Friedrichshain

Bezirk will 70-Meter-Hochhaus am Postbahnhof verhindern

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Sabine Flatau

Foto: Eike Becker Architekten.

Neubauten an der Spree sollen laut Bürgerentscheid die Berliner Traufhöhe nicht überschreiten. Der Bauherr hat bereits Zugeständnisse gemacht, will an seinem Ensemble aber festhalten.

Das Gelände zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße in Friedrichshain wird sich radikal verändern. In den kommenden Jahren sind mehrere Neubauprojekte geplant, darunter zwei Hochhäuser mit 130 und 118 Meter Höhe, und die Wohntürme Max und Moritz mit 86 und 95 Meter Höhe. Und das, obwohl die politische Mehrheit im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg und in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gegen neue Hochhäuser ist. Auch gemäß dem Bürgerentscheid von 2008 sollen Neubauten nahe der Spree nicht die Berliner Traufhöhe überschreiten. Aber die Vorhaben sind laut Planungsrecht zulässig.

Wohnungen sind nicht geplant

Doch ein Investor darf nicht so hoch bauen, wie er möchte, weil die Bezirkspolitiker das mit ihren Mitteln verhindern wollen: Die Nippon Development Corporation (NDC) Real Estate Management entwickelt seit 2013 drei Grundstücke auf dem Gelände des Postbahnhofs, an der Mühlenstraße 38–44 für die neuen Eigentümer der ehemaligen Postgrundstücke. Geplant waren ein Hochhaus mit 70 Meter Höhe und zwei Bürobauten: Spree Office und East Side Office. Alle drei sollen Gewerbebauten werden, Wohnungen sind nicht vorgesehen.

Gemäß dem Bebauungsplan war für das Hochhaus eine Höhe von 70 Meter möglich. Doch die Post schloss mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg eine Änderungsvereinbarung zum städtebaulichen Vertrag ab, und verzichtete in der Vereinbarung darauf, diese Höhe auszuschöpfen. Auch die sogenannten Hochpunkte der beiden Bürogebäude, die der Bebauungsplan zulässt und die etwa zehn Meter höher sein sollen als das restliche Gebäude, sollen wegfallen.

Die NDC jedoch möchte die ursprünglich vorgesehenen Höhen zumindest am Hochhaus ausschöpfen. Ein Gebäude mit bis zu 23 Etagen würde die Gesellschaft gern realisieren. Denn der Turm sollte laut Bebauungsplan ein Ensemble mit drei weiteren Hochhäusern bilden: mit den 95 und 86 Meter hohen Wohntürmen Max und Moritz und einem 118 Meter hohen Turm an der Mühlenstr. 45–46. Darauf war die Höhe abgestimmt. 14.400 Quadratmeter Geschossfläche sind für das 70 Meter hohe Gebäude vorgesehen. Das Baufeld ist nur 29 mal 29 Quadratmeter groß. „Wir haben uns intensiv über Form und Gestalt des Gebäudes Gedanken gemacht“, sagte Architekt Eike Becker im Stadtentwicklungsausschuss der BVV bei der Vorstellung des Projekts im Herbst 2014. Ein schlanker Baukörper sei vorgesehen, der sich leicht um die eigene Achse dreht. Doch der geänderte städtebauliche Vertrag schneide den Turm bei 52 Metern und 17 Geschossen ab, sagte Becker.

„Unproportioniert, eine Art Stummel“

Dadurch würden dann die zulässigen Quadratmeter in die Breite des Gebäudes verteilt. „Der Turm ist unproportioniert, eine Art Stummel“, argumentierte der Architekt. Auch das Ensemble der vier Türme werde dadurch gestört. Er bat die Bezirksverordneten um Unterstützung für die ursprünglich geplante hohe Form des Turms. Doch die lehnten ab. Carsten Joost, Bürgerdeputierter der Piraten-Fraktion in der BVV empfahl, den 52-Meter-Turm schlanker zu machen, um die Proportionen wiederherzustellen, und verwies auf den Bürgerentscheid zum Spreeufer. Es gebe eine eindeutige Willensbekundung des Ausschusses, sagte dessen Vorsitzender John Dahl (SPD). Der Bezirk habe eine Verminderung der Höhe ausgehandelt, und an dieser grundsätzlichen Entscheidung habe sich nichts geändert.

Es blieb nicht bei der Ablehnung. Der Ausschuss initiierte einen Antrag in der BVV, wonach das Bezirksamt den alten Bebauungsplan ändern soll, sodass er die ursprünglich vorgesehenen Gebäudehöhen auf den Grundstücken im Bereich des Bebauungsplans nicht mehr zulässt. Um dieses Ziel zu erreichen, soll außerdem eine Veränderungssperre für die Flächen erlassen werden – sodass vorerst nicht gebaut werden darf. Die BVV akzeptierte diesen Antrag Ende 2014. Nun ist das Bezirksamt beauftragt, diesen Beschluss zu realisieren.

„Das ist total schade“, sagte Martin Schultheiß, Geschäftsführer von NDC, auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Jetzt sollen die Bauten als eine Mischung aus ursprünglichem und geändertem Bebauungsplan errichtet werden. Das ist städtebaulich nicht zufriedenstellend.“ Zumal in der Nachbarschaft schon ein Wohnhochhaus nach ursprünglichem Bebauungsplan gebaut worden sei. Wie das Unternehmen mit den Einschränkungen umgeht, steht Martin Schultheiß zufolge noch nicht fest. „Wir werden sehen, was wir für rechtliche Möglichkeiten haben.“ Denkbar sei auch, dass die NDC in Widerspruch gehe, so der Geschäftsführer. Man gehe nicht davon aus, dass es einen langen Rechtsstreit geben wird, die Grundstücke sollen spätestens bis Ende 2017 bebaut sein.

Risiko Schadenersatzforderung

Doch zunächst ist das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Zug. „Wir sind dabei zu prüfen, wie diese von der BVV gewünschte Änderung des Bebauungsplans aussehen kann“, sagte Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Ob der Wille der Bezirksverordneten tatsächlich Wirklichkeit wird, stehe noch nicht fest. „Es kann sein, dass eine Änderung des Bebauungsplans kommt“, sagte Stadtrat Panhoff. In diesem Fall müsse das Amt die Änderung beschließen und veröffentlichen. „Das ist aber noch nicht sicher.“ Es seien verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. „Natürlich müssen wir darauf achten, keinen Schaden für den Bezirk zu verursachen“, so der Dezernent. Gemeint sind eventuelle Schadenersatzforderungen des Investors.

Das Hochhaus der NDC soll als Bürogebäude oder Boardinghaus genutzt werden. Verhandlungen werden mit mehreren potenziellen Betreibern geführt. In den oberen Etagen seien öffentlich nutzbare Veranstaltungsräume vorgesehen, etwa eine Sky-Bar, sagte Martin Schultheiß. Der Bauantrag für das Spree Office ist bereits eingereicht. Es soll nach einem Entwurf des Architektenbüros nps Tchoban Voss errichtet werden. Schon im Frühjahr könnten die Arbeiten beginnen. Die Investition liegt für jedes Gebäude im hohen zweistelligen Millionenbereich.