Berlins Lieblinge 2015

Orte gepflegter Männlichkeit auf dem Vormarsch

Das Handwerk des Herrenfriseurs erlebt derzeit eine Renaissance. In den Salons von heute erwartet die Kunden dabei ein Serviceangebot, das weit über die Haarpflege hinausgeht.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture - Buddy Bartelsen

Ein sich mehrfach überkreuzender Faden – an einem Ende im Mund fixiert und unter Spannung gehalten von zwei geschickten Händen – gleitet über die Haut, klemmt abstehende Haare ein und zupft sie mitsamt der Wurzel aus. Das geht so fix, dass das Auge nicht folgen kann. Dennoch wird schnell sichtbar und noch schneller spürbar, wie gut eine solche Fadenrasur funktioniert. Die wider Erwarten fast schmerzfreie Prozedur ist eine uralte Technik, um störende Haare zu entfernen. Im Orient gehört sie noch heute zum alltäglichen Handwerk eines Friseurs. In Deutschland hat es bislang allerhöchstens einige türkische Barbiere gegeben, die diese Methode noch praktizierten.

Doch seit der Vollbart hierzulande sein modisches Comeback feiert, erlebt auch das Metier des Barbiers und seiner Handwerkskunst eine Renaissance. So findet sich in Berlin eine stetig wachsende Zahl klassischer Herrenfriseure, die weit mehr bieten als nur „Cut’n’go“, den schnellen Haarschnitt für wenige Euro. Neben Klassikern wie der Nassrasur gehören dazu auch die oben beschriebene Fadenrasur, Kopf- und Gesichtsmassagen, Trimmen der Augenbrauen, Gesichtsreinigung und -pflege mit Peelings und Feuchtigkeitscremes sowie die klassische Maniküre.

Für Nicole Wheadon ist diese Entwicklung nur logisch. „Männer wollen gepflegt sein, schon immer, nur hatten sie bisher keinen Ort dafür“, erklärt die Inhaberin des Beautykonzeptstores „Wheadon“. Und genau einen solchen Ort habe sie schaffen wollen, als sie ihr Geschäft vor etwa zweieinhalb Jahren in Mitte eröffnete. Unter dem Motto „Wohlfühlen ist Hautsache“ erwartet Kunden (und Kundinnen) dort ein sorgfältig ausgewähltes Sortiment von edlen Produkten rund um Körperpflege und Beauty sowie edle Düfte. Speziell für Herren gibt es eine feine Auswahl von Rasierseifen, Rasierpinseln aus Dachshaar und pflegenden Bartölen. „Wir haben das Angebot bewusst ein wenig beschränkt. Denn der Mann soll im Laden nicht durch eine zu hohe Zahl von Produkten und Marken überfordert werden“, erklärt Wheadon. „Wo Parfümerien Disco sind, ist mein Laden eher die Whisky-Bar“.

Wichtiger Bestandteil des Konzepts ist ein „Old School Herrenfriseur“, der im Untergeschoss des Stores sein Reich hat. Hier kümmert sich Will Rodrigues Exposito, der sein Handwerk in New York gelernt hat, in entspannter Atmosphäre um das Haar der männlichen Kundschaft. Der Service reicht von der klassischen Nassrasur über das Barttrimmen bis zur Entfernung störender Haare mittels Fadentechnik.

Herrenfriseur mit Bar und Concierge-Service

Noch einen Schritt weiter geht der „Gentleman’s Circle“ in der Charlottenstraße. Zwar steht auch hier die Haar-, Bart- und Körperpflege im Fokus, doch auch Maßanzüge, rahmengenähte Schuhe, Herren-Accecoires wie Uhren oder Manschettenknöpfe und sogar kubanische Zigarren kann der Mann von Welt hier erwerben – und dabei sogar noch einen gepflegten Drink an der gut bestückten Bar bestellen. Zum Rundum-Sorglos-Paket gehört auch ein privater Concierge-Service, der bei der Erledigung diverser Aufgaben des Alltags hilft und etwa Theater- oder Fußballkarten besorgt. Übrigens sind die Herren unter der Woche im „Gentlemans Circle“ unter sich, Damen haben keinen Zutritt. Nur freitags ab 19 Uhr, zur Smokers Night, wenn das Wochenende vor der Tür steht und im Salon auch Zigarren geraucht werden, dürfen die Gentlemen gerne auch in Begleitung ihrer Herzensdame erscheinen.

Wer sehr häufig zum Friseur gehen möchte, um immer einen perfekten Haarschnitt zu haben, für den sind vielleicht die Angebote von „M Room“ ideal. Die aus Finnland stammende Friseurkette ist ebenfalls auf klassische Herrenschnitte bzw. Rasuren spezialisiert und hat kürzlich ihre zweite Filiale in Berlin eröffnet. Auf Wunsch können Kunden dort Clubmitglied werden und sich dann die Haare schneiden lassen so oft sie nur wollen.

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