Berliner S-Bahn

Putzmänner während der S-Bahn-Fahrt im Praxistest

100 Tonnen Müll fallen im Jahr in den Berliner S-Bahnen an. Im November werden die Züge probeweise auch während der Fahrt gereinigt. Und zwar dort, wo Bedarf ist.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die einen schauen nur kurz von ihrem Buch auf, die anderen telefonieren ungestört mit dem Handy weiter. Marcel Tusche lässt sich davon nicht beirren. „Entschuldigen Sie bitte, ich würde gern bei ihnen ein wenig sauber machen“, sagt er zu einer überraschten Mitvierzigerin, die mit der S-Bahn gerade auf dem Ring in Richtung Ostkreuz unterwegs ist. Ausgestattet mit Besen und Schaufel kehrt er neben ihr blitzschnell einen alten Pappbecher und das zerknüllte Taschentuch unter der Sitzbank hervor. Schon ist die nächste Station erreicht, der Mann mit der roten Dienstjacke (Aufschrift: „Sauber und frisch … Ich kümmere mich“) steigt aus und wechselt mit seinem Kollegen Mario Dieck in den nächsten Wagen.

Tusche und Dieck gehören zu den insgesamt rund 240 Reinigungskräften, die im Auftrag der Bahntochter DB Service täglich für Sauberkeit in den rund 1300 Berliner S-Bahn-Wagen sorgen sollen. Ein Auftrag, der immer mehr dem sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlenflügel gleicht. Denn: Kaum ist ein Zug sauber geschrubbt, sieht er nach einigen Kilometern Fahrt so aus, als hätte er seit Wochen keinen Besen gesehen. „Wir haben erfreulicherweise immer mehr Fahrgäste, das macht sich bemerkbar“, sagt Teamleiter Stefan Pink, bei der S-Bahn verantwortlich für die Instandhaltung und die Reinigung der Züge. Er sagt aber auch: Das Verhalten der Fahrgäste hat sich geändert. Im Klartext: Immer mehr Passagiere lassen ihre Zeitung, ihren Kaffeebecher oder auch ihre Bierflasche einfach im Zug liegen, wenn sie am Ende ihrer Fahrt aussteigen.

Sauberkeit ist Qualitätsmerkmal

Gerade im Herbst und Winter kommen Split und Schneereste hinzu, die die Reisenden von der Straße oder dem Bahnsteig mit hinein in die Wagen bringen. Gleichzeitig, so wissen auch die S-Bahn-Manager, ist die Sauberkeit der Züge für viele Fahrgäste eines der wichtigsten Merkmale, nach der sie die Qualität der S-Bahn beurteilen. Die wiederum wird regelmäßig vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg mithilfe von Fahrgastumfragen beurteilt. Werden die Qualitätsvorgaben (dazu gehören auch die Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Züge) nicht erreicht, gibt es Abzüge bei den Zahlungen, die die Länder Berlin und Brandenburg als Besteller jeden Monat an die S-Bahn Berlin überweisen. Die Werte waren in den vergangenen Monaten nicht immer gut.

Um die Sauberkeit in ihren Zügen zu verbessern, setzt die S-Bahn jetzt auch während der Fahrt Wagenreiniger ein. Normalerweise werden die Züge an den Endbahnhöfen der Linien sowie während der regelmäßigen Werkstattaufenthalte gereinigt. Nun jedoch testet die S-Bahn einen Monat lang eine sogenannte „Unterwegsreinigung“. Täglich sind drei Zweier-Teams im Einsatz, vor allem auf der Ringbahn (auf der die Züge ja keine Endstationen haben) sowie auf den Stadtbahnlinien, die mitten durch das Zentrum führen. Die Einsatzzeit beginnt um 8.30 Uhr, wenn der morgendliche Berufsverkehr halbwegs durch ist. „Vorher macht das wenig Sinn, da sind die Züge einfach zu voll“, sagt Teamleiter Pink.

Flexibele Einsatzteams

Neu ist auch: Die Putztrupps haben keine festen Einsatzorte, sie gehen dorthin, wo gerade Bedarf besteht. Die Triebfahrzeugführer signalisieren, wenn in ihrem Zug ein Wagen besonders verschmutzt ist. Aber auch Fahrgäste haben die Möglichkeit, Dreckecken zu melden (siehe Info-Kasten). Die Transportleitung der S-Bahn in Schöneweide steuert nach solchen Hinweisen den Einsatz von Tusche und seinen Kollegen. Den Unrat beseitigen, das ist indes nicht unbedingt ein Vergnügen. „Besonders unangenehm sind alte Döner oder Salatschalen, die auf dem Boden langsam auslaufen“, so Tusche. Dann müsse er auch mal mit Scheuerlappen und Wassereimer ran, die für den Einsatz unterwegs erst herbeigeholt werden müssen.

Zumindest am Vormittag fallen aber überwiegend Kaffee-Pappbecher und Zeitungen an, die eingesammelt werden. Bis zu zwei blaue Müllsäcke kommen da pro Schicht schnell zusammen. Müll-Spitzenreiter sind laut Tusche die Ringbahnlinien S41/42 und die S3 nach Erkner. „Die Arbeit macht mir aber trotzdem viel Spaß, ich bin gern unter Menschen“, sagt Tusche. Und es gebe immer öfter Fahrgäste, die ihn für seinen Saubermach-Einsatz auch loben. „Neulich wollte mir eine Frau fünf Euro dafür geben, die darf ich natürlich nicht annehmen. Aber über den Fruchtbonbon habe ich mich doch sehr gefreut.“