IS-Kämpfer

Wie Berliner Muslime für Terrormilizen geködert werden

Bundesweit sind mittlerweile rund 550 selbst ernannte Gotteskrieger nach Syrien oder in den Irak gereist. Etwa 80 stammen aus Berlin. Wie junge Muslime für den Dschihad angeworben werden.

Foto: Getty Images

Seine Familie hatte ihn gewarnt. Die Sicherheitsbehörden würden seine Gespräche abhören und hätten ihn im Visier, sagten seine Eltern. Doch Murat S. ignorierte ihre Warnungen. Der 40 Jahre alte Weddinger hatte genug von Syrien und genug vom „Heiligen Krieg“. Er wollte zurück nach Berlin, zurück zu seiner Frau, zurück zu seinen Kindern. Doch das Familienglück währte nicht lange. Denn am 19. September, nur einen Monat nach seiner Wiedereinreise nach Berlin, nahmen Beamte eines Spezialeinsatzkommandos Murat S. fest. Der Verdacht der Ermittler: S. kämpfte in Syrien an der Seite der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS).

Auch der Kreuzberger Fatih K. soll Kampferfahrung in Syrien gesammelt haben. Als mutmaßliches Mitglied der Terrorgruppe Junud al-Sham muss er sich bald vor Gericht verantworten. Der bekannteste Dschihadist aus Deutschland, der ebenfalls aus Kreuzberg stammende Ex-Rapper Denis Cuspert, zeigte sich erst jüngst wieder in einem Propagandavideo. In seinen Händen hielt er den abgeschlagenen Kopf eines „Ungläubigen“. „Sie haben den Islamischen Staat bekämpft“, sagte er. „Sie haben bekommen, was sie verdient haben.“

Im Verhältnis zu den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland gehören Männer wie Murat S., Fatih K. oder Denis Cuspert zu einer kleinen Minderheit. Aber die Minderheit wird größer. Bundesweit sind mittlerweile rund 550 selbst ernannte Gotteskrieger nach Syrien oder in den Irak gereist. Etwa 80 stammen aus Berlin. „Sie haben gelernt zu hassen und zu töten“, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) über die deutschen Syrienkämpfer gesagt. Wohin der Hass führen kann, zeigte sich Ende Mai, als der aus Syrien zurückgekehrte Franzose Mehdi Nemmouche den Dschihad nach Europa brachte. Im Jüdischen Museum in Brüssel holte er eine Kalaschnikow und eine Pistole hervor und tötete ein Ehepaar und zwei Museumsmitarbeiter.

Die Anwerber

Die Männer sind ausgesucht höflich. Sie tragen lange Gewänder und Vollbärte. Zwei von ihnen sind etwa Mitte zwanzig, der dritte vielleicht Mitte sechzig. Sie stehen an der Ecke Kurfürstendamm, Joachimsthaler Straße und verteilen kostenlose deutsche Übersetzungen des Koran. Sie sind Salafisten. So würden die Sicherheitsbehörden sie bezeichnen. Sie selbst sagen: „Wir sind Muslime.“ Der Begriff Salafismus sei „eine Erfindung der Medien“. Und die Muslime, die ihren Glauben weniger dogmatisch interpretieren? „Das sind Disco-Muslime“, sagt einer der Mittzwanziger. „Nehmen sie doch einen Koran mit“, empfiehlt der ältere Herr. „Da steht alles drin, was sie wissen müssen.“

Die Ideologie und die Bewegung des Salafismus spielen bei der Radikalisierung junger Menschen eine entscheidende Rolle. Lediglich vier Prozent der nach Syrien ausgereisten Islamisten seien keine Salafisten, heißt es in der Studie des Verfassungsschutzes. Natürlich will nicht jeder Salafist, der Korane verteilt, Nachwuchs für den Dschihad rekrutieren. Und natürlich wird nicht jeder Anhänger der salafistischen Ideologie zum Gotteskrieger. Ein Einfallstor für den Beginn einer Radikalisierung kann die Begegnung an einem der Lies!-Stände aber durchaus sein. Denn wer sich den Salafisten gegenüber aufgeschlossen zeigt, bekommt nicht nur einen Koran. Sondern auch einige Hinweise. Zum Beispiel, welche Moschee man einmal besuchen könnte.

Die Hetzer

Die as-Sahaba-Moschee liegt im Erdgeschoss eines Wohnhauses mitten im Wedding. In der Nachbarschaft gibt es ein Geschäft für Tierfutter, einen Laden für Bodybuilder und eine Schultheiss-Kneipe. Laut Verfassungsschutz ist das Gebetshaus ein wichtiger Treffpunkt für Salafisten. Vor allem der radikalere Teil der Szene fühlt sich hier wohl, heißt es. An der Atmosphäre kann das nicht liegen, denn der Gebetsraum ist karg bis gar nicht eingerichtet. Die weißen Wände sind schmuddelig, in den Ecken stehen ein Ventilator und ein Wasserspender, aus der Wand hängen Elektrokabel.

Auf dem roten Teppichboden sitzen rund hundert Männer. Die Neonleuchten lassen ihre Gesichter blass und fahl wirken. Viele ältere Besucher tragen Jeans und Pullover, daneben hocken jüngere Moscheegänger in Trainingsjacken und Kapuzenpulli. Der typische Salafistenlook – weites weißes Gewand, gehäkelte Mütze und Vollbart – scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Die Frauen müssen in einem Extraraum Platz nehmen. Den Prediger hören sie über Lautsprecher, sie sehen ihn aber nicht. Der Mann nennt sich Ahmad Abul Baraa und gilt als wichtiger Wortführer der Szene. Er trägt Bart, hat dunkle buschige Augenbrauen, ein weißes Gewand und auf dem Kopf ein gebunden schwarz-weiß kariertes Tuch. Seine Stimme ist klar und fest. Sein Publikum verliert er nicht aus den Augen.

In seinen Ansprachen unterteilt Ahmad Abul Baraa die Welt in gute Muslime und böse Ungläubige. „Zwischen dem Osten und dem Westen werden die Muslime erniedrigt“, schmettert er seinen Zuhörern entgegen. Nichts sei so billig wie das Blut der Muslime, sagt er – und greift damit ein unter Muslimen durchaus verbreitetes Gefühl auf, von der westlichen Welt unterjocht zu werden. Doch er hat auch eine gute Nachricht: „Allah hat uns versprochen, uns den Sieg über alle zu geben“, ruft er von seinem Holzpodest. Dann spricht er über die „tonnenschweren Bomben“ der USA, die Folterungen im US-Gefangenenlager im irakischen Abu Ghraib - und behauptet, dass die Welt sich mehr um die Gesundheit des Hundes von Barack Obama kümmere als um das Leid muslimischer Kinder. Und der Dschihad? „Wir vergießen kein Blut, einfach so“, verkündet Ahmad Abul Baraa. „Aber wenn wir das Recht haben uns zu verteidigen, und das ist der Dschihad, dann ist das unser volles Recht.“

Ahmad Abul Baraa hält seine politischen „Analysen“ wahrscheinlich für differenziert. So bezeichnet er den Kampf der al-Qaida-nahen Nusra-Front gegen syrische Regierungstruppen als „gesegneten Dschihad“. Den IS verurteilt er dagegen. Der IS würde nämlich auch Muslime „schlachten, als wären diese Schafe“. Die Gräueltaten, die IS-Kämpfer Christen oder Jesiden antun, scheinen ihn weniger zu stören. Zum Schluss sagt der selbst ernannte Islamerklärer: „Möge Allah die Feinde Allahs zerstören. Möge Allah diese Menschen am Tage der Auferstehung erniedrigen, damit jeder am Tag der Auferstehung auf ihre Köpfe tritt, damit sie wissen, wer sie sind.“

Der Schleuser

Wer Ahmad Abul Baraa nach dem Weg in den Dschihad fragt, wird nicht mehr als ein Lächeln ernten. Denn der offene Aufruf, sich einer Dschihadisten-Gruppierung anzuschließen, ist eine Straftat. Der Mann, der die USA als „wahre Terroristen“ bezeichnet, scheint das zu wissen. Die Namen derjenigen, die die Radikalisierung in Kleingruppen vorantreiben, sind allenfalls kundigen Beobachtern bekannt. Sie organisieren Treffen in Hinterhofmoscheen, selbst wenn die Vorsteher der Gemeinde ihr Treiben nicht gutheißen. Meistens agitieren sie aber in Privatwohnungen.

Das Ticket in den Dschihad lösen selbst ernannte Gotteskrieger nach Informationen der Berliner Morgenpost in einem kleinen türkischen Lebensmittelladen im Wedding. Im Kühlregal gibt es Paprikawurst, einen Gang weiter Kekse und Schokolade – und im Hinterzimmer sitzt ein etwa 35 Jahre alter Mann, der kampfwilligen Islamisten hilft, über sein Geburtsland Türkei nach Syrien zu gelangen. So vermuten es Szenebeobachter. So bestätigen es der Berliner Morgenpost, wenn auch nicht offiziell, Behördenvertreter.

Im persönlichen Gespräch ist Nidal, so soll er an dieser Stelle genannt werden, höflich und bietet dem Reporter Tee und ein zweites Frühstück an. Aus seiner Geisteshaltung macht er keinen Hehl. Auch er bezeichnet die USA als „die wahren Terroristen“. „Wenn sie sich in muslimischen Ländern einmischen, müssen sie damit rechnen, dass sie etwas abbekommen.“

Ein Schleuser zu sein, bestreitet Nidal. Alles andere wäre überraschend gewesen. Denn der Nachweis, dass er deutsche Islamisten an den IS vermittelt, würde ihn für Jahre ins Gefängnis bringen. Ob er es richtig findet, dass junge Männer aus Deutschland für den IS kämpfen? „Mir egal“, sagt Nidal, nippt an seinem Tee und widmet sich seinem Frühstück. Dann mischt sich ein älterer Herr ein und macht deutlich, dass die Unterredung zu einem Ende kommen sollte.

Die Jugendlichen

Der Studie des Verfassungsschutzes zufolge ist der typische deutsche „Gotteskrieger“ männlich und er radikalisierte sich zwischen dem 17. und 24. Lebensjahr. 14 Prozent der untersuchten Islamisten sind deutschstämmige Konvertiten, die meisten Syrienkämpfer wurden aber als Muslime geboren und kommen aus Einwandererfamilien.

Die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule in Neukölln, die an diesem Tag nach Unterrichtsschluss mit dem Reporter über den „Islamischen Staat“ und seine Unterstützer aus Deutschland sprechen, entsprechen diesen Kriterien ziemlich exakt. Doch die Faszination für den „Heiligen Krieg“ ist kein Massenphänomen – das wird bei dem Besuch deutlich. Im Gegenteil: „Töten im Islam ist verboten“, sagt der 16 Jahre alte Haris. Seine Mitschüler nicken. Für die Gräueltaten, mit denen die Schlächter des IS die Welt in Atem halten, äußert keiner auch nur annähernd Verständnis. „Die nennen sich zwar „Islamischer Staat“, sagt der ebenfalls 16 Jahre alte Emre. „Aber das sind Verbrecher und Terroristen“. Der 18-jährige Hasan guckt traurig und sagt: „Es ist für uns schwer zu ertragen, dass diese Mörder sich Muslime nennen.“