Weihnachtsgeschenke

Berliner setzen immer mehr auf Gutscheine

Der zweite Advent war ein voller Erfolg, der Einzelhandel ist zufrieden. Doch gleichzeitig steht er durch das Internet vor großen Herausforderungen, wie die Unternehmertafel der Morgenpost zeigte.

Foto: Krauthoefer

Traditionell geht das Weihnachtsgeschäft am zweiten und dritten Adventswochenende in die heiße Phase. Am 2. Adventssonntag, dem ersten von zwei offenen vorweihnachtlichen Verkaufssonntagen in Berlin in diesem Jahr, hatten bis zu 6000 Geschäfte geöffnet. „Das Sonntagsgeschäft verlief vielversprechend“, sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, der Berliner Morgenpost. „Das Umsatzniveau lag auf dem des Vorjahres oder leicht darüber.“

Der Verkauf von Gutscheinen habe deutlich zugelegt, heißt es. Die Nachfrage nach Gutscheinen würde von Jahr zu Jahr steigen. Einer recht starken Nachfrage erfreuten sich am Sonntag Spielwaren, CDs, Parfüm, Tablets und Smartphones. Auch der Verkauf von Textilien habe im Vergleich zu der vergangenen Woche an diesem Sonntag angezogen. „Am Sonntag wird höherwertig gekauft“, sagte Busch-Petersen. „Weniger Kunden geben mehr Geld aus.“ Insgesamt seien die ersten zwei Wochen des Weihnachtsgeschäftes recht gut verlaufen. Der vergangene Freitag war auch schon sehr stark und für den Sonnabend verzeichnete der Einzelhandel „sehr gute Frequenzen“.

Erwartet wurde allein für den zweiten Advent ein Mehrumsatz von 45 Millionen Euro.

Berliner Einzelhändler vor enormen Herausforderungen

Doch die Festtagsstimmung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Berlins Einzelhändler vor enormen Herausforderungen stehen. Gegen die wachsende Konkurrenz durch E-Commerce sowie der Übermacht immer neuer Shopping- Center kann nur bestehen, wer bereit ist, sich dem ständigen Wandel anzupassen. Davon zeigten sich die Teilnehmer der Unternehmertafel der Unternehmensberatung Kienbaum und der Berliner Morgenpost überzeugt.

Die Runde aus Entscheidern Berliner Unternehmen, Firmen und Institutionen war die mittlerweile 45. Die Teilnehmer trafen sich jetzt schon traditionell in der Bibliothek des Hotels Waldorf Astoria an der Gedächtniskirche. Der Blick aus dem 15. Stock auf die renovierte Shopping-Mall Bikini Berlin und das älteste Einkaufszentrums Berlins, das Europa-Center, das im kommenden Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, bot den diesmal geladenen Experten aus dem Handelsbereich auch gleich den Einstieg in eine spannende Debatte zum Thema „Shopping Mall, Einzelhandel, Online-Portal – wem gehört die Zukunft?“

Handelsfläche in Berlin hat sich sei 1990 verdoppelt

„Die Handelsfläche in Berlin hat sich seit 1990 verdoppelt, inzwischen stehen 5,3 Millionen Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung“, sagte Nils Busch-Petersen, Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Leider sei die Kaufkraft der Berliner im gleichen Zeitraum aber nicht entsprechend mitgewachsen. Laut des aktuellen Einzelhandelsreports des Beratungshauses CBRE hat in diesem Jahr jeder Berliner statistisch 6155 Euro für Einkäufe zur Verfügung. Das sind jedoch nur 97 Prozent dessen, was die Bundesbürger im Durchschnitt ausgeben können. Zum Glück für die Hauptstadt würden jedoch die wachsenden Tourismusströme die anhaltende Konsumschwäche der Berliner mehr als kompensieren, sagte Busch-Petersen. Auch der Online-Umsatz, der innerhalb der vergangenen drei Jahre von 4,4 auf elf Prozent angewachsen sei, gewinne zunehmend an Bedeutung.

„Wir sind natürlich auch längst Online-Händler. Ohne ein entsprechendes Angebot im Internet geht es nicht“, bestätigte Torsten Kruse, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Das Wichtigste sei dabei die „gescheite“ Verknüpfung zwischen stationärem und dem Online-Shop. So nutze sein Haus die Online-Möglichkeiten, um Kunden dennoch gezielt in das Warenhaus zu locken. „Wenn ein Artikel nicht vorrätig im Haus ist, bestellen wir ihn, und der Kunde kann sich aussuchen, ob er ihn in unsere Filiale oder nach Hause geliefert bekommen möchte.“ Viele Kunden würden ersteres bevorzugen. „Viele sind ja tagsüber gar nicht zuhause und genervt, wenn am Abend ein Abholschein für die nächste Postfiliale im Briefkasten liegt.“, Zudem sei die Lieferung in die Galeria grundsätzlich kostenlos, während die Lieferung an die Haustür erst ab einem Bestellwert von 49 Euro kostenfrei sei.

Bonus-Sterne in Partner-Geschäften

Caroline von der Groeben, Geschäftsführerin von Shopnow, ein neu gegründetes lokales Shopping-Portal, das in Berlin und Hamburg tätig ist, sieht damit die Vorzüge des Online-Handels auch für stationäre Händler noch längst nicht ausgeschöpft. So sei ihre App ein Instrument „für die gezielte Kundenansprache“, sagte sie. Ihre Kunden können beim Betreten von Partner-Geschäften Bonus-Sterne sammeln. Weitere Sterne erhalte der Nutzer, wenn er den Barcode bestimmter Produkte scanne. Wer genügend Sterne gesammelt habe, könne diese gegen Prämien eintauschen. „Gerade für kleinere Einzelhändler ist das eine gute Möglichkeit, mit seinen Kunden auch online in Kontakt zu treten und sie in ihre Läden zu holen.“

„Ich will mir von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, den Trend verschlafen zu haben“, erwiderte Möbel-Höffner-Chef Kurt Krieger. Allerdings sehe er die „Online-Euphorie“ eher kritisch. „Zuwachsraten von 100 Prozent sagen doch nicht viel aus, wenn man bei Null startet“, bemerkte der Berliner Möbel-König. Gerade Möbel wolle der Kunde in Natura sehen und anfassen, bevor er sie kaufe.

„Wir haben zum Online-Kaufverhalten der einzelnen Branchen eine Studie gemacht und waren selbst erstaunt, welche Unterschiede es gibt“, ergänzte Anne von Fallois, Hauptstadtrepräsentantin des Beratungsunternehmens Kienbaum. Während Textilien und Unterhaltungselektronik über den Online-Handel bestens zu vermarkten seien, würden nicht nur die Sortimente der Möbelhäuser, sondern auch der Baumärkte und Lebensmittelhändler online bislang deutlich weniger nachgefragt.

Lebensmittel will der Kunde selbst auswählen

Dass die Online-Vermarktung von Lebensmitteln nicht funktioniere, könne er zumindest nicht gänzlich bestätigen, meinte dazu Tobias Tuchlenski, Regionalmanager bei Kaiser’s Tengelmann. „Wir haben schon vor zehn Jahren einen Online-Lieferservice aufgebaut“, sagte Tuchlenski. Der sei so stark gewachsen, dass er inzwischen an die Beusselstraße in Moabit ausgelagert wurde, wo es genügend Platz für die Lieferfahrzeuge gebe. „Allerdings ist der Kunde in Deutschland, anders etwa als in England, so gepolt, dass er seine Lebensmittel selbst auswählen will“, räumte Tuchlenski ein. Der stationäre Verkauf bleibe deshalb ungleich wichtiger.

Heiner Kroke, Chef der momox-GmbH, die online mit gebrauchten Waren handelt und insbesondere gebrauchte Bücher aufkauft, warnte davor, sich darauf zu verlassen, dass sich die Kaufgewohnheiten auch in Zukunft nicht änderten. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch der deutsche Konsument Möbel und Lebensmittel auf elektronischem Wege ordere. „Wenn die großen Einzelhändler den Trend verschlafen, werden die reinen Online-Händler in die Lücke vorstoßen“, warnte er.

Fatale Auswirkungen für Shopping-Hauptstadt Berlin

Würde das tatsächlich passieren, hätte das nicht nur fatale Auswirkungen auf die stationär gebundenen Händler, sondern auch auf die Attraktivität der Shopping-Hauptstadt Berlin mit ihren bereits 60 Shopping- Centern (mehr als 5.000 Quadratmeter Verkaufsfläche), ergänzte Nils Busch-Petersen. Er forderte von der Politik „Chancengleichheit“. Damit spielte Busch-Petersen auf die rigiden Regelungen der Sonntags-Öffnungszeiten durch den Gesetzgeber an. „Es ist ja kein Zufall, dass ausgerechnet am Sonntag die größten Umsätze im Internet erzielt werden“, sagte er. Zudem beklagte er die „millionenschweren Subventionen“ für reine Online-Händler wie Zalando. „Der Staat verschafft diesem Wirtschaftszweig enorme Wettbewerbsvorteile und wir kämpfen um verkaufsoffene Sonntage und Mitternachtsshopping“, zürnte der Verbandschef des Berlin-Brandenburgischen Einzelhandels.

Noch sei der Einzelhandel ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern könne, betonte auch Uwe Timm, Center Manager des Europa-Centers und Vorstand der Händlergemeinschaft AG City. „Der Kunde in Deutschland und ganz besonders in Berlin fährt noch gerne in die Innenstädte zum Shoppen.“ Dass der Internethandel in den USA so groß geworden sei, liege auch daran, dass es dort in weiten Bereichen gar keine Städte mehr mit einer Innenstadt gebe, die zum Einkaufen einlade. „Wir müssen uns fragen, in was für einer Stadt wir eigentlich leben wollen“.

Ein klares Bekenntnis zum stationären Handel lieferte dann auch ganz selbstbewusst Julia Claren, Geschäftsführerin des KulturKaufhauses Dussmann an der Friedrichstraße. „Wir haben unsere Verkaufsfläche seit 1997 verdoppelt, wollen zudem noch weiter wachsen.“ In Zeiten von Online-Händlern wie Amazon, die Bücher und andere Medien ausschließlich online anbieten, setze Dussmann mit seinen 200 Mitarbeitern auf den unmittelbaren Kontakt zum Kunden. „Wir wollen Inspiration, Anregung und einen Ort zum Regenerieren bieten“, sagte Claren. Das Feedback der Kunden sei eindeutig positiv. „Gerade in Zeiten des Online-Handels wird das reale Einkaufserlebnis unverzichtbar“, ist sie überzeugt.

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