochbeeten 5000 Quadratmeter Fläche. Die dortige Gärtnerschaft ist ein Querschnitt durch die Berliner Bevölkerung. Der typische Gemeinschaftsgärtner sei zwar eher weiblich als männlich, es seien eher Eltern mit kleinen Kindern oder ältere Menschen, aber gerade ins Allmende-Kontor kämen auch zunehmend Studenten und Erwerbstätige um die 40, die keine Zeit für einen eigenen Garten haben, hat Meyer-Renschhausen beobachtet: „Wo sonst kommen so viele verschiedene Menschen zusammen?“ Der Zusammenhalt der Gärtner habe sich schon bei der Gestaltung gezeigt, als gemeinsam die Kisten für die Beete gebaut wurden. „Ich war erstaunt, wie groß die Hämmerleidenschaft ist“, sagt Meyer-Renschhausen. Und lohnen würde sich der gärtnerische Einsatz auch, denn die Ernte in den Kistenbeeten falle meist üppig aus. Sie erinnert sich noch an ihre erste Kiste: „Blumen hatte ich darin, viele Kräuter und Kartoffeln.“ Heute ist sie längst beim Gemüse angekommen: Salat, Mangold, Topinambur und Tomaten kommen bei ihr heute aus der eigenen Kiste.

Tipps zum Pflanzen und Gärtnern in Kistenbeeten

In vielen Gemeinschaftsgärten haben sich Kistenbeete bewährt. Sie ermöglichen große Flexibilität und eignen sich, wenn ungewiss ist, ob der Boden belastet ist oder wenn nur eine zeitlich begrenzte Bepflanzung erlaubt ist. Kistenbeete sind aber auch etwas für Balkon oder Terrasse, sagt Elisabeth Meyer-Renschhausen. Hier ihre Tipps:

1. Bau: Aus Paletten oder Brettern lässt sich eine Kiste zusammenbauen. Um Wasser zu sparen, wird diese am besten mit Teichfolie ausgelegt. Die unterste Schicht besteht aus groben Ästen und Holzstücken, damit überschüssiges Wasser abfließen kann. Darüber kommen grobe Pflanzenreste oder Stroh sowie eine Laubschicht. Erst darauf wird dann etwa 40 Zentimeter hoch Erde gepackt, die am besten mit Kompost angereichert wird.

2. Gewicht: Ein Anfängerfehler ist, die Kiste so vollzupacken, dass man sie nicht anheben oder verschieben kann.

3. Platz: In der Kiste können auch Pflanzen und Gemüsesorten gedeihen, die Raum brauchen, um sich auszubreiten, und darum für einen Blumentopf oder Balkonkasten ungeeignet sind. Besonders gute Erfahrungen hat Meyer-Renschhausen in Kistenbeeten zum Beispiel mit Kräutern, Mangold, Tomaten und Topinambur gemacht. Topinambur blüht im Sommer wie kleine Sonnenblumen.

4. Mut: zum Neuen In interkulturellen Gärten kommen die Gärtner aus verschiedenen Kulturen und bringen andere Gemüsesorten mit.

5. Ungeeignet: Wurzelgemüse lässt sich weniger gut in Kisten züchten, weil es nach unten nicht genügend Platz hat.

6. Düngung: Spätestens drei Jahre nach Anlegen sollte gedüngt werden, dafür eignet sich die Zeit der Brache, also nach dem Abernten des Beetes.

Zum Weiterlesen: Elisabeth Meyer-Renschhausen, „Die Hauptstadtgärtner“, Jaron Verlag, 12,95 Euro

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