Staatsakt in Berlin

Deutschland verneigt sich vor Richard von Weizsäcker

Bei einem Staatsakt im Berliner Dom haben Spitzenpolitiker Richard von Weizsäcker die letzte Ehre erwiesen. Redner wie Joachim Gauck und Wolfgang Schäuble würdigten den Alt-Bundespräsidenten.

Kurz bevor der Trauergottesdienst beginnt, wird es still im Berliner Dom. Joachim Gauck tritt vor den Sarg, verneigt sich. Da steht der Bundespräsident dann einige Momente, und man würde gern wissen, was in ihm vorgeht.

Der Berliner Dom ist ein würdiger Ort, um sich von einem würdevollen Menschen zu verabschieden. Für Richard von Weizsäcker hätte es keinen besseren Ort geben können – steht der Dom doch exemplarisch für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert: im Krieg zum Teil zerstört, zu DDR-Zeiten notdürftig geflickt und ignoriert, nach der Einheit aufwendig restauriert.

Richard von Weizsäcker wurde am 15. April 1920 in Stuttgart geboren. Er erlebte den Untergang der Weimarer Republik und den Aufstieg Adolf Hitlers. Er kämpfte im Zweiten Weltkrieg, sah seinen Bruder sterben. Er machte nach der Teilung Deutschlands Karriere in der Bundesrepublik. Er war von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister von West-Berlin – also zu einer Zeit, als die Stadt der Nukleus des Ost-West-Konfliktes war.

Und er war von 1984 bis 1994 Bundespräsident – also zu einer Zeit, als Deutschland die Teilung überwand und die Einheit fand. Ein Jahrhundertleben hieß es, als er am 31. Januar starb. „Ein Leben, das die deutsche Geschichte in sich und mit sich trug“, sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) beim Staatsakt.

Aufwendige Sicherheitsvorkehrungen

Das Areal rund um den Dom ist aufwendig abgesperrt, an den Gittern regen sich immer wieder Menschen auf, weil sie einen anderen Weg nehmen müssen. Doch Sicherheit kann man wahrscheinlich nur so gewährleisten. Auf den Dächern rund um den Dom sind sogar Scharfschützen postiert.

Nur alle paar Jahre sieht man so viele Spitzenpolitiker und ehemalige Staatsmänner an einem Ort. Dieser Staatsakt, der übrigens auch in seiner Präzision fasziniert, ist eine dieser Ausnahmesituationen – und sorgt auch für ein kurzes Innehalten im sonst so hektischen Berliner Politikbetrieb. Die Parteien haben Redner geschickt, die zum einen den staatstragenden Auftritt beherrschen – und zum anderen eine besondere Beziehung zu Weizsäcker hatten.

So erzählt Frank-Walter Steinmeier(SPD) zum Beispiel von seinem letzten Besuch beim Altpräsidenten vor knapp zwölf Wochen. „Es war eine innige Begegnung“, sagt Steinmeier, „auch ohne viele Worte.“ Viel mehr muss der Außenminister gar nicht sagen. Es sind Worte, die wirken.

Für die Union spricht Wolfgang Schäuble. Das hat etwas, schließlich war er über die Jahrzehnte ein enger Mitstreiter von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), von dessen Machttechniken sich Weizsäcker gern eloquent distanzierte. Doch gerade das erkennt Schäuble an, indem er Weizsäcker „unabhängig, unparteiisch, unbequem“ nennt – kompakter und besser kann man das Wesen dieses Mannes nicht auf den Punkt bringen.

Gauck erinnert an Weizsäckers wichtigsten Satz

Der eindrucksvollste Satz kommt an diesem Tag der Trauer aber von Joachim Gauck. „Indem sie ihn mochten, lernten die Deutschen, sich selbst zu mögen“, sagt der Bundespräsident. Es ist ein Satz, der leicht klingt – und doch alles sagt. Und es ist ein Satz, der Weizsäcker für seinen großen Satz ehrt.

Genau 40 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sagte Weizsäcker: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“ Gauck interpretiert die wichtigste Rede im Leben von Richard von Weizsäcker so: „Er hat das gesagt, was 1985 alle wissen mussten, was aber auch 1985 immer noch nicht alle wissen wollten.“ Und dann folgt noch so ein präziser Gauck-Satz: „Wir verneigen uns vor Richard von Weizsäcker, einem großen Bundespräsidenten, der, als es an ihm war, das Richtige sagte und das Richtige tat.“

Auf dem Waldfriedhof Dahlem findet Richard von Weizsäcker seine letzte Ruhe.

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