Nahverkehr

Mitfahren in Überlänge – BVG nimmt 17 neue Busse in Betrieb

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Thomas Fülling

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Die Berliner Verkehrsbetriebe stocken ihre Bus-Flotte auf: Die ersten Scania-Gelenkbusse sind jetzt im Linienbetrieb unterwegs. Ein neuer Doppeldecker und Elektrobusse werden ab Januar 2015 getestet.

Die Berliner Busflotte hat Zuwachs bekommen. Nach mehrmonatiger Erprobung setzen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihren neuen Gelenkbus jetzt erstmals auch im regulären Fahrgastbetrieb ein. Die Busse sorgen in den derzeit trüben Novembertagen im wahrsten Sinne des Wortes für Aufsehen – sind sie doch mit modernen Scheinwerfern sowie hell leuchtenden Zielrichtungsanzeigen ausgestattet.

Laut BVG-Sprecher Markus Falkner sind bereits 17 Busse des neuen Typs Scania Citywide im Linienverkehr unterwegs, zunächst vor allem auf den Linien M49 (Heerstraße–Bahnhof Zoologischer Garten) und X9 (Flughafen Tegel–Bahnhof Zoologischer Garten).

Bis zum Jahresende sollen 35 neue Gelenkbusse auf Berlins Straßen unterwegs sein und vor allem das Platzangebot auf stark nachgefragten Linien verbessern.

Platz für bis zu 99 Fahrgäste

Nach einer europaweiten Ausschreibung bestellten die landeseigenen Verkehrsbetriebe Ende vorigen Jahres bei Scania AB insgesamt 156 Niederflur-Gelenkbusse vom Typ Citywide. Der Auftrag hat laut BVG ein Gesamtvolumen von 50,7 Millionen Euro. Montiert werden die Busse des schwedischen Traditionsunternehmens, das inzwischen fast vollständig dem VW-Konzern gehört, allerdings nicht in Skandinavien, sondern in dessen Werk im nordpolnischen Słupsk (Stolp). Einige Komponenten sollen aber aus Schweden zugeliefert werden.

Die 18 Meter langen Gelenkbusse, von Berlinern gern auch als Schlenkis bezeichnet, gelten wegen ihrer hohen Platzkapazität als die „Lastesel“ der BVG-Bussparte. Anders als die Doppeldecker, deren Einsatzradius durch die jeweiligen Durchfahrtshöhen der Brücken eingeschränkt wird, können sie fast im gesamten Stadtgebiet ungehindert fahren. So setzt die BVG auch auf den stark frequentierten TXL-Linien zum Flughafen Tegel vornehmlich Schlenkis ein.

Die neuen, voll klimatisierten Scania-Gelenkbusse bieten Platz für bis zu 99 Fahrgäste – etwas weniger als die aktuellen Schlenkis von den Herstellern Mercedes, MAN und Solaris. Auch eine Folge des im Vergleich zu den Vorgängern deutlich größeren Multifunktionsbereiches, der für Kinderwagen oder Rollstühle vorgesehen ist. Generell soll sich der Komfort für mobilitätseingeschränkte Fahrgäste erhöhen.

Kritik von Rollstuhlfahrern am Bustyp

Bei Behinderten stößt der neue Bustyp dennoch auf Kritik, weil er zugunsten von mehr Sitzplätzen nur noch an der Mitteltür über eine Klapprampe für Rollstuhlfahrer verfügt. Die bei den Vorgängern eingebaute zweite Rampe an der Fahrertür entfällt. Nach Ansicht der BVG reicht ein rollstuhlgerechter Zugang aus.

Zudem konnten so zusätzliche Sitzplätze im vorderen Busbereich gewonnen werden. „Wir haben in Berlin immer mehr ältere und sehbehinderte Fahrgäste und die wollen vor allem im Eingangsbereich sitzen“, sagte BVG-Sprecher Falkner.

In Sachen Sicherheit setzen die Verkehrsbetriebe auf eine moderne Innenraumüberwachung. Die eingebauten Videokameras übertragen im Alarmfall in Echtzeit Bilder in die BVG-Sicherheitszentrale und sollen so ein schnelleres Eingreifen der Polizei ermöglichen. Bei den Vorgängermodellen werden die Kamerabilder meist nur aufgezeichnet und können bei Zwischenfällen erst nachträglich ausgewertet werden.

Elektrobusse kommen Sommer 2015

In ersten Reaktionen loben Fahrgäste das moderne Design des neuen Busses. Kritisiert wird jedoch unter anderem, dass sich wiederholt die hintere dritte Tür trotz Anforderung per Knopfdruck nicht öffnete. Laut Sprecher Falkner könnte nach so kurzer Einsatzzeit von der BVG noch keine generelle Einschätzung zur Alltagstauglichkeit der neuen Busse getroffen werden.

Der Scania-Schlenki ist nur eine von mehreren Neuheiten, die die BVG zur Modernisierung ihrer aus gut 1300 Fahrzeugen bestehenden Busflotte geordert hat. Anfang des nächsten Jahres, und damit etwas später als ursprünglich geplant, soll der erste Bus einer neuen Generation der kleineren Zwölf-Meter-Busse in Berlin eintreffen. Die BVG hat beim holländischen Hersteller VDL Bus&Coach insgesamt 236 Fahrzeuge bestellt – Kostenpunkt insgesamt 60,8 Millionen Euro. Die in Leichtbauweise gefertigten Busse sollen durch ein geringeres Eigengewicht im Vergleich zu ihren Vorgängern rund 20 Prozent weniger Kraftstoff verbrauchen und bis zu 95 Prozent weniger Stickoxide ausstoßen.

Noch umweltfreundlicher werden die Elektrobusse sein, die die BVG ab Sommer 2015 auf der Linie 204 erproben will. Ein Jahr lang sollen die Busse, die über Induktionsplatten an den Haltestellen berührungsfrei aufgeladen werden, zwischen den Bahnhöfen Zoo und Südkreuz fahren.

Panoramadach und USB-Anschluss

Mitte Januar wird auch ein neuer Doppeldeckerbus zum Test in Berlin erwartet. Der gleichfalls von Scania gebaute zweiachsige Bus ist kürzer und damit wendiger als die aktuell in Berlin eingesetzten 415 Dreiachser von MAN.

In einer zwölfmonatigen Testphase soll geprüft werden, ob sich das Fahrzeug im anspruchsvollen Berliner Alltag bewährt und ob es eine sinnvolle Ergänzung zur bestehenden BVG-Busflotte sein kann. Der „kleine Gelbe“ von Scania ist ein Prototyp, der mit zahlreichen technischen Neuerungen aufwartet. Dazu gehören etwa USB-Anschlüsse und ein Panoramadach im Frontbereich des Oberdecks.

Wie berichtet planen die landeseigenen Verkehrsbetriebe im Jahr 2015 weitere Tests, etwa mit einem bis zu 23 Meter langen Bus mit Anhänger. Die Münchener Verkehrsgesellschaft setzt diese sogenannten Buszüge seit einem Jahr auf stark frequentierten Linien ein.

Der Anhängerbus bietet Platz für bis zu 133 Fahrgäste, ein Drittel mehr als ein normaler Gelenkbus. In nachfrageschwachen Zeiten kann zudem der Anhänger vom Bus abgekoppelt werden, was Kosten sparen soll. Bis zu 25 Meter lange Doppelgelenkbusse, wie sie etwa in Aachen und Hamburg fahren, will die BVG wegen ihrer nicht gerade leichten Handhabung im engen Berliner Straßennetz vorerst nicht testen.