Karl-Heinz Kurras

Der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss

Er war Polizist in West-Berlin, Spitzel für die Stasi und ein Waffennarr: Karl-Heinz Kurras ist bereits am 16. Dezember 2014 im Alter von 87 Jahren gestorben. Kurras hatte 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen.

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Bilder sagen oft nichts über die Geräusche, die ihre Entstehung begleitet haben. Dieses hier ist eine Ikone der Zeitgeschichte, entstanden am 2. Juni 1967 unweit der Deutschen Oper, im Innenhof der Krummen Straße 66/67 in Charlottenburg. Eine junge Frau hält den Kopf eines Mannes, sie scheint um Hilfe zu rufen. Der Mann ist verwundet. Blutspritzer bedecken den Asphalt.

Was wir nicht hören, sind die Sprechchöre der Demonstranten, das Dröhnen der Wasserwerfer und die Lautsprecherdurchsagen der Polizei, die an jenem Tag durch die Straßen schallten. Der persische Schah Mohammad Reza Pahlavi wurde vom Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz in Berlin willkommen geheißen. Das hatte die Studenten, erklärte Gegner des Schahs, auf die Straßen getrieben. Unter ihnen Benno Ohnesorg, der an der Freien Universität Berlin Romanistik und Germanistik studierte.

Die Bewegung 2. Juni

Während der Schah mit seiner Frau in der Oper eine Gala-Aufführung der „Zauberflöte“ genießt, kommt es 300 Meter Luftlinie davon zu einer tödlichen Begegnung, die Geschichte schreiben sollte: Im Innenhof der Krummen Straße (heute Schillerstraße 29) schießt der Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras Ohnesorg aus anderthalb Metern mit seiner Dienstwaffe, Kaliber 7,65 Millimeter, in den Hinterkopf. Ohnesorg fällt bewusstlos zu Boden, das Foto entsteht. Er wird auf dem Weg ins Krankenhaus sterben.

Sein Tod trägt entscheidend zur Radikalisierung vieler Studenten bei, manchen bahnt er den Weg in den Terrorismus. Ohnesorg gilt als das Opfer des bundesrepublikanischen Repressionsstaats, als Märtyrerfigur. Die „Bewegung 2. Juni“, die in Berlin für zahlreiche terroristische Anschläge verantwortlich zeichnet und später den CDU-Spitzenkandidaten Peter Lorenz entführen wird, benennt sich nach dem Tag, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Es sollte mehr als 47 Jahre dauern, bis diese Sicht der Dinge in sich zusammenfiel. Zu Christi Himmelfahrt 2009 wurde das Lebensgeheimnis des Polizisten Karl-Heinz Kurras gelüftet: dass er kein Handlanger eines vermeintlich reaktionären, kapitalistischen Apparats gewesen, sondern zu jener Zeit als Spitzel der DDR-Staatssicherheit tätig war.

Kurras, 1927 im ostpreußischen Barten geboren, war erst kurz zuvor in die politische Abteilung der Berliner Polizei gewechselt. Seine Biografie war so bewegt wie die vieler Menschen seiner Generation, doch in politischer Hinsicht war er eigenwillig wie nur wenige seines Alters. Seine zeitlebens ausgeprägte Freude an Schusswaffen hatte ihm 1947 (wegen unerlaubten Besitzes derselben) drei Jahre Haft im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen eingebracht. Trotz dieser harten Zeit bewarb er sich schon 1955 in Ost-Berlin darum, für die Staatssicherheit zu spionieren. Dort lernte man ihn nach anfänglichem Zögern als stetig sprudelnde Quelle schätzen. Zwölf Jahre lang schickte Kurras seine Berichte, die Stasiakte wuchs auf 17 Bände an. Vor diesem Hintergrund ist es kaum erstaunlich, dass die Verschwörungstheorien wucherten, als Kurras’ Geheimnis vor sechs Jahren gelüftet wurde.

Eine gezielte Aktion?

War Ohnesorgs Tod von der DDR-Führung in Auftrag gegeben worden, um den westdeutschen Teilstaat gezielt zu destabilisieren? Nach allem, was wir heute wissen, kann davon keine Rede sein. In der Akte Kurras findet sich ein Vermerk seines Führungsoffiziers Werner Eiserbeck, sechs Tage nach der Tat verfasst: „Es ist zur Zeit noch schwer zu verstehen“, heißt es darin, „wie dieser geheime Mitarbeiter eine solche Handlung, auch wenn im Affekt oder durch Fahrlässigkeit hervorgerufen, begehen konnte, da sie doch ein Verbrechen darstellt.“ Zufriedenheit über einen erfolgreich ausgeführten Auftragsmord klingt auf jeden Fall anders. Wenige Tage danach entschied das Ministerium für Staatssicherheit, die Verbindungen zum Zuträger Karl-Heinz Kurras gleich vollständig abzubrechen.

Der wiederum hatte sich nach seinem tödlichen Schuss mit den juristischen Folgen seiner Tat zu beschäftigen. Vor der Strafkammer des Landgerichts Moabit wurde er zunächst freigesprochen, weil ihm eine Tötungsabsicht nicht nachgewiesen werden konnte. Dieses Urteil hob der Bundesgerichtshof ein Jahr später wegen unzureichender Beweisaufnahme wieder auf. Doch auch als der Fall 1970 erneut vor dem Berliner Landgericht verhandelt wurde, konnten die Richter wieder keine Beweise dafür erkennen, dass Kurras gezielt und in mörderischer Absicht auf Ohnesorg geschossen hatte. In seiner abschließenden Erklärung sagte der Vorsitzende Richter: „Menschliches Fehlverhalten oder moralische Schuld: Das haben Sie mit sich selbst und dem Herrgott auszumachen und die Last selber zu tragen. Ihnen eine strafrechtliche Schuld nachzuweisen, waren wir nicht in der Lage.“

War es vorauseilender Gehorsam gegenüber den möglichen Wünschen der DDR-Führung? War es, wie andere vermutet haben, eine Verwechslung mit dem namensähnlichen Bernd Ohnesorge, der sich als Stasimitarbeiter selbst den West-Berliner Behörden offenbarte und damit Kurras’ Zorn herausgefordert haben könnte? Oder war es am Ende tatsächlich die tragische Fehleinschätzung einer Situation, die Ohnesorgs Leben so vorzeitig beendete? Kurras schwieg dazu oder hielt an der Version fest, er habe aus Notwehr gehandelt – auch nach 2009, als Journalisten den ehemaligen Polizisten zur Aussage bewegen wollten und ihn beim Fahrradfahren ablichteten.

Und so wird es bleiben: Schon am 16. Dezember 2014 ist Karl-Heinz Kurras 87-jährig in Berlin gestorben. Sein Grab in Spandau trägt keinen Namen.