Urteil

Fußgängerin tödlich erfasst - 70-Jähriger muss ins Gefängnis

Ein 70 Jahre alter Autofahrer, der eine Frau beim Linksabbiegen tödlich verletzt hat, soll wegen fahrlässiger Tötung für ein Jahr hinter Gitter. Das urteilte das Berliner Amtsgericht.

Tödliche Verkehrsunfälle enden vor Gericht für den Angeklagten meist mit Geld- oder Bewährungsstrafen. Ein Moabiter Verkehrsgericht entschied am Mittwoch anders: Der Richter und die beiden Schöffen verurteilten einen 70 Jahre alten Mann, der eine Frau mit seinem Auto tödlich verletzte, zu einem Jahr Gefängnis – ohne Bewährung.

Wolf T. war am 2. Februar dieses Jahres gegen 9.40 Uhr mit seiner Limousine Citroën 5 im Lichtenberger Ortsteil Rummelsburg links abgebogen. Dabei hatte er Fußgänger übersehen, die ebenfalls Grün hatten und die Straße überqueren wollten. T. erfasste mit seinem Auto frontal eine Frau. Die 42-Jährige erlitt bei dem Aufprall schwerste Kopfverletzungen und starb fünf Tage später im Berliner Unfallkrankenhaus (UKB). Eine zweite Frau, die mit zwei Kindern unterwegs war, wäre beinahe auch noch angefahren worden. Sie brach kurz nach dem Unfall in einer Kindereinrichtung zusammen. „Ich verspürte den Fahrtwind“, erklärte sie später bei der Verkehrspolizei, „dann hörte ich den Aufprall.“

Trockene Straße, gute Sicht

Wolf T. besitzt seit 1962 den Führerschein und beschrieb sich vor Gericht als einen Autofahrer, der „bis zum Unfall eher zügig“ angefahren sei. Die Fußgängerinnen habe er am 2. Februar „erst unmittelbar vor dem Aufprall“ wahrgenommen. Er trage die Verantwortung. Erklären könne er sich den Unfall nicht, so der Rentner, der als Diplom-Ingenieur gearbeitet hat. Möglicherweise habe es an der tief stehenden Sonne gelegen, „oder ich hatte einen Blackout“.

Ein technischer Sachverständiger schätzte die Geschwindigkeit vor dem Aufprall auf etwa 25 Stundenkilometer ein. Die Straße sei trocken gewesen, es hätten gute Lichtverhältnisse geherrscht. Sein Fazit: „Dieser Unfall hätte vermieden können.“

Wolf T. war nie als Raser aufgefallen. Er hat keine Vorstrafen. Und in seinem Verkehrsregister gab es auch nur einen Eintrag: Im Juni 2013 hatte er bei einer Ortsteinfahrt einer Motorradfahrerin die Vorfahrt genommen. Dafür musste er 120 Euro Bußgeld zahlen.

Der Staatsanwalt sah dennoch keine Möglichkeit für eine Bewährungsstrafe. Er forderte für Wolf T. anderthalb Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung und begründete das mit „den katastrophalen Folgen für die Angehörigen des Opfers“. Ihr Ehemann, die beiden Kinder und auch ihre Eltern würden „noch sehr, sehr lange leiden“. Wolf T.s Verteidigerin sprach von einem „Augenblicksversagen“ und plädierte für eine Geldstrafe.

„Sie hätten durchaus auch drei oder vier Menschen töten können“

Das Verkehrsgericht sah jedoch – wie schon der Staatsanwalt – keine Möglichkeit für eine Strafaussetzung zur Bewährung. „Sie kannten die Strecke, Ihnen musste klar sein, dass die Fußgänger Grün haben“, sagte der Vorsitzende Richter zum Angeklagten. „Und wenn ich nichts sehe, darf ich nicht fahren. Sie hätten in dieser Situation durchaus auch drei oder vier Menschen töten können.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. T. wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Berufung gehen. Und es bleibt abzuwarten, ob diese ohne Bewährung verhängte Strafe auch in zweiter Instanz Bestand haben wird.

Die Zahl der Verkehrstoten in Berlin ist in den vergangenen Monaten wieder gestiegen. In diesem Jahr mussten bis Mitte November 44 Menschen beklagt werden, die im Straßenverkehr zu Tode kamen. 2013 gab es 37 Tote, 2012 waren es 42, und 2011 kamen 54 Personen im Berliner Straßenverkehr ums Leben. Zwei Drittel der Unfalltoten sind Fußgänger und Radfahrer.

Im Januar vergangenen Jahres wurde von einem Moabiter Verkehrsgericht ein 72-jähriger Mann, der einen Fußgänger tödlich verletzte, zu einer Geldstrafe von 4050 Euro (90 Tagessätze zu 45 Euro) verurteilt. Auch bei ihm handelte es sich um fahrlässige Tötung.

Busfahrer übersah Fußgänger

Der Angeklagte fuhr einen Bus der Linie 373 und wollte von der Waltersdorfer Chaussee nach links in die Groß-Ziethener Chaussee einbiegen. Das Verkehrsopfer war 76 Jahre alt, lief an einem Stock und überquerte die Straße bei Grün. Es war trübes Wetter, der Busfahrer hatte den Fußgänger nicht gesehen.

Eine Geldstrafe von 1200 Euro verhängte im Mai 2013 ein Moabiter Verkehrsgericht gegen einen 33-jährigen Berufskraftfahrer, der einen 71-jährigen Fußgänger übersah und tödlich verletzte. Er war mit seinem Lkw in der Steglitzer Zimmermannstraße langsam zurück gefahren und hatte die Straße nach eigenen Angaben im Außenspiegel und mit Hilfe der Rückfahrkamera überwacht. Den Fußgänger übersah er. Der Senior verstarb noch am Unfallort.

Das Gericht ging von einem Mitverschulden aus. Der Fußgänger hätte den Lkw bemerken müssen. Der Angeklagte aber hätte sich von einem Einweiser helfen lassen müssen, hieß es in der Urteilsbegründung.