Test

Sprachdefizite bei Kindern, die nicht in die Kita gehen

Tests haben ergeben: 57 Prozent der Berliner Kinder, die keine Kita besucht haben, brauchen Sprachförderung. Künftig droht den Eltern ein Bußgeld, wenn sie ihre Kinder nicht testen lassen.

Foto: Waltraud Grubitzsch / dpa

57 Prozent der Viereinhalbjährigen, die keine Kita besuchen, haben im vergangenen Jahr den Sprachtest „Deutsch Plus 4“ der Bildungsverwaltung nicht bewältigt und benötigen eine Sprachförderung. 2013 waren es 54,6 Prozent. Besonders gravierend ist die Situation in Neukölln. Dort haben 77 Prozent der Mädchen und Jungen ohne Kita-Erfahrung den Test nicht bestanden. Dahinter liegen die Kinder aus Mitte mit einem Förderbedarf von 66 Prozent, gefolgt von Lichtenberg (63 Prozent), Reinickendorf (60 Prozent) und Spandau 57 Prozent. Am besten schneidet Pankow ab. Dort hat nur jedes vierte Kind, das nicht in eine Kita geht, sprachliche Defizite.

Die Daten stammen aus der Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck. Aus der Erhebung geht hervor, dass im vergangenen Jahr die Eltern von 1958 Kindern zu den verpflichtenden Sprachstandtests aufgefordert wurden. In 830 Fällen haben sich die Eltern nach der Aufforderung entschlossen, ihr Kind doch in eine Kita zu schicken. Von den übrigen rund 1100 Kindern wurden 531 getestet. 304 Kindern (57 Prozent) wurde ein Förderbedarf bescheinigt.

Grundstein für den Bildungserfolg

265 Eltern bekamen einen Bescheid mit einer Auflage zur verpflichtenden Sprachförderung. Davon erfüllten laut Bildungsverwaltung 110 Eltern die Auflage bis Jahresende 2014 nicht.

Laut Bildungsverwaltung war es der letzte Test, der noch mit Viereinhalbjährigen durchgeführt wurde. Künftig sind die Kinder beim Test vier Jahre alt. In Zukunft droht den Eltern auch ein Bußgeld, wenn sie ihre Kinder nicht testen lassen. Diese Bußgelder können in seltenen Fällen bis zu 2500 Euro betragen.

„Es gibt Kieze, in denen jedes zweite Kind mit zum Teil erheblichen Sprachmängeln in die Schule kommt, weil sie keine Kita besucht haben und vor die Glotze gesetzt wurden, statt mit ihnen zu spielen oder ihnen vorzulesen“, beklagt Joschka Langenbrinck. Sie lernten schwerer Lesen und Schreiben und drohten schon früh in der Schule zu scheitern. „Deshalb haben wir den Sprachtest um ein halbes Jahr vorgezogen und die wichtige Sprachförderung in einer Kita auf eineinhalb Jahre und fünf Stunden täglich ausgebaut. Der Grundstein für den Bildungserfolg der Kinder wird viel früher gelegt“, sagte der SPD-Abgeordnete der Berliner Morgenpost.

„Wenn die Kinder in der Schule ankommen und die Hälfte nicht verstehen, sind sie von vornherein benachteiligt“, sagte Katrin Schultze-Berndt (CDU), Bildungsstadträtin in Reinickendorf. Dennoch halte sie nichts von einer flächendeckenden Kita-Pflicht. Wichtiger sei, den Förderbedarf zu erkennen – deshalb finde sie die Test auch so wichtig – und ihn auch durchzusetzen. Aber auch die Kitas sieht sie in der Verantwortung. „Es ist schön, eine kostenlose Kita anzubieten, das darf aber nicht auf Kosten der Qualität gehen“, sagt die Stadträtin. Sprachförderung müsse finanziert werden.

Kita fördert Sozialverhalten

„Eine Sprache erlernt sich am besten bei der Kommunikation in der Gruppe“, sagte Anke Buuk-Escher. Sie ist Erzieherin in der Kita Baerwaldstraße und schwerpunktmäßig für die Sprachförderung zuständig. Sie hält es für sinnvoll, wenn alle Kinder von drei Jahren an die Kita oder einen Kindergarten besuchen. Das fördere nicht nur den Spracherwerb, sondern auch das Sozialverhalten. „In der Gruppe lernen die Kinder spielerisch und automatisch“, so die Pädagogin. Außerdem biete die Kita Anregungen aus allen Lebensbereichen, wie Natur, Umwelt, Musik, Sport und Mathematik. Ob ein Kind, das nicht die Kita besucht, bei der Einschulung generell im Nachteil sei, könne man nicht pauschal sagen. „Das hängt immer von der Förderung im Elternhaus ab“, sagt Anke Buuk-Escher.

„Die Kita ist der beste Ort für die Sprachförderung“, sagt auch SPD-Politiker Langenbrinck. „Je länger ein Kind die Kita besucht, desto besser ist das für seine sprachliche, motorische und soziale Entwicklung. Wir wollen, dass so viele Kinder wie möglich so lang wie möglich die Kita besuchen, dafür brauchen wir auch mehr wohnortnahe Kita-Plätze in sozialen Brennpunkten.“