Staatsakt

Wie sich Berlin von Richard von Weizsäcker verabschiedet

Am kommenden Mittwoch wird des verstorbenen Altbundespräsidenten im Berliner Dom gedacht. Es folgt ein Staatsakt mit anschließender Trauerfeier auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf.

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Der Berliner Dom, von Kaiser Wilhelm II. als Preußens Hof- und Staatskirche in Auftrag gegeben, von den Architekten Julius und Otto Raschdorf von 1894 bis 1905 erbaut und äußerlich am Petersdom in Rom, der Hauptkirche der Katholiken, und an St. Paul, Londons gigantischem anglikanischen Dom orientiert, gilt vom Baustil her als ziemlich bedeutungslos.

Ein Gemisch aus Hochrenaissance und Neobarock, bombastisch und schwülstig, wie es der Kaiser schätzte. Nach schweren Kriegsschäden, notdürftigem Wiederaufbau zu DDR-Zeiten und wiedererstrahlendem alten Pomp zur 100-Jahr-Feier im vereinten Deutschland, darf man mittlerweile getrost davon sprechen, dass der Dom jetzt repräsentatives Gotteshaus der Republik geworden ist; zumindest für die Protestanten im Lande.

Tradition seit 1966

Am kommenden Mittwoch wird in ihm des früheren Bundespräsidenten (1984–1994) Richard von Weizsäckers gedacht. Er ist, wie berichtet, am 31. Januar im Alter von 94 Jahren gestorben. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat von Weizsäcker als „herausragende Persönlichkeit“ der deutschen Nachkriegsgeschichte gewürdigt. Deutschland habe „ein großes Staatsoberhaupt, für viele Menschen eine Identifikationsfigur“ verloren, sagte Lammert zu Beginn der Bundestagssitzung am Donnerstag. Bundespräsident Joachim Gauck hat für die Trauerfeier einen Staatsakt angeordnet.

Das protokollarische Hochamt geht auf Bundespräsident Heinrich Lübke zurück. Im Bundesgesetzblatt vom 8. Juni 1966 ließ er verkünden: „I. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich um das deutsche Volk hervorragend verdient gemacht haben, kann von der Bundesrepublik Deutschland ein Staatsbegräbnis gewährt werden. II. Neben oder an Stelle eines Staatsbegräbnisses kann zur Ehrung eines Verstorbenen ein Staatsakt angeordnet werden. III. Anordnung nach I und II trifft der Bundespräsident …“

Der Unterschied zwischen Staatsbegräbnis und Staatsakt liegt am Ort der Trauerfeier. Wünschen die Angehörigen die staatliche Würdigung auf dem Friedhof, also direkt am Grab, wird von einem Staatsbegräbnis gesprochen. Der Staatsakt ist das Gedenken im Anschluss an den Trauergottesdienst in der Kirche. Diese Alternative wählen die Angehörigen, wenn sie den Toten im Familien- und Freundeskreis beerdigen möchten.

Die Familie von Weizsäcker hat einen Staatsakt erbeten. Organisiert wird der, wie auch bereits von Lübke festgelegt, vom Bundesinnenministerium nach einem streng vorgegebenen Protokoll.

Der Trauergottesdienst für Richard von Weizsäcker am 11. Februar beginnt um 11 Uhr und wird vom Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, geleitet. Mitzelebranten sind der Berliner Bischof Markus Dröge und Dompredigerin Petra Zimmermann, wie die EKD am Donnerstag in Hannover weiter ankündigte. Die Predigt hält der Berliner Altbischof Martin Kruse.

Mit Motorradeskorte zum Friedhof

Erst unmittelbar danach schließt sich um 11.45 Uhr der eigentliche Staatsakt an. Vier Redner werden den früheren Bundespräsidenten in exakt vorgegebenen Redezeiten würdigen: Bundespräsident Joachim Gauck hat eine Viertelstunde, Wolfgang Schäuble (CDU/CSU), Frank- Walter Steinmeier (SPD) und Antje Vollmer (Grüne) haben je acht Minuten Zeit. Dazwischen erklingt Musik von Wolfgang Amadeus Mozart („Largo“ Es-Dur, KV 404 a, „Klarinetten-Quintett“ und „Stadler Quintett" A-Dur, KV 581) sowie von Franz Schubert

Der militärische Teil beginnt mit dem Aufzug der Sargträger (acht Offiziere des Wachbataillons), der Totenwache (acht Generäle und Admiräle) und der Ordenskissenträger (zwei Obristen). Sie tragen und geleiten den mit einer Bundesflagge bedeckten Sarg unter den Klängen eines Trauermarsches aus dem Dom. Vor dem Lustgarten sind das Stabsmusikkorps der Bundeswehr und das Wachbataillon aufmarschiert. Der Sarg wird am Fuße der Domtreppe auf einem Katafalk abgesetzt. Das Musikkorps intoniert einen Choral, dann die Nationalhymne.

Im Anschluss wird der Sarg unter den Klängen eines Trauermarsches an der Ehrenformation vorbei zum Sargwagen getragen. Nach dem Einsetzen des Sarges ertönt das Stück „Der gute Kamerad“. Begleitet von der Totenwache fährt der Wagen dann vorbei an der Ehrenformation. An deren Ende setzt sich eine fünfköpfige Motorradeskorte der Berliner Polizei vor den Sargwagen und geleitet den Toten zum Friedhof. Richard von Weizsäcker wird auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof beigesetzt. Der Staatsakt dauert eineinhalb Stunden, davon der militärische Teil 30 Minuten. Ab 13.30 Uhr lädt der Senat zu einem Trauerempfang ins Rote Rathaus. Richard von Weizsäcker war von 1981 bis 1984 Regierender Bürgermeister. Er ist die 39. herausragende Persönlichkeit, für die ein Staatsakt/-begräbnis ausgerichtet wird.

1400 geladene Gäste

An einem Staatsakt nehmen neben der Familie hohe Repräsentanten aus Staat, Diplomatie, Politik, Kirche, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft teil. Aus dem Ausland werden die frühere niederländische Königin Beatrix, Polens Ex-Präsident Lech Walesa, Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer und in Vertretung der britischen Königin deren Vetter Eduard, Herzog von Kent, erwartet. Zu den Feierlichkeiten sind laut Bundesinnenministerium rund 1400 Gäste eingeladen. Eine Teilnahme der Bevölkerung sei nicht möglich. Sowohl das ZDF als auch Phoenix übertragen den Staatsakt live.