Design

Zwei Berlinerinnen wollen mit Algen die Modewelt verändern

Die beiden Berliner Designerinnen Rasa Weber und Essi-Johanna Glomb stellen in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut aus getrockneten und pulverisierten Algen Farben her.

Foto: Massimo Rodari

Sie sind glitschig, vermehren sich schnell und stinken an heißen Sommertagen zum Himmel. Das Image von Algen ist nicht gerade positiv. Doch die negative Wahrnehmung ist im Wandel.

Algen könnte dank eines Designprojektes zweier Berliner Nachwuchsgestalterinnen jetzt auch die Mode- und Möbelwelt nachhaltig verändern. Denn die eiweißreichen Mikroorganismen stehen nicht nur als Lieferanten von Nährstoffen und Antioxidantien im Fokus der Forschung für Ernährung und Pharmazie. Mikroalgen bieten auch bislang ungeahnte Möglichkeiten in der Gestaltung, die lebendiger kaum sein könnte.

Rasa Weber und Essi-Johanna Glomb – gemeinsam sind sie das Designstudio „Blond & Bieber“ – haben in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Mikroalgen eine „biodynamische“ Farbpalette entwickelt. Aus getrockneten und pulverisierten Algen wie etwa Spirulina platensis – bekannt als Blaualge – stellt das Designerduo Farben her.

Sie werden mit einer dafür eigens entworfenen analogen Druckwalze direkt über die am Boden liegenden Stoff- oder Lederbahnen aufgetragen. Clou dieser außergewöhnlichen Handarbeit: Die Farbtöne verändern sich. Werden die Stoffe nach dem Druck mit den Naturfarben ohne Fixierung dem Sonnenlicht ausgesetzt, beginnt ein spannender Prozess: „Aus warmen Grüntönen wird Blau, Rosa wandelt sich in Rot und der im Druck knallgrüne Farbton wechselt in ein pastellfarbenes Gelb“, erläutert Essi-Johanna Glomb das einmalige Wechselspiel der Farben, die nach der Wandlung den jeweiligen Ton behalten.

Weiteres Plus: Den Rohstoff Alge gibt es in Hülle und Fülle, die Vielfalt des Farbenspektrums ebenfalls. Denn, so Essi-Johanna Glomb, „wer denkt, eine Alge ist eine Alge und ist grün, der irrt“.

Mehrfach ausgezeichnet

„Algaemy“ nennen Glomb und Weber ihr farbenfrohes Projekt, über das bereits amerikanische und chinesische Designplattformen berichteten und für das die Studentinnen mehrfach ausgezeichnet wurden. So wurde „Algaemy“ Mitte November mit dem vom Bundesumweltministerium geförderten Bundespreis „ecodesign“ in der Sparte Nachwuchs geehrt. Das in Tempelhof in einem alten Industriebau ansässige Studio ist auch für den Deutschen Designpreis 2015 nominiert. Und Anfang Dezember wird eine Installation von „Blond & Bieber“ im New Yorker Headquarter von „microsoft“ im Rahmen einer Schau von „Bio-Couture“ präsentiert.

Der Name „Algaemy“ sei ein Wortspiel, eine Kreation aus zwei Wörtern, erklärt Essi-Johanna Glomb. Das englische Algae steht für die Alge, den wichtigsten Rohstoff des neuen Designkonzeptes. Die letzte Silbe erinnert an Alchemy (deutsch: Alchemie) – „in Anlehnung an unsere Arbeitsweise, bei der es uns im Wesentlichen um das Experimentieren mit Materialien geht“, sagt Glomb. Und Rasa Weber ergänzt: „Unser Ziel ist ja nicht, ein Ding zu entwerfen, sondern Konzepte zu entwickeln, mit denen dann später verschiedene Dinge gestaltet werden können.“

Beispielsweise Kleider, Schuhe oder Möbel. Ersteres gibt es unterdessen. In Kooperation mit dem Berliner Schuhlabel „Trippen“ ist eine Kollektion von Damen- und Herrenschuhen entstanden. Zusammen mit der Berliner Modedesignerin Ylenia Gortana gibt es zudem erste mit Algenfarben bedruckte Blusen, Röcke und Kleider, die auf der Fashionweek für Aufmerksamkeit sorgten. „Doch Mode ist kurzlebig“, sagt Rasa Weber. Und so sucht die 24 Jahre alte Studentin für Produktdesign mit ihrer Geschäftspartnerin Glomb, die Textil- und Flächendesign studiert, derzeit Möglichkeiten, ihr „Algaemy-Konzept“ auch im Designbereich von Möbeln einzusetzen. Das sei allerdings noch nicht spruchreif.

Nicht in der Öko-Schublade

„Wir wollen nicht in die Öko-Schublade gesteckt werden, nur weil wir nachhaltig über Ressourcen nachdenken, denn wir streben natürlich auch eine Ästhetisierung der Dinge an“, sagt Essi-Johanna Glomb. „Nachhaltiges Design ist für unsere Generation sowieso selbstverständlich und als Gedanke eine Grundvoraussetzung“, so Weber. Von der Ästhetik her grenzen sich die beiden von der „oft coolen und sterilen Art“ zeitgenössischen Designs ab. „Es muss nicht alles glatt aussehen, wir streben auch eine Art Wärme an“, sagt Glomb.

Anders als „Algaemy“, steht der Studioname „Blond & Bieber“ für eine Seite der Designerinnen, die in ihrer Wahrnehmung als experimentierfreudige Gestalterinnen dank vieler Preise und Ausstellungen möglicherweise eher untergeht. „Wir haben beide Humor und nehmen uns nicht nur ernst“, sagt Glomb.

Kennengelernt haben sich die angehenden Designerinnen gleich zu Beginn ihres Studiums 2010 in einem interdisziplinären Seminar an der Kunsthochschule Weißensee, bei dem es auch um Pflanzen ging. Mit Design selbst kamen beide schon in ihrer Kindheit in Berührung. „Ich bin quasi in Aalto-Möbeln aufgewachsen“, sagt Essi-Johanna Glomb. Alvar Aalto (1898–1976) ist einer der bedeutendsten finnischen Architekten und Designer. Als Tochter eines Finnen und einer Deutschen – beide Ingenieure – verbrachte sie viel Zeit in Finnland, „wo ein starkes Designbewusstsein herrscht und wo es eine besondere Textiltradition gibt“.

Früher ein Spielzeug

Auch Rasa Weber, Tochter einer Schauspielerin, spielte schon als Kind bei ihrem Großvater, der als freier Bildhauer arbeitete, besonders gern mit der beweglichen Lehne seiner Sessel von Kaare Klint (1888–1954), der als Vater der dänischen Moderne gilt. Dass sie quasi Designikonen als Spielzeug nutzte, realisierte die mittlerweile 24-Jährige erst Jahre später. Heute haben die Klassiker einen Ehrenplatz in ihrem Studio.

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