Berliner Bildungsreform

Gesellschaftswissenschaften - Aus drei Fächern wird eines

Ab dem Schuljahr 2016/17 werden die Schüler in Berlin und Brandenburg nach einem neuen Lehrplan unterrichtet. Großen Wert wird dabei auf die Vernetzung der Fächer gelegt.

Foto: Jakob Hoff

Vom Schuljahr 2016/17 an werden die Schüler in Berlin und Bandenburg nach einem neuen Lehrplan unterrichtet. Oberstes Ziel der Planer ist es, dass die Kinder besser sprechen, lesen und verstehen lernen. Auch mit dem Computer und anderen neuen Medien sollen sie besser umgehen können. Großen Wert wird außerdem auf die Vernetzung der einzelnen Fächer gelegt.

Statt wie bisher 68 Fachlehrpläne wird es künftig nur noch 28 Fachpläne geben und zwölf weitere für den Erwerb verschiedener Fremdsprachen. Die Lehrpläne für die einzelnen Fächer sind außerdem "verschlankt" worden. Die Schüler sollen weniger Wissen pauken müssen, dafür sollen sie lernen, wie und wo sie sich Wissen selbst aneignen können. Im folgenden einige Beispiele für geplante Veränderungen.

Gesellschaftswissenschaften: Für die Kinder der Klassen fünf und sechs wird es ein neues Unterrichtsfach geben – das Fach Gesellschaftswissenschaften, das die bisherigen Fächer Geografie, Geschichte und Sozialkunde oder politische Bildung umfasst. Unterrichtet wird themenorientiert, das heißt, die Themen werden fachübergreifend aus unterschiedlichen Perspektiven behandelt und so globale Zusammenhänger deutlicher gemacht.

Die Stundenanzahl bleibt gleich: Wo Schüler bisher pro Woche eine Stunde Geografie, eine Stunde Geschichte und eine Stunde Sozialkunde hatten, sollen künftig drei Unterrichtsstunden Gesellschaftswissenschaften im Stundenplan stehen. Das Thema Migration zum Beispiel wird politisch behandelt, indem die Schüler über die Situation in Berlin sprechen, geografisch, indem sie lernen, aus welchen Ländern die Menschen kommen, und historisch, indem sie etwa von Migrationsbewegungen in der Vergangenheit erfahren.

Themen statt Epochen

Geschichte: in den Klassen 7-10 ist Geschichte ein eigenständiges Fach. In Klasse 7/8 ist der Unterrichtet themenorientiert. Dabei müssen mindestens drei Epochen, am Gymnasium mindestens fünf Epochen behandelt werden. In Klasse 9/10 folgt der Unterricht der traditionellen Chronologie. Es gibt sechs Themenkomplexe: Wege und Umwege in die Moderne; Demokratie und Diktatur; Konflikte und Lösungen; Deutschland auf dem Weg zur Freiheit (Nationalsozialismus, DDR-Geschichte); Europa in der Welt; globale Konflikte.

In Chemie wird der Lehrplan entschlackt. So werden zum Beispiel das Element Schwefel mit seinen Eigenschaften und Reaktionen sowie die Elementfamilie der Edelgase, die bisher in eigenen Themenfeldern ausgewiesen wurden, übergreifend im Themenfeld "Das Periodensystem der Elemente – ein Werkzeug des Chemikers" behandelt.

In Biologie werden die eng verknüpften Themen Ernährung und Verdauung, Atmung, Blut und Kreislauf zu einem Themenfeld zusammengefasst.

Physik: Fachübergreifende Inhalte werden zukünftig nur in einem Fach verpflichtend verortet. So wurden bisher Kältemischungen in Physik und Chemie behandelt. Im neuen Rahmenlehrplan werden Kältemischungen im Fach Chemie aufgeführt, denn diese Mischungen bestehen aus chemischen Verbindungen, den Salzen. Dieser Inhalt findet sich deshalb im Themenfeld "Salze – Gegensätze ziehen sich an". Auch das Kern-Hülle-Modell des Atoms wird im neuen Rahmenlehrplan nur im Fach Chemie unterrichtet. Damit gibt es im Fach Physik weniger Inhalte und mehr Zeit, die einzelnen Themen umfassend zu behandeln.

Der Entwurf des neuen Rahmenlehrplans kann jetzt bis Ende März diskutiert werden. Lehrer, Schulleiter, Eltern und Schüler sollen ihre Meinung dazu sagen und Verbesserungsvorschläge machen. Das Planwerk ist im Internet einsehbar, dort können Interessierte auch ihren Kommentar abgeben.

Lehrer sehen fundiertes Wissen in Gefahr

Der Verband der Geschichtslehrer hat bereits im Vorfeld kritisiert, für eine fundierte Vermittlung historischen Wissens bleibe mit der Neuregelung kein Platz. Gunilla Neukirchen, Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Schulleiter, äußert sich jetzt ebenfalls kritisch zum Rahmenplan Geschichte. "Wir laufen Gefahr, in diesem Fachgebiet ins Anekdotische abzugleiten, wenn in den Jahrgangsstufen 5/6 historische Zusammenhänge eher schmückendes Beiwerk ist, da eine vertiefte Auseinandersetzung allein aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden kann." Oder wenn in den Jahrgangsstufen 7/8 die historische Auseinandersetzung mit den verpflichtenden Themen Migration und Armut höher gehalten werde als die zu Wahlthemen gemachten Fragen von Krieg und Frieden, der Weg zur modernen Demokratie oder die Auseinandersetzung mit Weltbildern, sagt sie.

Als positiv bezeichnet Neukirchen, dass der neue Rahmenlehrplan acht Niveaustufen definiert (von A bis H), in die die Schüler entsprechend ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten eingruppiert werden können. "Das ist ein sinnvoller Ansatz, um in heterogenen Lerngruppen zu arbeiten", sagt sie. Entscheidend werde aber sein, wie mit den Standards in Bezug auf die Unterrichtsgestaltung und die Leistungsbewertung umgegangen werden soll.

Laut Bildungsverwaltung macht der Rahmenlehrplan keine Vorgaben für die Benotung. Diese muss durch Rechtsverordnungen geregelt werden und zwar auf Grundlage der Standards, die für alle Schüler im Rahmenlehrplan festgelegt worden sind. Das kann aber erst passieren, wenn das Planwerk endgültig beschlossen worden ist.

Paul Schuknecht, Schulleiter der Friedensburg-Sekundarschule in Charlottenburg, hält vor allem die angestrebte Vernetzung der verschiedenen Unterrichtsfächer für sinnvoll. "Wir brauchen nicht mehr für jedes Gebiet ein Unterrichtsfach", sagt er. Der Fächerkanon aus dem 19. Jahrhundert sei längst überholt.

Schuknecht betont allerdings, dass die Schulen einen großen Freiraum brauchen, um aus den im neuen Rahmenlehrplan vorgegebenen Zielen und Standards ein Curriculum zu entwickeln, dass der spezifischen Situation jeder Einrichtung Rechnung trägt.

Die Schulleiterin der Hermann-Sander-Grundschule in Neukölln, Rita Schlede, begrüßt, dass künftig über alle Fächer hinweg Sprachbildung und Medienkompetenz eine Rolle spielen sollen. "Für die Bildungskarriere der Schüler ist das von größter Bedeutung", sagt sie.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) betont, dass Sprach- und Medienkompetenz die Grundlagen bilden, um am gesellschaftlichen Leben aktiv teilnehmen zu können."Wer in der Lage ist, Fachtexte zu lesen und zu verstehen, Vorträge zu halten und sich mündlich und schriftlich zusammenhängend auszudrücken, der kann sich neue Wissenswelten, die über die unmittelbare Erfahrung hinausgehen, erschließen und an gesellschaftlichen Diskussionen konstruktiv teilnehmen", so Scheeres.

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