Hygiene

Krankenhauskeime - Wie das Risiko einer Infektion steigt

Wie gehen Kliniken mit resistenten Keimen und Hygiene um? In der Virchow Klinik der Charité arbeitete unser Autor Benedict Wermter zwölf Tage als Praktikant in der Krankenpflege. Eine Recherche.

Foto: imago/Sabine Gudath / IMAGO

Vor der Stationsküche sehe ich Maria Müller*. Sie steht am Kaffeetisch und schenkt sich Kakao ein. Müller ist Patientin der Charité, sie hat einen multiresistenten Keim. Patienten wie sie werden eigentlich auf ihrem Zimmer isoliert und dürfen nur in Begleitung von Krankenschwestern heraus. Bei Frau Müller ist niemand. Sie benutzt auch die Behindertentoilette auf dem Gang. Nachts, erzählen die Schwestern, sei sie oft stundenlang im ganzen Haus unterwegs.

Bis zu 15.000 Menschen sterben nach offiziellen Zahlen jährlich in deutschen Krankenhäusern an vermeidbaren Infektionen. Tatsächlich sind es viel mehr, haben Recherchen der Wochenzeitung „Die Zeit“, „Zeit Online“, des Rechercheteams „Correctiv“ und der Funke-Mediengruppe, in der auch die Berliner Morgenpost erscheint, ergeben. Als verdeckter Reporter bin ich zwölf Tage lang auf der Gastroenterologie der Charité in Wedding unterwegs. Auf dieser Station liegen vor allem Patienten mit Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts oder der Leber. Ich will herausfinden, wie die hygienische Versorgung im größten Universitätsklinikum Europas funktioniert.

„Schutzkleidung mal so, mal so“

Ich hatte mich als Praktikant beworben und kann sofort anfangen. Offenbar brauche ich keine Einweisung in Pflege und Hygiene. Auf meiner Station spiele ich den tollpatschigen Spätzünder, der um einen Ausbildungsplatz in der Krankenpflege kämpft. Knapp drei Wochen später werte ich aus, was ich erlebt habe. Ich habe verkeimte Patienten auf der Station herumlaufen sehen. Das Personal hat sich und andere nicht immer vor resistenten Erregern geschützt. Viele der Kollegen wirkten im Arbeitsalltag überfordert. Gleichzeitig habe ich Besucher und Patienten oft schlecht informiert erlebt. Viele infizierte Patienten habe ich auf die Keime angesprochen. Die meisten hatten keine Ahnung oder verdrängten das Problem. Die Charité antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf eine detaillierte Anfrage.

Den ersten Montagmorgen beginne ich um 6.30 Uhr im Schwesternzimmer, meine erste Morgenbesprechung. Worte wie Teerstuhl oder Sammelurin geben einen Ausblick auf die kommenden zwölf Frühschichten. Meine größte Sorge sind die offenen Wunden. An den kommenden Tagen teile ich bis 14 Uhr Essen aus und fülle hunderte Spritzen, Kanülen und Katheter in passende Behälter. Dazu messe ich Blutzucker und Vitalwerte wie Druck und Puls. Die ganze Zeit arbeite ich unkontrolliert in direktem Kontakt mit den Patienten. Auch mit den Keimpatienten in den sieben isolierten Zimmern.

In der ersten Woche lerne ich ein türkischstämmiges Ehepaar kennen. Der Mann trägt einen multiresistenten Keim auf der Haut. Aus der Morgenbesprechung weiß ich: Seine Frau übernachtet mit ihm im isolierten Zimmer. Die beiden laufen oft an mir vorbei zum Kaffeetisch – ohne sich die Hände zu desinfizieren. Ich frage ihn, welchen Erreger er hat. Er weiß es nicht.

Die meisten isolierten Patienten bekommen wie er Besuch von Angehörigen, die sich eigentlich vor dem Eintritt in die Isolation beim Personal melden müssen. Nicht ein einziges Mal beobachte ich so eine Meldung. An die Besucher sollen auch Informationszettel zu den Keimen ausgeteilt werden. Die Flyer warten dutzendfach in einem Hygieneordner auf ihren Einsatz.

Es ist Donnerstag, Tag vier. Während des Frühstücks spreche ich die Schwestern auf die Keime an. Eine erzählt mir, dass sich kleinere Kliniken und Reha-Zentren isolierte Räume nicht leisten könnten und die Problematik einfach ignorierten. Doch auch auf meiner Station reden die Schwestern nicht gerne über die Keime, obwohl es verpflichtende Hygienefortbildungen gibt. Das Problem wird tabuisiert, dabei müsste es ein Dauerthema sein. Nach Schätzungen infiziert sich in deutschen Krankenhäusern mindestens eine halbe Million Menschen jedes Jahr mit Keimen.

Fachleute sagen, darunter sind Tausende Patienten mit multiresistenten Erregern. Viele dieser Infektionen wären durch ganz einfache Dinge vermeidbar: eine regelmäßige und gründliche Reinigung und Desinfektion der Zimmer beispielsweise, und eine Isolation von infizierten Patienten. Multiresistente Erreger geraten häufig durch offene Wunden, einen Katheter oder eine Operation in die Blutbahn. Sind die Keime im Blut, ist der Patient infiziert.

Fünfzig Stunden ohne Hygieneeinführung

Nach sechs Tagen bekomme ich den etwa 100 Seiten dicken Hygieneordner zur Ansicht. Da habe ich schon fünfzig Stunden ohne Hygieneeinführung direkt mit Patienten gearbeitet. Ich lerne: Bei direktem Kontakt mit isolierten Patienten und bei Kontakt mit seiner „unmittelbaren Umgebung“ muss das Personal Schutzkleidung tragen, Kittel und Handschuhe. Das gilt auch für die Besucher. Die unmittelbare Umgebung ist alles, was der Patient vom Bett aus erreichen kann. Den Mund-Nasenschutz müssen wir tragen, wenn wir mit einer „möglichen Kontamination“ rechnen müssen, zum Beispiel bei niesenden Patienten. Oder wenn der Patient selbst vor unseren Keimen geschützt werden muss. Die unmittelbare Umgebung des isolierten Patienten muss täglich mit Desinfektionsmitteln gereinigt werden.

Wenig später stehe ich mit Mundschutz, Kittel und Handschuhen vor Jochen Schmidt*. Er liegt in einem isolierten Zimmer. Schmidt sagt, er habe sich bei einer Herztransplantation in der Charité mit MRSA infiziert, dem bekanntesten multiresistenten Keim. Er muss Immunsuppressiva nehmen, die sein Abwehrsystem ausschalten und dem Körper helfen, das neue Herz zu akzeptieren. Schmidt ist extrem schwach und anfällig für neue Keime. Während unserer Unterhaltung betritt eine Schwester das isolierte Zimmer – ohne Mundschutz, ohne Schutzkleidung.

Schmidt beschwert sich. „Niemand hat mir erklärt, was das für Keime sind. Jetzt habe ich mehrere Keime, aber ich weiß überhaupt nicht Bescheid.“ Das Personal halte sich überhaupt nicht an die Vorschriften. „Wenn jemand das Zimmer betritt, ist die Schutzkleidung mal so, mal so.“ Ich sei der Einzige, der immer den Mundschutz trage. Eine Schwester sagt mir, ich solle mich erst um die Keime kümmern, wenn ich die Berufswahl getroffen habe. Es kämen so schnell so viele neue Erreger hinzu, dass niemand genau wisse, was gerade los ist.

In der zweiten Woche wird eine Patientin von einigen Krankenschwestern wie eine alte Freundin begrüßt. Küsschen links, Küsschen rechts. Sie kennt sich im Arbeitsraum der Schwestern aus und weiß, in welchem Schrank die besten Pflaster liegen. Später stelle ich fest, dass auch sie isoliert wird. Sie winkt ab, als ich sie darauf anspreche. Nicht so wichtig. Immer wieder erwische ich in diesen Tagen auch Maria Müller, die Kakao trinkende Keimpatientin. Mit weißem Turban, eingefallenen Augen und Bademantel schleicht sie über den Gang. Sie erzählt von Drogen, Krebs, Leberproblemen und Diabetes.

In einem Abszess unter der Gürtellinie hat sie den ansteckenden, multiresistenten Keim VRE. Müller geht in einen unserer Arbeitsräume und legt ihren Bademantel auf den Kopierer. Vom Stapel auf dem Gang nimmt sie sich frische Wäsche. Dann sitzt sie auf den Holzstühlen im Eingang der Station und hangelt sich auf dem Rückweg in ihr Zimmer am Geländer auf dem Gang entlang. All das, ohne sich die Hände zu desinfizieren. Schutzkleidung trägt sie ohnehin nicht. In ihrem isolierten Zimmer stapeln sich am Bett Bücher und Süßigkeiten. Die Putzfrau sehe ich dort immer nur den Boden schrubben.

Zeitdruck und Bequemlichkeit

Die Bilder der vergangenen Tage folgen mir, wenn ich jeden Nachmittag nach der Schicht in unser Recherchebüro gehe, um meine Erlebnisse aufzuschreiben und mit den Kollegen zu diskutieren: Die Auszubildende, die mir das Blutzuckermessen erklärt, trägt selbst keine Handschuhe. Sie desinfiziert weder ihre Hände, noch das Gerät. Andere Schwestern desinfizieren sich nicht die Hände, bevor sie Patienten aus dem Bett helfen. Eine Auszubildende sagt: „Wir müssen uns vor jedem isolierten Zimmer den Schutz anziehen. Manche machen das und manche nicht. Das ist das Problem.“

Erst jetzt, gegen Ende meiner Zeit als Hilfspfleger, erklären mir die Schwestern wichtige Hygieneregeln: „Die Manschette vom Blutdruckmesser, die dem Patienten um den Arm gebunden wird, sollte man gelegentlich desinfizieren. Solche Gegenstände darf man nicht auf das Bett der Patienten legen.“ In den zwölf Tagen hat mir jedoch niemand gezeigt, wie ich mich zu desinfizieren habe.

„Ich würde die ins Zimmer sperren“, sagt eine Schwesternschülerin. Das ist schnell gesagt. Aber ein Krankenhaus ist kein Gefängnis. Niemand darf die Patienten so einfach ihrer Freiheit berauben. Als ich die Station verlasse, bleibt bei mir das Gefühl zurück, dass viel zusammenspielt bei der Frage, wie im Krankenhaus mit multiresistenten Keimen und der Hygiene umgegangen wird: Zeitdruck, Routine, Bequemlichkeit. Und dass die Unsicherheit noch immer groß ist, wie man es richtig macht.

* Namen von der Redaktion geändert

Eine Serie der Wochenzeitung „Die Zeit“, „Zeit Online“, des Recherchebüros „Correctiv“ und der Funke-Mediengruppe, in der auch die Berliner Morgenpost erscheint. Die ganze Reportage der Recherche können Sie unter correctiv.org als kostenfreies eBook herunterladen.