Gedenktafeln

Auf den Spuren von Berlins Berühmtheiten

400 Porzellan-Gedenktafeln erinnern in Berlin an die Wohnorte von Prominenten. Jetzt hat ein Buch sie alle versammelt und bietet eine Kulturgeschichte der Stadt.

Foto: Keystone Archives / picture alliance / Heritage Imag

Es gibt Orte, an denen die Menschen Tag für Tag vorbeilaufen, ohne zu wissen, wer hier einmal gewohnt hat. Die Kantstraße ist so ein Ort. Zwischen Sushiimbiss und Chinarestaurant vermutet wohl niemand die ehemalige Wohnung der „Nesthäkchen“-Autorin Else Ury. Und dass im Altbau in der Leberstraße in Schöneberg eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen ihre frühen Kinderjahre verbrachte, wüssten wohl auch nur die wenigsten, wenn nicht am Haus eine weiße Porzellantafel mit blauer Schrift auf den einstigen Wohnort von Marlene Dietrich aufmerksam machen würde.

Mehr als 400 Tafeln wurden seit Beginn des Programms 1985 in ganz Berlin angebracht und als Bestandsaufnahme nach fast 30 Jahren ist nun ein Buch erschienen, das das Programm dokumentiert und die Geehrten im Einzelnen beschreibt. Erstellt wurde der üppige Sammelband von Rosemarie Baudisch, die verantwortlich für das Gedenktafel-Programm ist, und Wolfgang Ribbe, dem Leiter der Historischen Kommission, die das Programm wissenschaftlich begleitet.

Kämpfer und stille Helden

Das Buch weckt Interesse, aufmerksamer durch die Stadt zu gehen und Persönlichkeiten zu entdecken, die ihre Spuren in Berlin hinterlassen haben. Die Tafeln ehren vor allem Politiker, Kulturschaffende, Künstler. Auch Menschen, die während des Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, sind in dem Gedenkprogramm aufgenommen. Darunter sind große Namen wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer oder Mitglieder der Roten Kapelle, aber auch einige „stille Helden“.

Es sind Menschen, die jüdische Mitbürger während der Zeit des Nationalsozialismus versteckt oder ihnen auf andere Weise ein Überleben ermöglicht haben. Darunter sind Emma und Franz Gumz. Das Paar lebte in der Knesebeckstraße, betrieb eine Wäscherei und rettete vielen jüdischen Menschen das Leben, unter anderem der Journalistin Inge Deutschkron und deren Mutter.

Eine russische Kommandantur im amerikanischen Sektor

Der Schwerpunkt des Gedenktafelprogramms liegt auf Personen, es gibt aber auch einige Porzellantafeln, die Erinnerungen an geschichtsträchtige Orte wachrufen. Zu diesen historischen Stätten in Berlin gehört zum Beispiel die „Kommandatura Berlin“. Hier war die Behörde untergebracht, mit der die Kommandanten der vier Siegermächte zunächst gemeinsam Berlin regierten. Es wirkt etwas bizarr, dass die Behörde eine russische Bezeichnung trug, ihren Sitz allerdings im amerikanischen Sektor in Dahlem hatte. Bis 1948 bestand die Kommandantur, dann erklärte die Sowjetunion die gemeinsame Verwaltung für beendet. Die Behörde bestand aber mit den drei Westmächten noch bis 1990.

Auch an der Stelle, wo früher einmal das Apollo-Theater stand, ist eine Gedenktafel angebracht. Die Friedrichstraße 218 in Kreuzberg ist heute ein gesichtsloser Wohnblock, nichts erinnert mehr an das Volkstheater. Geblieben ist von diesem Theater nur der Ohrwurm: „Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft“. Das Lied stammt aus der Operette „Frau Luna“ des Komponisten Paul Lincke, eines seiner beliebtesten Werke. Abend für Abend wurde im Apollo-Theater Frau Luna singend in den Himmel geschickt.

Erste drei Tafeln im Oktober 1985

Die Idee zum Gedenktafelprogramm entstand im Vorfeld der 750-Jahr-Feier von Berlin. Im Oktober 1985 wurden die ersten drei Tafeln angebracht und Ziel war, dass im Jubiläumsjahr 1987 in jedem Bezirk jeweils mindestens 20 Tafeln angebracht sein sollten. Mit der Berliner Sparkasse war bereits ein Sponsor gefunden, sie lobte auch den Wettbewerb aus. Sieben Vorschläge wurden eingereicht, den Zuschlag erhielt der Grafikdesigner Wieland Schütz, die Ausführung übernahm die Königliche Porzellan-Manufaktur (KPM).

Doch das Projekt kam zunächst schwer in Gang, auch weil nicht jeder Bezirk von ihm überzeugt war. So weigerte sich Spandau 20 Jahre lang hartnäckig, entsprechende Tafeln anzubringen. Zur Begründung hieß es, das „ältere“ Spandau müsse sich doch vom „jüngeren“ Berlin unterscheiden. Auch Kreuzberg wollte erst nicht mitmachen und stattdessen ein eigenes Programm auflegen.

Wie eine Tafel an einem Spielplatz anbringen?

Außerdem gab es bezirksübergreifend einige Probleme. Wo sollte zum Beispiel die Tafel hin, wenn das ursprüngliche Haus gar nicht mehr stand und dort stattdessen ein Spielplatz war? Und ambitioniert war das Etappenziel von 20 Tafeln je Bezirk ohnehin, weil die Verwaltungsmühlen für so ein Tempo nicht gemacht waren. Vom Antrag bis zur Umsetzung dauerte es oft drei bis fünf Jahre. So gab es zur 750-Jahr-Feier gerade mal elf Tafeln.

Die weißen Tafeln von KPM sind in Berlin nicht das erste Gedenktafelprogramm, aber das erste, das versucht, aus allen Bereichen Persönlichkeiten – Männer wie Frauen – zu ehren. Das war früher keineswegs selbstverständlich. Bis in die 30er-Jahre hinein hat die Stadt keine einzige Frau mit einer Tafel geehrt. Bei Denkmälern sah es meist nicht anders aus. Da stand zwar mitunter schon mal eine Frau, aber meist nur, wenn sie Gräfin oder Königin war. Bürgerliche Größen fanden in Preußen kaum eine Ehrung. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde nur Herrschern und Kriegsherren ein Denkmal gesetzt.

Das erste Berliner Gedenktafelprogramm lief bis 1932. Erhalten sind heute nur wenige Tafeln. Viele wurden als Metallreserve später im Krieg eingeschmolzen, andere mit den Häusern zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann lange kein bezirksübergreifendes Programm. Heute aber, 30 Jahre nach dem Beschluss zum heutigen Programm sind die weißen Porzellantafeln mit blauer Schrift nicht mehr wegzudenken aus dem Berliner Stadtbild.

Rosemarie Baudisch und Wolfgang Ribbe: „Gedenken auf Porzellan. Eine Stadt erinnert sich“, Nicolai Verlag, 590 Seiten, 39,95 Euro. Weitere Infos zum Programm gibt es auch unter gedenktafeln-in-berlin.de