Casting

Auf der Suche nach neuen Gesichtern für RTL und Mario Barth

Foto: RTL/Sebastian Drüen / RTL / Sebastian Dr¸en

Die junge Frau starrt wütend die Wand an. Breitbeinig steht sie in dem engen Flur und fragt mit gespieltem Entsetzen: „Wie konntest du nur? Hinter meinem Rücken. Ich dachte, wir sind für immer Freundinnen!“ An diesem Nachmittag im dritten Stock des Hauses der Wirtschaft in Charlottenburg blickt man in menschliche Untiefen – gespielte. Diebstahl, Mobbing, Betrug und zerstörte Freundschaften.

Fast schon pädagogisch

Die Firma „Casting 1“ hat zum Vorspielen geladen, es geht um eine, oder gleich mehrere Rollen in der RTL2-Serie „Hilf mir! Jung, pleite und verzweifelt“. Die Serie ist Scripted Reality, ein Format, das den Anschein erwecken möchte, die Wirklichkeit zu dokumentieren, und das frei erfundene Geschichten von jungen Menschen erzählt, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.

Andreas Jentzsch und Christoph Schneider gehen nicht mehr ganz als jung durch, doch die Agentur sucht auch nach Menschen, die Gerichtsvollzieher oder Eltern spielen könnten. „Ich habe Anfang des Jahres damit angefangen, als Kleindarsteller zu arbeiten“, erzählt der 48-jährige Jentzsch. Aus finanzieller Not. „Dabei habe ich meine Leidenschaft und auch mein Talent für die Schauspielerei entdeckt.“ Er hatte bereits eine Nebenrolle bei der ProSieben-Sendung „Galileo“ und bei „Achtung Kontrolle“, ein Kabel eins-Format. po

Jetzt steht der gelernte Elektriker in einem Raum vor einer weißen Trennwand und hält vor sich ein blaues Schild mit seinem Namen darauf. Nancy von der Castingagentur gibt ihm ein Signal, das rote Licht der kleinen Kamera leuchtet. „Ich bin der Andreas, 48 Jahre jung“, beginnt er. Er erzählt, dass er gerne Bonsaibäume gestaltet und Fahrrad fährt. Dann spielen er und seine Spielpartner für diesen Tag zwei kleine Szenen. Einmal wütend, einmal traurig. Das Urteil von Nancy: „Christoph, du bist eher der Typ Gerichtsvollzieher.“

Mehr als 200 Menschen werden an diesem Tag zu dem offenen Casting kommen, schätzt der Chef der Agentur, Daniel Bachrach. Er sitzt in einer Sitzecke und erzählt, wie er für Produktionsfirmen nach neuen Gesichtern für Quizshows, Flirtserien oder auch die Show von Mario Barth sucht. 20 Streetcaster hat er, die für ihn durch die Straßen Berlins laufen und Menschen ansprechen.

„Wir suchen nach Typen“

„Wir suchen nach Typen“, sagt Bachrach, „die besonders aussehen oder eine tolle Ausstrahlung haben.“ Über die Kritik an Scripted Reality sagt er: „Es ist sehr wichtig darüber zu sprechen, aber ich würde nie etwas tun, was anderen schadet.“ Und genau genommen habe die Serie, für die an diesem Tag gecastet wird, fast schon einen pädagogischen Auftrag. „Es gibt Experten, die Tipps geben und von denen die jugendlichen Zuschauer lernen können.“ Eine Studie hat ermittelt, dass die meisten der jungen Zuschauer glauben, bei diesen Formaten würde die Realität abgebildet oder zumindest eine wahre Begebenheit erzählt. Grundlage der Studie war die RTL-Serie „Familien im Brennpunkt“.

Bei Nancy im Zimmer stehen nun Julian Ludewig und Huong Tra Duong, die sich nur Tra nennt. „Ich bin einfach der Schauspielertyp“, sagt Julian. Er ist 16 Jahre alt und nimmt einmal die Woche Schauspielunterricht. „Im Alltag bist du der normale Typ und bei der Schauspielerei kann man einfach mal ausrasten“, sagt er. Und das Geld sei natürlich auch nicht schlecht. 40 bis 120 Euro bringt ein Drehtag, je nachdem ob es eine Haupt- oder Nebenrolle ist oder nur ein Einsatz als Komparse. Leicht verdientes Geld.

Die 18-jährige Tra ist Sängerin und malt. Jetzt möchte sie auch spielen. Nancy sagt: „Du bist ein hübsches junges Mädchen. Dich können wir viel verwenden.“ Dann soll Tra erst einmal vorsingen. Es gibt Applaus für sie. Hinterher erzählt Tra, sie würde jede Rolle spielen, wenn sie nur authentisch sei. Nur ausziehen würde sie sich nicht. „Und nicht wild rumknutschen.“

In diesem Jahr möchte die Produktionsfirma noch drei Folgen von „Hilf mir! Jung, pleite und verzweifelt“ produzieren, im nächsten mindestens 28, vielleicht 48 Folgen. Dafür braucht es viele Menschen. Solche wie Sabrina Augar. Sie sitzt zwischen den anderen Bewerbern auf einem Sofa und wartet auf ihren Einsatz. Sie ist wegen des Geldes hier. „Ist besser als putzen“, sagt sie, „und mit 51 Jahren nimmt einen ja doch nicht jeder.“

Foto: Massimo Rodari