Morgenpost vor Ort

„Der Raum für die Clubs wird immer knapper“

Wie lassen sich Konflikte zwischen Anwohnern und Feiernden entschärfen? Es war ein lebhafte Diskussion beim Leserforum im Kreuzberger „Ritter Butzke“ über die Entwicklung der Berliner Partyszene.

Foto: Reto Klar / Jörg Krauthoefer

Wird die Clubkultur aus dem Zentrum der Stadt immer weiter abgedrängt – nach Oberschöneweide beispielsweise? „Nach Mitte und Prenzlauer Berg ist nun Friedrichshain dran“, fürchtet Sascha Disselkamp. Das Vorstandsmitglied der Clubcommission gehörte zu den Experten des Leserforums „Morgenpost vor Ort“, bei dem es am Dienstagabend um die Entwicklung der Clubszene ging. Vor den etwa 120 Teilnehmern im Kreuzberger Club „Ritter Butzke“ kam auch das schwierige Thema zur Sprache, wie ein friedliches Miteinander von Szenegängern und Anwohnern organisiert werden kann. Auf beiden Seiten gibt es erheblichen Gesprächsbedarf, zeigte der von Morgenpost-Autor Hajo Schumacher moderierte Abend.

Auch wenn immer wieder Clubs schließen oder umziehen und neue eröffnet werden: Senatskanzleichef Björn Böhning berichtete, dass zumindest die Zahl der Clubs in Berlin seit Jahren konstant bei etwa 300 liege. Aber: „Der Raum für die Clubs wird immer knapper“, gesteht er ein. Disselkamp, Urgestein der Szene und Betreiber des „Sage Clubs“, beschwor die musikalische Bedeutung der Berliner Clubkultur, die weltweit zum Markenzeichen geworden ist: „Die Touristen kommen nicht wegen der Shoppingmalls.“

Moderator Schumacher warf die Frage auf, ob Veränderungen nicht einfach zur Clubszene dazu gehören. Für Disselkamp dagegen ist der Verlust von Urbanität eine konkrete Gefahr – auch durch einen Umzug könne ein Club seine Seele verlieren. Es sei schlimm, dass immer mehr Räume verloren gingen, sich eine „Schneise der Ordentlichkeit“ durch Berlin ziehe. Von der Politik erwartet der Clubcommissionsvertreter, dass sie aufhört, „nur mit der Immobilienwirtschaft zu reden“.

Das Moderieren von Konflikten im Umfeld von Clubs ist auch Senatskanzleichef Böhning wichtig. Der Senat will daher zusammen mit der Clubcommission ein Club-Kataster erstellen. Bei Bauvorhaben sollten die Bezirksverwaltungen die betroffenen Clubs einbeziehen, um eventuelle Nutzungskonflikte von vornherein zu verhindern.

Stadtforscher Aljoscha Hofmann von der Initiative „Think Berlin“ bestätigte, dass Gentrifizierung mit „Aufhübschung verbunden ist“. Wenn neue Bewohner „es hübsch und leise haben wollen, gerät die Szene in Gefahr“. Der Architekt berichtete von den Konflikten auf der Partymeile zwischen Frankfurter Tor und Kreuzkölln, die auch Touristen zahlreich anzieht – viele Anwohner beklagen dort eine „Ballermannisierung“. Morgenpost-Redakteurin Laura Réthy hat bei ihren Recherchen im Umfeld des RAW-Geländes eine langjährige Anwohnerin getroffen, „die inzwischen die Wochenenden so sehr fürchtet, dass sie regelmäßig mit einem Wochenendticket der Deutschen Bahn verreist“.

Aljoscha Hofmann warb dafür, alles zu tun, um die Berliner Mischung zu erhalten, die Konflikte zwischen lauten und leisen Nutzungen auszutragen und verschiedene Interessen miteinander zu versöhnen. Er findet, dass Berlin die Frage beantworten müsse, wie viel Lärm man in einer Großstadt aushalten sollte. Da Lärmschutz ein Individualrecht sei, könne schon ein einziger neuer Mieter/Eigentümer in der Nachbarschaft zum Risiko für einen Club werden. Disselkamp forderte die Clubbetreiber auf, die vielen technischen Möglichkeiten des Lärmschutzes auszunutzen. Aber: „Wir haben keinen Einfluss auf das Verhalten der Gäste außerhalb.“ Er appellierte daher auch an die Toleranz: „Ich würde mich freuen, wenn die Leute akzeptieren würden, dass es nachts auch mal Lärm gibt.“

Keine Gettoisierung der Clubkultur in Außenbezirken

Auch SPD-Politiker Böhning möchte weiter ein Nebeneinander von Wohnen und Feiern in einem Kiez und keine Gettoisierung der Clubkultur in Außenbezirken. „Im Dialog ist vieles möglich, problematisch wird es nur, wenn ein Einzelner gegen einen Club wegen zu viel Lärm klagt“, sagt Böhning. Dann werde die Lautstärke vom Amt gemessen, und es gebe keinen Verhandlungsspielraum mehr. Zur Frage der Verantwortlichkeit gibt es im Übrigen sehr verschiedene Positionen. Eine Frau aus dem Publikum sagte: „Wegen lauter Fußballfans, die durch die Straßen ziehen, würde ja auch niemand auf die Idee kommen, das Olympiastadion zu schließen.“

Eberhard Reincke, der in der Nachbarschaft des „Ritter Butzke“ an der Ritterstraße wohnt, beklagte beim Leserforum, dass sich seine Straße durch den Club „erschreckend gewandelt“ habe. Das größte Problem für ihn ist das Verhalten der Besucher nach Verlassen der Location. Immerhin: Reincke ist im Gespräch mit den Clubbetreibern. „Seitdem ist es weniger schlimm“, so Reincke. Mehr solche Gespräche zwischen den Betroffenen, auch mehr in die Tiefe gehende, wünschten sich Laura Réthy und Aljoscha Hofmann.

Touristisches Gesamtkonzept angemahnt

Benjamin Köhler, Chefredakteur des Studentenmagazins „Dilemma“, ist großer Fan der Berliner Clubkultur und glaubt trotz dauernder Veränderungen an deren Zukunft. Die Qualität eines Clubs entscheidet sich für ihn nicht an der Standortfrage, und für einen Club mit gutem Line-up würde er auch nach Spandau fahren. Als Beispiel für seine These führte er den (derzeit geschlossenen) Club „Sisyphos“ an, wo es an Wochenenden lange Schlangen gegeben habe, obwohl er etwas abgelegener in Rummelsburg liege. Für Touristen seien Innenstadtlagen dagegen entscheidend.

Die Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg, Kristine Jaath, mahnte ein touristisches Gesamtkonzept an, damit es eine friedliche Koexistenz zwischen Clubbetreibern, Besuchern und Anwohnern geben kann. Die von ihr beklagten Probleme auf der Partymeile ihres Bezirks – Lärm, Drogenhandel, Kriminalität oder Müll – wollten Podiumsteilnehmer und Publikum nicht den Clubgängern anlasten, jedenfalls nicht allein. Die Frage, wie Berlin mit Tourismus umgehen wolle, gehöre unbedingt in die Diskussion mit rein. Zumindest darin waren sich alle einig. Böhning findet es allerdings skurril, auf Billigflieger zu schimpfen, die zu viele Touristen nach Berlin bringen würden. Seit eineinhalb Jahren kümmere sich die Berliner Politik um mehr „Tourismusakzeptanz“, die Projekte finanzierten sich über die City-Tax selbst.