Kommentar

Die Opfer bleiben erneut ohnmächtig zurück

Fünf Jahre nach der Aufdeckung des Missbrauchsskandals am Canisius-Kolleg schützen manche Institutionen noch immer die Täter, nicht die Opfer. Und die dürfen nicht vergessen werden, meint Jens Anker.

Niemand hatte eine Vorstellung davon, welche Lawine das Aufdecken des Missbrauchsskandals am Berliner Canisius-Kolleg vor fünf Jahren auslösen würde. Vom Jesuiteninternat in Tiergarten aus rollte der Skandal in alle Winkel der Republik – und darüber hinaus. Am Ende standen allein im Jesuitenorden mehr als 200 Missbrauchsopfer, bundesweit waren es Tausende. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele Opfer brauchen Jahrzehnte, bis sie sich mit dem eigenen Missbrauch offen auseinandersetzen können. Einige zerbrechen daran. Am 28. Januar 2010 berichtete die Berliner Morgenpost als erstes Medium von den Vorgängen am Canisius-Kolleg, wenige Tage danach stand der Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche weltweit in den Schlagzeilen. Denn im Lauf der Recherche bestätigte sich die fürchterliche Ahnung: Die Fürsorge der katholischen Kirche richtete sich viel zu lange auf die Täter, nicht die Opfer.

Anfang 2016 soll nun eine unabhängige Kommission zur Aufarbeitung der Missbrauchsskandale ihre Arbeit aufnehmen. Das ist eine gute Nachricht. Eine unabhängige und überparteiliche Einrichtung ist nötig, um den Missbrauch aus dem Ungefähren des Privaten, den oft unübersichtlichen und abweisenden Strukturen der Institutionen, auf eine neutrale Ebene zu heben. Die schlechte Nachricht lautet allerdings: Bis heute verweigern sich die Täter-Institutionen mehr oder weniger deutlich einer transparenten Aufklärung, Auseinandersetzung und Entschädigung der Opfer in den eigenen Reihen.

Zwar war die Betroffenheit groß, als das Ausmaß des Skandals nach Wochen und Monaten bekannt war, doch bis heute werden die Opfer nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe anerkannt. Es ist unverständlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich beispielsweise die katholische Kirche einer umfassenden Aufklärung verschließt, die Archive im Vatikan verschlossen hält und darauf besteht, jeden Vorwurf zunächst selbst zu prüfen, bevor darüber entschieden wird, ob die Ermittlungsbehörden eingeschaltet werden. Die Kirche stellt sich außerhalb des Rechtsstaats. Das zu ändern, bleibt eine Herausforderung für die Zukunft.

Opfer eines Täters und einer Institution

Und sie lässt die Opfer erneut ohnmächtig zurück. So werden sie nicht nur Opfer eines Täters, sondern auch einer Institution, die, um der eigenen Selbsterhaltung willen, den Täter schützt. Pater Klaus Mertes, der den Skandal als Direktor des Canisius-Kollegs damals lostrat, zog daraus eine erschütternde Erkenntnis: „Das Schweigen war so systematisch wie der Missbrauch.“

Von der Justiz können die Opfer aber nur begrenzt Genugtuung erwarten. Einerseits sind die Taten in den meisten Fällen verjährt. Andererseits ist das deutsche Strafrecht täterorientiert. Das liegt in der Natur der Sache. Die Gesellschaft möchte verhindern, dass ein Täter weiter gefährlich bleibt und wirkt deshalb auf ihn ein, durch Betreuung, Therapie oder Gefängnis. Das Schicksal der Opfer tritt dahinter zurück – von ihnen geht ja auch keine Gefahr aus. Oft verkümmern sie im Schatten der Beschäftigung mit dem Täter. Alle bisherigen Versuche, den Fokus mehr auf das Schicksal der Geschädigten zu richten, verliefen mehr oder weniger erfolglos.

Umso wichtiger sind die Rollen der Gesellschaft und der Öffentlichkeit. Auch fünf Jahre nach Bekanntwerden des Skandals darf das anhaltende Ringen der Opfer um Anerkennung, Entschuldigung und Entschädigung nicht in Vergessenheit geraten. Es bedarf aber auch eines kritischen Blicks darauf, ob katholische und evangelische Kirche, die genauso vom Skandal betroffen sind, sowie andere beteiligte Institutionen bereit sind, Vertuschung, Verklärung und Korpsgeist in ihren Systemen zu bekämpfen. Trotz der Aufdeckung Tausender Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren bleibt eine traurige Gewissheit: Missbrauch findet weiterhin statt, jeden Tag und überall.

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