Weltkriegsmunition

In Berlin liegen noch 3000 Bomben im Boden

70 Jahre ist das Ende des Zweiten Weltkriegs her, aber immer noch leiden Berlin und Brandenburg unter den Kriegsfolgen. Allein in der Hauptstadt wurden 2014 54 Tonnen Sprengstoff entschärft.

Foto: Märkische Allgemeine Zeitung / ZB

54 Tonnen Bomben, Granaten und Munition aus dem Zweiten Weltkrieg sind im vergangenen Jahr in Berlin gefunden und entschärft worden. Seit Ende des Krieges vor 70 Jahren wurden nach Polizeiangaben mehr als 1,8 Millionen Sprengkörper vernichtet. Nach Schätzungen der zuständigen Stellen beim Senat liegen aber weiterhin 3000 Blindgänger aus dem Weltkrieg im Boden der Hauptstadt – auch in der Nähe wichtiger Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen oder dem Flughafen Tegel. Genau kann das aber niemand sagen.

Häufig stoßen Bauarbeiter auf die gefährlichen Kriegsreste. Etwa tausendmal im Jahr müssen die Bombenentschärfer der Berliner Polizei los. In der Fachabteilung beim Landeskriminalamt arbeiten derzeit 15 Mitarbeiter. Gefunden werden meist kleinere Sprengkörper. Große Bomben sind seltener, sorgen aber für größere Absperrungen oder Evakuierungen.

Mit der verstrichenen Zeit seit dem Abwurf der Bombe sinkt im Allgemeinen eher die Gefahr einer Explosion. „Grundsätzlich detoniert ein am Boden liegender Sprengkörper nie von allein“, so die Polizei. Die Ausnahme bilde allerdings eine Sprengbombe mit chemischem Langzeitzünder. „Hier steigt die Gefahr einer Selbstdetonation im Lauf der Zeit.“

Bomben vor allem an Bahnhöfen, Gleisen und Fabriken

Wo Bauarbeiten am gefährlichsten seien, könne man nicht sagen, meinte Petra Rohland von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Oder wie die Polizei es formuliert: „In Berlin muss man bei Eingriffen in den Boden überall mit Munitionsfunden rechnen.“

Bekannt ist aber, dass die Alliierten besonders Infrastrukturstellen bombardierten, also Flughäfen, Bahnhöfe, Eisenbahngleise und Fabriken. Dort liegen laut Senat auch noch Fliegerbomben im Boden, die bei Ausschachtungen entdeckt werden. In den umliegenden Wäldern, wo es heftige Gefechte gab, finde man dagegen noch viel Munition und Handgranaten.

Kostenlose Risikoeinschätzung vor Bauarbeiten

Der Senat bietet – derzeit noch kostenlos – vor Bauarbeiten eine Risikoeinschätzung an. Mit Hilfe von Luftbildern, Metall-Detektoren und Testbohrungen wird die Gefahr von Experten analysiert. Die Anfragen seien etwas weniger geworden, sagte Rohland. Nur in einem Bruchteil der Fälle, zuletzt etwa 120 Mal im Jahr, werde man dann tatsächlich aktiv.

Im Juni mussten 3000 Menschen in Steglitz über Stunden Wohnungen und Häuser verlassen, weil eine 500 Kilogramm schwere Bombe entschärft wurde. Anfang Oktober sorgte ein Blindgänger für Verspätungen auf dem Flughafen Tegel. „Die Aktion war knifflig, weil es sich um einen deutschen Sprengkörper mit einem russischen Zünder handelte“, sagte eine Polizeisprecherin. Erst musste der Zünder nahe dem Fundort am Flughafen gesprengt werden, dann wurde die Bombe abtransportiert und zerstört.

Brandenburg am stärksten betroffen

Am stärksten von Weltkriegsmunition betroffen ist aber nicht Berlin, sondern Brandenburg. Ende 2013 waren nach Angaben des Innenministeriums zwölf Prozent der Landesfläche mit Blindgängern sowie Artillerie- und Infanterie-Kampfmitteln kontaminiert. Dabei sind ehemalige Militärliegenschaften wie Truppenübungsplätze nicht einbezogen. Eine seriöse Schätzung, wie viele Blindgänger landesweit noch im Boden liegen, ist laut Ministerium nicht möglich. 2013 haben Sprengmeister knapp 270 Tonnen Altmunition unschädlich gemacht. Davon mussten 15 Tonnen am Fundort gesprengt werden.

Eine der am stärksten betroffenen Regionen zwischen Elbe und Oder ist nach wie vor Oranienburg. Laut einem Gutachten der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU) aus dem Jahr 2010 wird vermutet, dass sich im Stadtgebiet noch immer bis zu 320 unentdeckte Blindgänger befinden. Grundlage der Schätzung ist die Gesamtmenge an Bomben, die von alliierten Flugzeugen im Zweiten Weltkrieg auf Oranienburg abgeworfen wurden. Insgesamt wird von 10.500 Spreng- und ungefähr 4600 Brandbomben ausgegangen. Etwa 4000 von ihnen waren mit chemischen Langzeitzündern ausgestattet. Insbesondere diese Zünderart bereitet den Experten große Sorgen. Denn auch ohne größere Einwirkungen von außen können solche Bomben unkontrolliert detonieren. Zudem verschlechtere sich der Zustand der Blindgänger zunehmend. Daher nehme die Menge der Fundmunition zu, die noch am Fundort gesprengt werden müsse.

158 Einsätze in Potsdam seit Wiedervereinigung

2013 wurden in Oranienburg neun Bomben entschärft, davon vier mit Langzeitzündern. Die Statistik weist seit 1991 für die Havelstadt insgesamt 177 derartige Einsätze aus. In der Landeshauptstadt Potsdam waren es seit der Wiedervereinigung 158. Zuletzt wurde kurz vor Weihnachten bei Bauarbeiten am Potsdamer Hauptbahnhof ein Fünf-Zentner-Blindgänger entdeckt. Innerhalb von acht Stunden mussten 10.000 Menschen in der Innenstadt ihre Wohnungen und Arbeitsstätten verlassen. Ein Bagger hatte die Bombe ausgegraben, angehoben und aus einem Meter Höhe fallen lassen. Explodiert ist der Blindgänger nicht. Ein Sprengmeister konnte ihn noch unschädlich machen.

Auch die Landeshauptstadt war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs Ziel alliierter Luftangriffe. Am 14. und 15. April 1945 wurden 1700 Tonnen Bombenlast über der Stadt abgeworfen. Knapp 1600 Menschen verloren bei den Angriffen ihr Leben.

Bund beteiligt sich kaum an Kosten für Entschärfung

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) kritisierte, dass der Bund sich kaum an den Kosten für die Entschärfung beteiligt. „Wir haben in Brandenburg seit der Wende 335 Millionen Euro in die Beseitigung der Altlasten investiert, aber vom Bund nur 117 Millionen Euro erstattet bekommen“, sagte er. Der Bund komme bislang nur für „reichseigene“ Munition auf, die aber den weitaus kleineren Teil ausmache.

Im Bundesrat startete Brandenburg deshalb zusammen mit Niedersachsen eine Initiative, den Bund stärker in die Pflicht zunehmen. „Ich hoffe, dass der Bund sich einsichtig zeigt und sagt, dieser Gefahr müssen wir in einer gemeinsamen Anstrengung von Bund und Ländern noch zügiger begegnen“, so Woidke. Die Mehrheit der Länder unterstützt diesen Vorstoß.