Rückblick

Was wurde eigentlich aus ...

Im Laufe des Jahres passieren viele Geschichten, die bewegen – und bei denen man überlegt, wie es den Protagonisten heute geht. Wir haben nachgefragt.

... den Hochwasseropfern von Breese, die keine Hilfe bekamen?

Manchmal ist es auch spannend, ein bisschen weiter zurückzuschauen als ein Jahr. Für die meisten Brandenburger ist das Hochwasser im Sommer 2013 nämlich längst vergessen. Damals hatten Spree, Elbe und andere Flüsse mehrere Ortschaften geflutet. Inzwischen sind viele Deiche und überflutete Häuser repariert – nicht aber das Haus von Familie Mierke in Breese bei Wittenberge. Auch eineinhalb Jahre nach der Flut kämpfen Lothar und Monika Mierke mit den Folgen. Ihr Haus war im Juni 2013 voll Wasser gelaufen – dem Ort fehlte ein Deich, der seit zwölf Jahren gefordert, aber nicht gebaut worden war. Doch obwohl die Regierungen von Bund und Land schnell Hilfen für die Opfer versprachen, kämpften die Eheleute lange vergeblich um finanzielle Unterstützung. Als während des Hochwassers ein provisorischer Deich errichtet wurde, drückte dieser nur noch mehr Wasser auf das Grundstück und in die Großküche, in der die Mierkes Essen auf Rädern zubereitet hatten. „Wir wurden geopfert“, sagten sie damals – und fühlten sich ein Jahr später ein weiteres Mal benachteiligt, als man ihnen mitteilte, sie bekämen keine Hochwasserhilfe, weil sie angeblich die Frist für den Antrag versäumt hatten. „Aber wir waren von offizieller Seite einfach falsch informiert worden“, sagte Lothar Mierke damals. Erst, als die Berliner Morgenpost im Juni 2014 über das verzweifelte Ehepaar berichtete, schaltete sich das Finanzministerium des Landes ein. Die Mierkes bekamen nun endlich Hilfe. Die Großküche konnte dennoch nicht gerettet werden. Trotzdem, sagt Lothar Mierke, sei er nicht unzufrieden. In Breese wird nun endlich der Deich gebaut – im November war Spatenstich. „Und dass unsere persönliche Situation endlich beim Ministerium wahrgenommen wurde, ist ja an sich schon ein Erfolg. Wir kämpfen weiter.“ uk

... den Tieren vom geschlossenen Gnadenhof Lehnitz?

Zwei Hunde und drei Katzen sind geblieben – von 80 Tieren, die bis zum Frühjahr auf dem Gnadenhof Lehnitz lebten. „Die anderen haben wir auf Pflegestationen untergebracht“, sagt Steven Giese, 36, der den Gnadenhof zusammen mit seiner Frau Sandra, 36, betrieben hat. Im Mai 2014 musste die Tierauffangstation nach Protesten von Nachbarn schließen. Seither suchen Betreiber und Unterstützter nach einem neuen Hof, um sich dort um verletzte oder verwaiste Wildtiere und ausgesetzte oder schlecht gehaltene Haustiere zu kümmern.

„Bisher leider ohne Erfolg“, sagt Sven Giese. Stattdessen mit ziemlich frustrierenden Erfahrungen: Immer wieder wurden ihnen Grundstücke und Häuser angeboten, die perfekt zu den Bedürfnissen von Mensch und Tier zu passen schienen. Mal sei es am Veto des Bauordnungsamtes gescheitert, mal habe sich herausgestellt, dass es das angebliche „Geschenk“ gar nicht gab, und mal war das Haus, das ihnen zunächst so perfekt erschien, ein Fall für die Abrissbirne: das Dach undicht, der Keller voll Wasser, die Balken vermodert. Im Sommer sei das Gnadenhof-Team sogar schon vier Wochen lang auf einem Grundstück und im dazugehörigen Wohnhaus im Einsatz gewesen, sie hätten das Dach repariert, Bauschutt entsorgt, die Wiesen gemäht – um dann zu erfahren, dass die Auflagen zum Beispiel vom Denkmalamt für eine Sanierung so viel Geld gekostet hätten, dass sie sich einen Umzug dorthin nicht leisten konnten. Und wieder begann die Suche von vorn.

Bei allem Stress war es aber auch ein ganz besonderes Jahr für Steven Giese und Sandra Schulz: Im August haben die beiden geheiratet. Und auch für den Gnadenhof gibt es derzeit gerade wieder Hoffnung: Das Team bewerbe sich um ein „sehr geeignetes Grundstück“ in einer Nachbargemeinde, sagt Ruth Schnitzler, die zum Gnadenhof-Team gehört. „Das Objekt wäre wie geschaffen für unsere Tiere.“ 9000 Euro fehlen ihnen zum Kaufpreis – sie hoffen auf einen Preisnachlass –, und dann soll es losgehen. Denn „viel Arbeit“ müssten sie auch in dieses Grundstück stecken, sagt Ruth Schnitzler, „aber davor haben wir keine Angst“. Solange am Ende eine Zukunft für den Gnadenhof und seine Tiere stehe. Damit Albino-Igel Heino, Shetlandpony Woody, Graupapagei Atze und Nackthund Elvis wieder zusammenleben können. any

... Heidi Hetzer, die im Sommer zu einer Weltreise aufbrach?

Mit 77 Jahren einmal um die Welt – alleine, und am Steuer des Lieblingsoldtimers. Dass das zwar ein recht gewagtes, aber umsetzbares Unterfangen ist, will Berlins wohl populärste einstige Opel-Händlerin Heidi Hetzer beweisen, die sich Ende Juli in ihrem 84 Jahre alten Hudson „Great Eight“, genannt Hudo, auf den Weg machte. Über Prag, Bukarest und Sofia ging es so in die Türkei, durch den Iran und über Usbekistan nach China. Ihre Fans hält sie über ihren Blog (heidi-um-die-welt.com) auf dem Laufenden.

Aktuell ist Hetzer in Laos, wo sie auch Weihnachten feierte und an Heiligabend bei 30 Grad mit dem deutschen Botschafter eine katholische Messe besuchte. Die Menschen säßen auf Gartenstühlen vor dem Gotteshaus, weil die Kirche voll sei, so Hetzer. Es gebe nur künstliche Weihnachtsbäume.

„Ich werde auch den Jahreswechsel hier verbringen müssen“, sagt die Rallyefahrerin. Als „Weihnachtsgeschenk“ habe sie die Nachricht bekommen, dass die Anfertigung der Ersatzteile für ihr Auto länger dauere als gedacht. Im Januar soll es dann mit Hudo aber weiter Richtung Malaysia gehen. „Im Februar, so hoffe ich, bin ich in Australien“, sagt Hetzer. Aus Neuseeland soll sie dann ein Schiff nach Amerika bringen. Über die USA geht es runter bis nach Patagonien – über den Atlantik nach Südafrika. „Und wenn alles gut geht“, sagt Heidi Hetzer. „Dann bin ich im Juni 2016 wieder in Berlin.“ föl

... dem Israeli, der eine Debatte mit dem Post eines Puddings auslöste?

Vor drei Monaten lebte Naor Narkis als Unbekannter in Berlin. Heute wohnt er wieder in seiner Heimstadt Tel Aviv. Wenn Narkis dort über die Straße geht, erkennt ihn fast jeder. Viele stellen Fragen, manche umarmen ihn, andere schreien ihn an. Der 25-jährige Israeli ist bekannt geworden als „Pudding-Mann“, seit er den Kassenzettel aus einem Berliner Discounter auf Facebook gepostet hat. Die Tatsache, dass ein Pudding in Berlin so viel billiger ist, ließ die alte Debatte über die hohe Lebenskosten in Israel wieder mächtig aufflammen. Dass Narkis überdies seine Landsleute aufrief, nach Berlin auszuwandern, um ein besseres Leben zu führen, verärgerte die israelische Regierung um Benjamin Netanjahu ebenso wie Oppositionspolitiker in der Knesset.

Dreimal so teuer wie in Berlin sei seine Wohnung in Tel Aviv, sagt Narkis nun. Und doch findet er, dass seine Rückkehr richtig war. „Meine Intuition sagte mir, dass sich die Dinge hier ändern können.“ So weit stimmte seine Intuition schon mal: Nach der überraschenden Auflösung des israelischen Kabinetts Anfang Dezember wird nun im Frühjahr in Israel neu gewählt. Narkis hofft auf eine stärkere innenpolitische Debatte. Über Steuern auf Lebensmittel, über Gesetze zum Schutz vor Mieterhöhungen. Themen, die in dem Land im dauernden Kriegszustand selten oben auf der Tagesordnung stehen.

Drei Angebote von „großen Parteien“ habe er bekommen, für sie beim Wahlkampf mitzumachen. „Über diesen Populismus musste ich lachen“, sagt Narkis. Derzeit hält er zwar beinahe jede Woche einen Vortrag über seine Ideen. Er wurde auch auf Wirtschaftskonferenzen eingeladen und schrieb Gastbeiträge für Zeitungen. Aber er will nicht Vollzeitpolitiker werden, zumindest noch nicht. Außerdem – klar – muss er arbeiten. Er hat einen Job in der Tourismusbranche gefunden, mehr will er nicht verraten.

Wie unterschiedlich die Landsleute auf ihn reagierten, zeige ihm: „Ich habe das Gefühl, dass alle von mir erwarten, dass ich etwas tun soll, um die Situation zu verändern.“ Aber das sei der falsche Ansatz: Mit seinem Aufruf zum Auswandern habe er doch vor allem zeigen wollen, dass jeder Mensch die Macht hat, für sich etwas zu verändern. „Mein Leben hat sich sehr verändert“, sagt Naor Narkis. „Aber ich höre nicht damit auf, meine Botschaft zu senden.“ Yael Kishon

... den Ausbrechern, die die Gitterstäbe durchsägten?

Bei Wasser und Brot haben Metin M. und Ulrich Z. Weihnachten nicht verbracht. Dafür aber in verschiedenen Gefängnissen, in Einzelzellen und unter besonderer Beobachtung, sagt Justizsprecherin Claudia Engfeld. In der Öffentlichkeit bekannt wurden die beiden Häftlinge, als sie am 19. Mai aus der Justizvollzugsanstalt Moabit ausgebrochen waren. Die beiden 34 und 25 Jahre alten Straftäter saßen in Untersuchungshaft in Moabit in nebeneinanderliegenden Zellen. Sie sägten die maroden Gitterstäbe vor ihren Fenstern durch, knoteten Bettlaken aneinander und seilten sich in den Innenhof des Gefängnisses ab. Anschließend kletterten sie eine ungefähr vier Meter hohe Mauer hoch, warfen Decken über den Stacheldraht auf der Mauerkrone und gelangten ungehindert auf ein Vordach. Von dort aus sprangen sie auf die Straße und flüchteten. Die Flucht der beiden Männer gilt noch heute als spektakulär und sorgte für Diskussionen in der Landespolitik. Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) geriet nach dem Ausbruch unter Druck. „Es kann nicht sein, dass im 21. Jahrhundert Menschen auf die Art und Weise ausbrechen, wie das bereits vor 150 Jahren passiert ist“, so ein Ermittler nach der Flucht.

Der als Betrüger verurteilte Ulrich Z. wurde am 3. Juni, gut zwei Wochen nach der Flucht, in einem Hotel an der Ecke Wilmersdorfer Straße und Zillestraße in Charlottenburg gefasst. Metin M. hingegen war 74 Tage auf freiem Fuß. Er steht unter dem dringenden Verdacht, im März 2013 den Berliner Clubbetreiber Jochen Strecker getötet zu haben. Der Gerichtsprozess lief bereits, als er aus dem Gefängnis flüchtete.

„Die beiden Häftlinge sind in Tegel und in Moabit untergebracht“, sagt Justizsprecherin Engfeld. „Sie sind von der Arbeit im Gefängnis ausgeschlossen und können auch nicht an Freizeitangeboten wie beispielsweise Sport teilnehmen.“ Da eine Freistunde aber gesetzlich vorgeschrieben sei, dürften sie täglich mindestens eine Stunde in den Hof, „aber nicht gemeinsam mit den anderen Insassen“. Besucher können sie auch empfangen, aber nur im Beisein eines Justizvollzugsbeamten. Und, so Engfeld: Ihre Hafträume haben neue, ausbruchssichere Gitter vor den Fenstern. ag

... dem Studenten, der auf den Mars fliegen wollte?

Denis Newiak ist immer noch entschlossen. „Ich bleibe bei meinem Plan, so verrückt er für viele auch klingt“, sagt der 26-Jährige. Der Potsdamer Student will der Erde den Rücken kehren und auf den Mars fliegen, und das ohne Rückfahrticket. Der junge Brandenburger gehört zu den 200.000 Menschen weltweit, die sich für die Mission „Mars One“ beworben haben.

Die private niederländische Stiftung will 2025 die ersten vier Astronauten auf den Roten Planeten schicken, alle zwei Jahre sollen weitere vier Bewohner hinzukommen. Ziel ist es, eine Kolonie aufzubauen. „Mittlerweile sind nur noch etwa 600 Bewerber übrig“, sagt Denis Newiak. Er hat erfolgreich ein Bewerbungsvideo und mehrere Bewerbungsschreiben eingeschickt. Zudem musste er ein Gesundheitsgutachten vorlegen. „Zur Zeit bereite ich mich auf das persönliche Interview vor, zu dem mich das Konsortium der Stiftung eingeladen hat“, sagt der Aspirant. Ansonsten läuft sein Leben ganz normal weiter. Denis Newiak wohnt in einer 30-Quadratmeter-Einraumwohnung in einem Plattenbau. Im Potsdamer Neubaugebiet Waldstadt. Im Oktober will er an der Freien Universität Berlin seinen Master in Filmwissenschaften machen, danach promovieren.

Bei einem möglichen Beginn der siebenmonatigen Reise zum Mars wird Denis Newiak 36 Jahre alt sein. „Für meine Eltern, meine zwei Schwestern und meine Freunde ist es nicht leicht“, sagt er, „denn es wäre ein Abschied für immer.“ Er selbst denkt von sich, loslassen zu können. „Ich bin kein Abenteurer“, sagt er, „auch kein Adrenalin-Junkie.“ Er sei lediglich ein wissbegieriger Mensch, der etwas für die Menschheit tun wolle. „Ich bin auch ein politischer Mensch“, sagt Newiak. „Ich will die Botschaft rüberbringen, dass es gelingen kann, eine klassenlose Gesellschaft aufzubauen.“ Dafür nimmt er in Kauf, von allem getrennt zu sein und bis ans Lebensende in einem Spezialanzug mit Helm und künstlicher Sauerstoffzufuhr zu leben. Die Marsmenschen sollen in kleinen Bungalows wohnen und sich selbst versorgen. Kosten soll die Mission sechs Milliarden Euro, finanziert durch die mediale Vermarktung. Das Projekt ist massiv umstritten. Vor allem gibt es ethische Bedenken gegen die Reise ohne Wiederkehr. Die Eltern haben trotzdem nicht versucht, ihrem Sohn den Plan auszureden. Noch nicht. gma